Nach dem Taifun Haiyan verteilen Partner der
Diakonie Katastrophenhilfe auf den Philippinen Planen und Decken für Notunterkünfte. Der Bedarf ist riesig.

Vom Sturm gebeutelt

An der humanitären Hilfe zerren viele Kräfte. Sie soll sich allein am Bedarf der Menschen in Not ausrichten. Doch alle Seiten vereinnahmen sie gern für eigene Ziele – vor allem im Krieg.

Humanitäre Hilfe wird von den Prinzipien der Menschlichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit geleitet. Sie ist einzig darauf gerichtet, Menschen in Not, die durch Naturkatastrophen, Epidemien oder Gewaltkonflikte verursacht sein kann, schnell und wirksam zu helfen – unabhängig von politischer, ethnischer, religiöser oder sonstiger Zugehörigkeit. Zugleich ist die humanitäre Hilfe aber ein Handlungsfeld in den internationalen Beziehungen, auf dem verschiedene Akteure mitwirken. Und sie ist ein Instrument im politischen Werkzeugkasten der internationalen Krisenbewältigung.

Der weltweite Bedarf an humanitärer Hilfe wächst seit Jahren. 2014 hat er mit 13 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert erreicht. Die Kriege in Syrien, im Irak, im Südsudan, in Gaza, in der Ukraine und in der Zentralafrikanischen Republik haben Millionen Menschen in die Flucht getrieben; sie sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zwar sind 2014 die großen Naturkatastrophen ausgeblieben, aber die Folgen des verheerenden Wirbelsturms Haiyan auf den Philippinen vom November 2013 wirken noch nach. Hinzu kam die Ebola-Epidemie in Westafrika. Prognosen gehen davon aus, dass der Bedarf an humanitärer Hilfe weiter steigen wird – nicht nur wegen anhaltender oder neuer Gewaltkonflikte, sondern auch weil wetterbedingte Naturkatastrophen aufgrund des Klimawandels an Zahl und Heftigkeit zunehmen werden.

Dem Bedarf stehen begrenzte Finanzmittel gegenüber. Der größte Teil stammt von Regierungen und UN-Organisationen, der Rest von privaten Spendern, nichtstaatlichen Organisationen (NGO) und Stiftungen. Eine lückenlose Erfassung der Finanzströme ist bis heute nicht möglich, obwohl die Vereinten Nationen (UN) das anstreben. In der Vergangenheit haben eine Handvoll überwiegend westlicher Regierungen die humanitäre Hilfe großenteils finanziert; noch immer  bringen sie zwei Drittel des Geldes auf. Aber die „großen Sieben“ (USA, EU, Großbritannien, Deutschland, Schweden, Japan und Kanada) bekommen zunehmend Konkurrenz aus der Türkei, Saudi-Arabien, China, Brasilien oder Indien. Aus den Golfstaaten kommen mehr und mehr große Spenden für einzelne Krisengebiete.

Die Lücke zwischen dem Bedarf und der tatsächlich geleisteten Hilfe fällt je nach humanitärer Notlage sehr unterschiedlich aus. Manche werden aufgrund geringer Medienaufmerksamkeit vernachlässigt – man spricht dann von „vergessenen Krisen“. Anders als noch vor 30 oder 40 Jahren übt die Berichterstattung über Krisen und Katastrophen heute starken Einfluss auf das Spendenaufkommen und das Verhalten der Geberstaaten und Hilfsorganisationen aus. Auch geopolitische Interessen tragen dazu bei, dass die Mittel ungleich verteilt werden. Und für vorbeugende Ursachenbekämpfung wird trotz anderslautender Bekenntnisse immer noch zu wenig Geld bereitgestellt.

Die humanitäre Hilfe hat im Konzert der Entwicklungszusammenarbeit an Gewicht gewonnen. Die Mittel des Auswärtigen Amtes für Nothilfe, die zur Öffentlichen Entwicklungshilfe (ODA) gerechnet werden, sind von 2007 bis 2014 von 360 Millionen Euro auf 1,1 Milliarden Euro gewachsen. Seit 1998 gibt es einen eigenen Bundestagsausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Viele NGOs wie Misereor und Brot für die Welt, terre des hommes und Handicap International, die zuvor ausschließlich in der Entwicklungszusammenarbeit tätig waren, haben ihr Mandat auf humanitäre Hilfe ausgeweitet.

