Einmal Dalit, immer Dalit

Das hinduistische Kastensystem ist in Indien offiziell längst abgeschafft. Aber die damit verbundene Mentalität lebt weiter – da hilft auch kein Wechsel der Religion.

Nennen wir sie Binay und Priya: Sie unterrichten an einem College im Norden von Westbengalen Computerwissenschaften. Beide sind gebildet, sprechen gut Englisch, sind innerhalb Indiens viel gereist und durch ihre Gehälter finanziell von ihren Eltern unabhängig. Beide Familien kommen ursprünglich aus Bihar, ihre Kaste ist gleich, nur die Unterkaste ist verschieden. Sie kennen sich seit zwei Jahren und treffen sich täglich, das heißt sie sind als Paar bekannt.

Beide Elternpaare schätzen den jeweiligen Partner ihrer Kinder. Sie finden, dass sie zueinander passen und dass die Familiengründung finanziell abgesichert wäre. Trotzdem sind sie gegen eine Ehe. Denn, sagen sie, da ihr verschiedenen Unterkasten angehört, verursacht eine Heirat Probleme. Eure jüngeren Brüder und Schwestern werden nur mit Schwierigkeiten Ehepartner finden, die Aussteuer wird in die Höhe schnellen, man wird über unsere Familie schlecht reden. Und zu welcher Unterkaste werden eure Kinder einmal gehören?

Geht es ums Heiraten, ist das indische Kastensystem noch fest in den Köpfen verankert. Es gilt das Gebot, dass Mädchen und Jungen innerhalb der eigenen Kaste und Unterkaste heiraten sollen. Selbst hochgebildete Menschen, die ein liberales, aufgeklärtes, an westlichen Idealen ausgerichtetes Leben führen, kapitulieren vor der Hartnäckigkeit des Kastengedächtnisses, wenn es zur Heirat kommt. Ehen von Partnern, die unterschiedlichen Religionen oder Kasten angehören oder aus unterschiedlichen Regionen stammen, sind weiter selten. 

Religiös sanktioniertes Kastensystem

Indien ist weltweit das einzige Land, dessen Gesellschaft nach einem Kastensystem in verschiedene hierarchische Gruppen unterteilt ist. Es geht zurück auf die heiligen Schriften der Hindus, ist Teil des Hindu-Kodexes (dharma) und somit religiös sanktioniert. Das Kastensystem hat mehrere historische Wurzeln, und es hat sich im Lauf der Jahrtausende stark verändert. Das macht eine allgemein gültige Beschreibung schwierig.

Vier Kasten werden unterschieden: Die oberste ist die Kaste der Priester (Brahmanen), danach kommen die Krieger (Kshatriyas), die Händler (Vaishyas) sowie die Handwerker und Menschen in dienenden und „unsauberen“ Berufen (Shudras). Darunter stehen die „Unberührbaren“ (Dalits). Der Mythos über die Entstehung der Kasten im Rig-Veda deutet schon auf die hierarchische Ordnung und die Struktur der Unterwerfung hin: Die Brahmanen wurden vom Mund des Ur-Menschen (Purusa) geformt, die Krieger aus den Armen, die Händler aus den Schenkeln und die Shudras aus den Füßen.

Die Bezeichnung „Kaste“ stammt aus dem Portugiesischen und hat im Sanskrit, der klassischen Sprache Indiens, zwei Entsprechungen: Varna und Jat. Sie definieren das Kastenwesen auf unterschiedliche Weise. Varna heißt „Farbe“ und weist darauf hin, dass die hellhäutigen Arier, die um 1500 vor Christus aus dem persischen Raum nach Nordindien einwanderten und das Gebiet eroberten, die dunkleren Einwohner nach ihrer Hautfarbe unterteilten und sich als Priester über sie stellten, um das rituelle wie gesellschaftliche Leben zu bestimmen. Doch konnte diese Unterscheidung nicht lange aufrechterhalten bleiben. Einige der dominanten Hindu-Gottheiten werden als dunkel geschildert, etwa Krishna („der Schwarze“), ebenso wie wichtige Gestalten aus dem Volksepos Mahabharata.

