Hart an der Grenze

Mindestens 300.000 Menschen machen sich Jahr für Jahr aus Honduras, Guatemala oder Nicaragua auf den Weg in die USA, um der Armut zu entfliehen. In ihrer Heimat sehen sie keine Perspektive. Doch die Reise durch Mexiko wird immer gefährlicher. Ihr Reisegeld macht die Migranten zur lukrativen Beute für kriminelle Banden. Kirchliche Herbergen entlang der Transitroute bieten den Durchreisenden Hilfe und Obdach an.

Unter einer Eisenbahnbrücke hat die kleine Reisegruppe ihre Sachen zum Trocknen ausgebreitet. Schon von weitem sind die bunten Kleidungsstücke auf den Felsen des Flussufers zu sehen. Neun Erwachsene und zwei Kinder sind es; die einen nehmen gerade ein Bad im Fluss, die anderen wärmen sich in den kräftigen Sonnenstrahlen. Juan Misi, ein magerer Honduraner mit einem buschigen Schnauzer, ist einer von ihnen. „Heute nacht sind wir mit dem Güterzug aus Arriaga angekommen. Rund 18 Stunden haben wir im strömenden Regen auf dem Dach des Waggons gekauert. Das war kein Spaß“, sagt der Mann, dessen linke Brust eine verblichene Tätowierung ziert.

Acht Tage ist die Gruppe aus Honduras nun unterwegs. Schon diese Nacht soll es vielleicht mit dem nächsten Zug weiter nach Norden gehen. Die Provinzstadt Ixtepec in Mexikos südlichem Bundesstaat Oaxaca ist nicht mehr als ein Ort zum Verschnaufen. Das eigentliche Ziel sind die USA, denn in Honduras sieht Juan Misi keine Perspektive. „Ich kann meine Familie dort nicht ernähren. Mein nächstes Etappenziel ist Mexiko City. Dort hoffe ich für ein paar Wochen Arbeit zu finden, und danach will ich über die Grenze nach Kalifornien“, erklärt der 40-jährige Familienvater.

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Vier Kinder und seine Ehefrau hat er daheim zurückgelassen. So schnell wie möglich will er ihnen Geld schicken. Doch sie werden vorerst warten müssen, denn Misi und seine Begleiter wurden kurz nach ihrer Ankunft in Ixtepec ausgeplündert. „Sechs Männer haben uns überfallen und uns das Reisegeld und unsere Mobiltelefone abgenommen“, erzählt er. An Widerstand war nicht zu denken, nun muss sich die Gruppe ohne Bares durchschlagen. „Jetzt müssen wir eine der kirchlichen Herbergen für Migranten aufsuchen und um Hilfe bitten“, erklärt einer von Misis Reisegefährten. Bisher hatte er auf einem der Felsen gehockt und nachdenklich in die Ferne geschaut.

Er ist schon zum zweiten Mal auf dem Treck nach Norden. Beim ersten Versuch hat ihn die mexikanische Polizei aufgegriffen und zurückgeschickt. Das ist kein Einzelfall, denn der „Sueño Americano“, der amerikanische Traum, hat eine starke Anziehungskraft. So stark, dass auch Frauen wie Isabel Vicente Fuentes die gefährliche Reise wagen. Sie ist gemeinsam mit einem Freund auf dem Weg zu ihrer Schwester nach Merida im mexikanischen Bundesstaat Yucatan und macht ebenfalls Zwischenstation in Ixtepec. „Meine Schwester hat Arbeit als Hausmädchen und will mir auch eine Stelle vermitteln“, sagt die 25-jährige Mutter von drei Kindern, die aus der guatemaltekischen Stadt Quetzaltenango stammt. Dort findet sie keinen Job. Ihre Kinder hat sie bei der Großmutter zurückgelassen. „Was soll ich machen, in Quetzaltenango habe ich keine Perspektive“, sagt sie und zuckt hilflos mit den Schultern.

Entführung mit System

Laut einem Bericht der mexikanischen Menschenrechtskommission vom vergangenen Sommer nimmt die Gewalt gegen Migranten zu. In sechs Monaten wurden in den landesweit zehn…

Wie die meisten Migranten ist sie in Arriaga auf den „Zug des Todes“ gestiegen. Der Ort im Bundesstaat Chiapas ist Startbahnhof für „La Bestia“, die Bestie, den Güterzug, der zwei bis drei Mal pro Woche Zement, Maismehl und andere Dinge aus dem Süden Mexikos in den Norden transportiert. Sein erster Halt ist Ixtepec. Gegen vier Uhr morgens ist der Zug in strömendem Regen eingetroffen. Viele der pitschnassen Reisenden auf den Waggondächern, den Plattformen zwischen den Wagen und in einzelnen Waggons waren froh, dass die erste Etappe nach rund 300 Kilometern und 18 Stunden Fahrt endlich vorbei war.

Zu ihnen gehört auch Reina Paro Flores aus Honduras. Zum vierten Mal sieht sie den Bahnhof von Ixtepec und freut sich, dass in der Herberge „Brüder des Weges“ eine warme Malzeit wartet. Das Haus wird von dem Geistlichen Alejandro Solalinde Guerra geleitet. Immer wenn ein Güterzug in den Bahnhof einfährt, stehen Mitarbeiter bereit, um den erschöpften Menschen den Weg in das Quartier zu weisen. Heute empfängt die Psychologin Aurelia Palomo die rund 50 Migranten.

