Von den Rändern kommt das Neue

Grundlegender gesellschaftlicher Wandel geht aus dem Zusammenwirken vieler kleiner Veränderungen auf lokaler Ebene hervor und lebt von der Vielfalt der Kräfte, die sie vorantreiben. In den Beratungen über neue UN-Nachhaltigkeitsziele ist davon wenig zu spüren.

„Der Weg zu einem Leben in Würde bis 2030: die Armut beenden, Menschenleben verändern und die Erde schützen“ – so hat Ban Ki-moon seinen Synthesebericht zur Post-2015-Agenda überschrieben. Der UN-Generalsekretär fasste darin im vergangenen Dezember die bisherigen Ergebnisse des Prozesses zusammen, der im September 2015 zu einer Verabschiedung dieser Agenda führen soll. Transformation erklärt er darin zum Ziel und Leitmotiv. Nur eine leere Vokabel, um fortzufahren im bisherigen Trott? Ban stellt das in Abrede: Allein die Herausforderungen des Klimawandels ließen ein „Weiter so“ nicht zu. „Wir müssen unsere Wirtschaftssysteme, unsere Umwelt und unsere Gesellschaften transformieren. Wir müssen alte Denkhaltungen, Verhaltensweisen und destruktive Muster verändern.“

Um zu einer Entwicklung zu gelangen, die innerhalb der Grenzen des Erdsystems verläuft, braucht es in der Tat eine „Große Transformation“, einen tiefgreifenden Wandel aller gesellschaftlichen Bereiche, einschließlich der Konzepte von Entwicklung und grenzenlosem Wachstum. Der Weg dahin ist weder linear noch von zentralen Machtinstanzen technokratisch planbar. Das zeigen Umbrüche wie der Fall der Mauer oder der arabische Frühling, mehr noch die Bewegungen, die in Bolivien oder Ecuador nach jahrhundertelanger Unterdrückung der Indigenen zu einer wesentlichen Kraft für die Umgestaltung ihrer Gesellschaft geworden sind. Große Transformationsprozesse gehen aus dem Zusammenwirken einer Vielzahl kleiner Veränderungen auf lokaler Ebene hervor und leben von der Vielfalt der Kräfte, die sie vorantreiben.

Von einer solchen Sicht, die von einer „Gestaltung des Unplanbaren“ ausgeht, wie es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderung formuliert hat, ist in den Vorbereitungen der Post-2015-Agenda wenig zu spüren. Selbst die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich einschalten, wachen hauptsächlich darüber, ob „ihre“ Themen in den bislang vorgesehenen 17 Hauptzielen untergebracht sind. Oder sie fordern demokratischere Entscheidungsstrukturen für globale Entwicklung. Auf dieser Linie liegt auch die jüngste Studie zur nachhaltigen Entwicklung der Evangelischen Kirche in Deutschland, die sich für institutionelle Reformen im UN-System stark macht. Konzepte für „Global Governance“ dürften jedoch so wenig ausreichen wie ein Set substanzieller Ziele, um den geforderten Wandel zu bewerkstelligen.

Autor

Beat Dietschy

ist Zentralsekretär von "Brot für alle" in Bern.
Noch gleichen also die Lösungswege den bestehenden Problemen – nicht zuletzt deshalb, weil deren systemische Ursachen ausgeblendet werden. Dies gilt auch für Bans „Weg zu einem Leben in Würde“. Worin bestehen die von ihm beschworenen „transformativen Umbrüche“, wenn er dem Privatsektor eine Schlüsselrolle für die Verwirklichung der Post-2015-Agenda zuschreibt und darauf setzt, dass Unternehmen „die Märkte von innen heraus transformieren und Produktion, Verbrauch und Kapitalallokation inklusiver und nachhaltiger gestalten“? Das klingt nach „business as usual“. Es bedarf aber kultureller Lern- und Verlernprozesse auf allen Ebenen der Gesellschaft, um aus der Sackgasse des modernen Raubbausystems herauszufinden. Notwendig sind Gegenmodelle und alternative Weltsichten, die Menschen zum Wandel bewegen und befähigen. Wir brauchen beides: Kritik und Ursachenforschung, die die ökologisch-sozialen Grenzen des jetzigen Modells aufzeigt, wie auch Erzählungen des Wandels, die diesem Richtung geben.

Ban Ki-moon hat in seiner Rede immerhin an das „Mosaik vielfältiger Kulturen“ erinnert, „die unser sich herausbildendes Verständnis der nachhaltigen Entwicklung prägen“ könnten. Damit das gelingt, scheint mir eine Transformation des vorherrschenden ökonomisch und technologisch geprägten Entwicklungsverständnisses von zentraler Bedeutung. Es ist nicht der homo oeconomicus, der uns den „Weg zu einem Leben in Würde“ führen wird. Würde ist, was die Mühseligen, die Beladenen und Erniedrigten dazu antreibt, sich mit ihrem Geschick nicht abzufinden. An ihren Kämpfen sollte sich eine jede Entwicklungsagenda orientieren. „Wege zur Würde“ werden mit einer „transformativen Spiritualität“ und Praxis gebahnt. Das haben die Kirchen bei der Vollversammlung des Ökumenischen Rates 2013 in Busan gezeigt und einen „Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden“ initiiert, der von den marginalisierten Menschen und der misshandelten Schöpfung ausgeht. Auch die Post-2015-Agenda braucht eine solche „Mission von den Rändern her“.

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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