Jat bedeutet „Rasse“. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Arier die Kasten nach rassischen Merkmalen festlegten. Die unterste Kaste, die „Unberührbaren“ oder „Pariahs“, sowie die Ureinwohner (Adivasis) Indiens waren keine Arier.

Als Dalit zum Millionär: Ashok Khade (Mitte) zählt mit seiner Ingenieursfirma zu der kleinen, aber wachsenden Zahl von ­Unberührbaren, die den Aufstieg geschafft haben. Kuni Takahashi/NYT/Redux/laif
Mit den Jahrhunderten entwickelten sich die Kastentrennungen weiter. Unterschiedliche rassische Einflüsse mischten sich, und es entstanden zahlreiche Unterkasten, die sich im Wesentlichen nach Berufsständen gliederten. So bestehen etwa bis heute die Unterkasten der Weber, Wäscher, Schmiede, Gärtner und Milchhändler. Viele können sich mit Hilfe von Schulbildung aus dem angestammten Beruf emanzipieren und werden Beamte, Lehrer, Händler. Allerdings bleiben sie lebenslang Mitglieder der Kaste, in die sie geboren wurden, und vererben sie an ihre Nachkommen.

Hindus können ihrer Kaste nur entkommen, wenn sie die Religion wechseln. Diesen Weg haben vor allem zahlreiche Angehörige niedriger Kasten sowie Kastenlose gewählt: Sie sind Muslime, Christen oder Buddhisten geworden. Der Sozialreformer und Politiker B.R. Ambedkar ist mit rund einer halben Million Mitstreitern 1956 Neo-Buddhist geworden. Aus Protest gegen die Diskriminierung und Demütigung von Seiten der oberen Kasten sind zahlreiche „Dalits“ (niedrigkastige und kastenlose Arme) zum Christentum übergetreten.

Katholischer Brahmane sucht katholische Brahmanin

Doch die ursprüngliche Kastenzugehörigkeit wirkt weiter. Unter den indischen Christen, Muslimen und Sikhs gelten Konvertiten aus niedrigen Kasten bis heute nicht als gleichberechtigt. Sie behalten dieses Stigma und vererben es an ihre Kinder. Ich habe in Karnataka in der Nähe der modernen Großstadt Bangalore – der „IT-Hauptstadt Indiens“ – katholische Gottesdienste erlebt, in denen Menschen, die aus niedrigen Kasten stammen, einen getrennten Platz einnehmen mussten. Im Klerus werden „niedrigkastige Priester“ diskriminiert, Bischöfe werden entsprechend ihrer „Kaste“ gewählt, das heißt, jede „Kaste“ möchte einmal den Bischof aus ihrer Gemeinschaft stellen.

In den Zeitungen liest man Heiratsanzeigen wie „Katholischer Brahmane sucht katholische Brahmanin“, wobei allerdings auch Bildung, Körpergröße und sozialer Hintergrund genannt werden. Die christlichen Kirchen, die vor fünf Jahrhunderten Indien betraten, um Hindus von den Missständen ihrer Religion zu befreien, sind nun selbst, nachdem sie einheimisch geworden sind, vom Virus der Kastenmentalität infiziert.

Positiv gesehen stiftet die Kastenzugehörigkeit Identität und gewährt Schutz und Sicherheit. Da die indische Gesellschaft ein langes Gruppengedächtnis hat, bleibt es über Generationen wichtig, aus welcher Region man stammt und welcher Kaste und Unterkaste man angehört. Man rühmt sich der eigenen Gruppe, auch wenn man nichts zu ihrem Ruhm beiträgt.