Zu den Menschen gebracht wird internationale Nothilfe zum einen von großen UN-Organisationen wie dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR, dem Kinderhilfswerk UNICEF und dem Welternährungsprogramm WFP. Zum anderen tun das NGOs, teilweise mit eigenen Spendenmitteln oder als Auftragnehmer der UN-Organisationen. Ihre Zahl ist seit den 1980er Jahren rasant gewachsen und inzwischen unüberschaubar. In Somalia waren 1992 nur wenige Hilfsorganisationen vor Ort, nach dem Erdbeben in Haiti 2010 sollen es rund 900 gewesen sein.

Das kann als Ausdruck einer wachsenden Hilfsbereitschaft gesehen werden, schafft aber auch Probleme. Hilfsorganisationen konkurrieren um Spenden und staatliche Zuwendungen; der Kampf um Sichtbarkeit in den Medien steht im Widerspruch zu einem Arbeitsansatz, der auf lokale Organisationen baut. Großkatastrophen veranlassen Medien, NGOs und Prominente zu Benefizveranstaltungen, die zwar viele Spenden sammeln, aber auch platte Klischees über omnipotente Helfer und hilflose Opfer pflegen. Das geht bis hin zu blindem, zum Teil kontraproduktivem Aktionismus nach dem Motto „Hauptsache, es wird geholfen“.

Prominente Hilfe für die Hungernden in Afrika: Der Rockstar Bob Geldof hat im Juli 1985 das legendäre Live-Aid­-Konzert in London ­organisiert. Steve Rapport/ Photoshot/ Getty Images
Die Zusammenarbeit wird durch die wachsende Zahl der Beteiligten erschwert. Nicht alle Nothelfer sind bereit, mit anderen zu kooperieren und die koordinierende Rolle der UN bei großen Katastrophen zu respektieren. Darüber hinaus fragt eine kritische Öffentlichkeit nach der Effizienz humanitärer Hilfsaktionen und schaut argwöhnisch auf die Konkurrenz zwischen den NGOs. Staatliche Geber, private Spender und die Hilfeempfänger verlangen Rechenschaft über den sinnvollen Einsatz der Hilfsgelder.

Die humanitäre Hilfe steht zudem unter einem wachsenden Erwartungsdruck. Sie soll schnell, wirksam und reibungslos Hilfe zum Überleben leisten, unparteiisch, neutral und nachhaltig sein und sich allein an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen orientieren. Sie soll aber auch die Ursachen für Notlagen nicht ignorieren: Statt nur auf Katastrophen zu reagieren, soll sie mehr für Vorbeugung tun.

Die Anforderungen an Qualität und Professionalität haben in den vergangenen Jahrzehnten eine Fülle von Initiativen und Netzwerken hervorgebracht. Noch unter UN-Generalsekretär Kofi Annan wurden große Reformprojekte im UN-System der humanitären Hilfe eingeleitet. Die Finanzierung der Hilfen und die Arbeitsteilung unter den Akteuren haben sich damit verbessert. Aber in akuten Krisen wie Syrien oder Südsudan werden auch die Defizite deutlich – wenn es nämlich nicht gelingt, die Hilfe zu den Not leidenden Menschen zu bringen.

NGOs und UN-Organisationen haben ihre Arbeit mit den gemeinsamen Standards des Sphere Project kontinuierlich verbessert. Auch Geberregierungen haben sich auf Richtlinien verpflichtet wie die „Good Humanitarian Donorship“-Initiative (GHD) oder den Europäischen Konsens über die humanitäre Hilfe. Hier klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch auseinander. Im Zweifelsfall werden die dort formulierten Ideale auf dem Altar einer interessengeleiteten Politik geopfert.

Humanitäre NGOs stehen darüber hinaus vor der Frage, ob sie ihr Aufgabenspektrum erweitern und Friedensaufbau, Menschenrechte und politische Transformation in ihren Zielkatalog aufnehmen. Einige, darunter Care, Oxfam und WorldVision, die zunächst nur humanitäre Projekte gefördert hatten, entschlossen sich später, in Krisenregionen auch den politischen Wiederaufbau zu unterstützen. Wie trennscharf die Abgrenzung zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechtsschutz, Krisenprävention und Konfliktlösung ist, ist umstritten; in der Praxis ist sie kaum einzuhalten. Unbestritten ist, dass Nothilfe, Wiederaufbau und Entwicklungsarbeit besser verknüpft werden sollten, und das ist auch erklärtes Ziel vieler NGOs.

erschienen in Ausgabe 3 / 2015: Nothilfe: Aus Trümmern Neues schaffen

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