„Normalerweise sind es deutlich mehr, pro Zug um die 250“, erklärt die junge Frau. In der Herberge, nur wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt, tragen die Neuankömmlinge ihre Namen in eine Liste ein. Hier wird Buch geführt, aber vor allem wird geholfen. Zuhören und die Nöte der Menschen ernst nehmen, ist Teil der Arbeit der ehren- und hauptamtlichen Helfer. Für die Menschen aus Honduras, El Salvador oder Guatemala ist das eher ungewohnt, denn in Mexiko haben sie in aller Regel nichts Gutes zu erwarten. Überfälle, Vergewaltigungen und Entführungen seien rund um Ixtepec nicht selten, berichtet die Psychologin.

Mexikos Süden ist in den vergangenen Jahren für Migranten extrem gefährlich geworden, obgleich die das Land auf dem Weg in die USA nur möglichst schnell hinter sich lassen wollen. Das wissen auch die Mexikaner. Doch sie wissen auch, dass die mindestens 300.000 Migranten, die jedes Jahr das Land durchqueren, etwas Geld dabei haben. „Das macht sie zu einer lukrativen Beute“, erklärt David Alvárez Vargas. Er ist der Geschäftsführer der Herberge von Ixtepec und ehemaliger Polizist. „Die Migranten suchen in erster Linie Sicherheit, wenn sie hierherkommen. Erst danach kommt die warme Mahlzeit“, erklärt der 42-Jährige.

Besonders gefährlich ist der Treck gen Norden für Frauen. Dennoch steigt ihre Zahl, denn mit der internationalen Wirtschaftskrise ist ihre Lage in den Herkunftsländern noch schwieriger geworden. Reina Paro Flores wurde schon drei Mal auf dem Weg nach Norden von den mexikanischen Behörden aufgegriffen und zurückgeschickt. „In Honduras habe ich keine Chance, ich muss in die USA“, sagt die hübsche Frau lapidar und hängt ihre nassen Sachen zum Trocknen auf. „Gestartet bin ich allein. Schon in Honduras habe ich meine drei Reisebegleiter kennengelernt. Jetzt sind wir sechs Tage unterwegs und wollen zusammen nach New York oder Tennessee, um einen Job zu suchen“, erklärt die Mutter dreier Kinder.

Ihre drei Söhne will sie nachholen, sobald sie reguläre Papiere hat. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Den Traum vom Leben in den USA träumen viele Auswanderer. Noch mehr wollen allerdings nur ein paar Jahre in den USA schuften, um etwas Startkapital für ein kleines Geschäft in ihrer Heimat zusammenzubekommen. Das ist das Ziel von Juan Carlos aus El Salvador, der sich gerade von seinem Lager im Schlafsaal unter freiem Himmel erhoben hat. Mit Planen ist das halbfertige Herbergsgebäude gegen den Regen geschützt, denn dem Pfarrer ist das Geld für den Weiterbau ausgegangen.

Juan Carlos muss allerdings warten, bis er weiterreisen kann. Ein dicker Gips umschließt seinen Oberkörper. „Ich habe mir die Schulter gebrochen, als ich vom Waggon fiel“, erklärt der junge Elektriker lächelnd. Er weiß nur zu gut, welches Glück er hatte, denn der Sog des Zuges ist tückisch. „Er zieht dich aufs Gleis und es gibt viele, die ein Bein, einen Arm oder ihr Leben verloren haben.“ In aller Regel landen die Verletzten im Krankenhaus und werden anschließend abgeschoben. Doch die Mitarbeiter der Migrantenherbergen im Süden Mexikos kümmern sich darum, dass sie in der einzigen Einrichtung Mexikos landen, in der kranke Migranten gesund gepflegt werden – in der Herberge „Jesús, der gute Hirte“ in Tapachula, nahe der Grenze zu Guatemala.

Aurelia Palomo hat schon öfter Opfer des Zuges aus Ixtepec dorthin befördert. Hunderte kommen jährlich bei der Bahnfahrt zu Schaden, denn die Fahrt auf den Dächern der Waggons oder auf den Plattformen zwischen den Wagen ist riskant. „Viele haben zu wenig Wasser und Proviant dabei und fallen erschöpft vom Zug. Manche schlafen auch ein und verlieren den Halt“, erzählt die Psychologin. Das ist auch Juan Carlos passiert. Jetzt muss er mindestens drei Wochen warten, bis die Schulter halbwegs heil ist und er die Fahrt auf der „Bestie“  ein weiteres Mal wagen kann. Zum Zug gibt es keine Alternative, denn die Migranten können sich keine Busfahrt leisten. Darüber hinaus würden sie ohne Papiere auch gar nicht mitgenommen.

Allein um den „Zug des Todes“ zu erreichen, nehmen viele Migranten enorme Anstrengungen in Kauf. Sie gehen die knapp dreihundert Kilometer von der Grenzstadt Ciudad Hidalgo bis zum Startbahnhof Arriaga zu Fuß. In der dortigen Herberge kümmert sich der Pfarrer Heymann Vázquez um die erschöpften Ankömmlinge. „Es ist schockierend wie die Menschen hier manchmal ankommen. Erschöpfung ist normal, aber manche Männer wurden fürchterlich zusammengeschlagen, Frauen mehrfach vergewaltigt“, schildert der 49-jährige Pfarrer und setzt die Brille ab.

„Mich entsetzt das, denn wir predigen Nächstenliebe und erleben eine Diskriminierung, einen Rassismus, der kaum nachzuvollziehen ist. Wir sind doch alle aus dem gleichen Stoff.“ Vázquez arbeitet seit sieben Jahren in Arriaga und kann es sich leisten, die Dinge beim Namen zu nennen. In Ixtepec ist das kaum möglich. Da haben die Einwohner schon gegen die Herberge demonstriert. Nicht ohne Grund werden die Migranten vom Bahnhof abgeholt. Juan Misi und seine Reisegefährten hatten schlicht Pech. Sie waren einige Meter vor der Station vom Zug gesprungen.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2010: Mobilität - Die täglichen Wege