Als Indien 1947 von den britischen Kolonialherren unabhängig wurde, schaffte die Regierung das Kastensystem ab. Kastendiskriminierung wird offiziell nicht geduldet und kann bestraft werden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Parteipolitik ist von der Kastenmentalität durchdrungen, eben weil das Volk kastenbewusst ist und bei lokalen wie landesweiten demokratischen Wahlen entsprechend die Stimmzettel ausfüllt. Man möchte von Männern und Frauen der eigenen Kaste vertreten werden, will, dass die eigene Kaste oder Unterkaste möglichst viel Macht erhält. Also bevorzugen die Politiker die Mitglieder ihrer Kaste und binden sie an sich.

Niemand fragt den Kellner nach seiner Kastenzugehörigkeit

Um die niederen Kasten, Kastenlosen und Stämme aus der Armut und der gesellschaftlichen Marginalisierung zu befreien, führte die Regierung nach der Unabhängigkeit ein Quotensystem ein. Danach müssen Mitglieder dieser Gruppen besonders gefördert werden. Ein bestimmter Prozentsatz von ihnen muss in Schulen und Universitäten aufgenommen und für den Staatsdienst zugelassen werden. Die Ansprüche an die Qualifikation sind weniger hoch als bei den anderen Kasten. Hinzu kamen weitere Gruppen – Kasten im mittleren Bereich der Hierarchie –  denen ähnliche Vorzüge erlaubt wurden, sodass rund die Hälfte der Zulassungen zu Schule, Universität und Staatsdienst per Quote geschieht. Das schafft böses Blut bei den höheren Kasten. Die Brahmanen sehen ihren gesellschaftlichen Führungsanspruch bedroht.

Die Quotenregelung hat dazu beigetragen, dass die indische Gesellschaft noch lange nicht vom Kastensystem Abschied nehmen kann. Ursprünglich sollte sie nur so lange gelten, bis die unteren Kasten den Anschluss an die übrige Gesellschaft erreicht hatten. Doch fast 70 Jahre nach der Unabhängigkeit zeigt sich, dass die Quoten nicht mehr demokratisch abgeschafft werden können, weil sich die unteren Kasten an ihre Privilegien gewöhnt haben. Wie früher gelten sie offiziell als „zurückgeblieben“, was längst nicht mehr allgemein stimmt. So zementiert eine ungeschickte Politik die Unterwürfigkeit und den Minderwertigkeitskomplex der unteren Kasten.

Autor

Martin Kämpchen

lebt seit 40 Jahren als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist in Indien und setzt sich für den deutsch-indischen Kulturdialog ein. Zuletzt erschien sein Buch „Leben ohne Armut“ (Freiburg 2011).
An Bedeutung verloren hat hingegen das Gebot der rituellen Reinheit – bislang ein wesentlicher Grund für die Diskriminierung unterer Kasten. Ursprünglich galten die niedrigen Kasten als rituell unrein. Ihr Schatten oder ihre Berührung verunreinigt die oberen Kasten. Sie dürfen nicht an Brunnen Wasser schöpfen, die diesen vorbehalten sind, sie dürfen bestimmte Tempel nicht betreten, bestimmte Riten nicht ausüben, ihnen wird die Tischgemeinschaft mit den oberen Kasten verwehrt. 

Das moderne Leben hat eine strikte Einhaltung solcher Kastenregeln unpraktisch und sogar unmöglich gemacht. Niemand fragt danach, welcher Kaste die Menschen angehören, die in einem Bus oder einem Zug mitfahren, im Restaurant am Nebentisch sitzen oder als Kellner bedienen. Vor allem in den Städten – weniger in den Dörfern, wo jeder den anderen kennt – sind die Kastenunterschiede verwischt und die Reinheitsregeln außer Kraft gesetzt.

Die beiden jungen Computerwissenschaftler Binay und Priya hingegen brauchen Geduld. Sie müssten auf die Bedenken ihrer Eltern eigentlich keine Rücksicht nehmen und könnten trotzdem heiraten. Aber keiner möchte auf deren Zustimmung verzichten, keiner will Unfrieden in der Familie stiften. Und so hoffen sie seit zwei Jahren auf ein Einlenken.

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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