„Jeder soll vom Ölreichtum profitieren“

Die Erdölförderung im Tschad sollte der Entwicklung und der Armutsbekämpfung dienen – das vereinbarten die Regierung, die beteiligten Ölkonzerne und die Weltbank im Jahr 2000. Ein Gesetz legte die Aufteilung der Einnahmen fest, es wurde jedoch 2006 in wesentlichen Punkten abgeschwächt. Zwei Jahre später zog sich die Weltbank aus dem Modellprojekt zurück, weil die Regierung sich nicht an die Abmachungen hielt. Pater Antoine Dathol Bérilengar war Mitglied der Kommission, die die Verwendung der Öleinnahmen überwachen sollte. Er setzt sich weiter dafür ein, dass sie auch der Bevölkerung zugute kommen.

Die Tschad-Kamerun-Pipeline war ein Modellprojekt. Woran ist es gescheitert?

Zum einen wurde das Gesetz nicht ausreichend respektiert, das zu Beginn der Erdölförderung erlassen worden war. Danach sollten 10 Prozent der Einnahmen für künftige Generationen zurückgelegt werden. Vom Rest sollten 80 Prozent in Gesundheit, Bildung, ländliche Entwicklung und Infrastruktur fließen. 5 Prozent sollte die Bevölkerung in der Erdölregion erhalten, 15 Prozent der Staat. Doch das Geld wurde nicht für die Bereiche verwendet, für die es bestimmt war. Der Tschad ist kein demokratischer Staat. Die Regierung wird nicht vom Parlament zur Rechenschaft gezogen, sie kann schalten und walten, wie sie will. Und sie kann Gründe für Ausgaben im Bereich Verteidigung geltend machen, etwa den Krieg in Darfur. Zum anderen ist der Tschad kein Erdölförderungsland wie Guinea oder Nigeria. Er lebt mehrheitlich von Landwirtschaft, Viehzucht und Fischerei. Wenn das Erdöl dazugekommen wäre und für Synergien zwischen den Wirtschaftsbereichen gesorgt hätte, hätte es funktionieren können. Aber durch die Erdölförderung sind die anderen drei Bereiche abgestorben. Inzwischen machen die Erdölgelder 82 Prozent des Staatshaushaltes aus.

Sie waren von 2004 bis 2007 Mitglied des unabhängigen Gremiums, das die Verteilung der Erdölgelder kontrolliert. Wie lief das in der Praxis?

Anfangs war geplant, dass es an der Erstellung des Staatshaushaltes beteiligt werden sollte. Es sollte dem Parlament einen Entwurf für die Budgetverteilung zur Abstimmung vorlegen. Aber das Parlament hat die Vorschläge völlig ignoriert. Ferner gab es keinen festen Anteil pro Sektor. Die Regierung hat das Geld willkürlich verteilt und im Dezember 2006 per Gesetzesänderung die öffentliche Verwaltung, das Justizwesen und die Verteidigung als weitere Sektoren hinzugenommen. Dafür sind dann die meisten Mittel verwendet worden. Zudem hat sie öffentliche Aufträge nach ihrem Gusto verteilt. Wenn die Dienstleister ihre Arbeit schlecht gemacht hatten, hatten wir keine Handhabe, dagegen vorzugehen. Das Kontrollgremium wurde mehr und mehr zu einer Instanz ohne Befugnisse.

Gibt es das Gremium noch?

Ja. Aber es erhält keine Unterstützung von der Regierung.

Wie engagieren Sie sich jetzt für die gerechte Ressourcenverteilung?

Ich kämpfe für eine gerechte Entschädigung der Bevölkerung. Ich gebe eine Zeitschrift heraus, die aufzeigt, wie unfair die Verteilung der Erdölgelder ist. Die Menschen in den Erdölförderregionen leben im Elend. Ihr Grund und Boden ist zerstört worden und dennoch gehen die Bohrungen weiter. Außerdem fordere ich von der tschadischen Regierung und den Ölkonzernen, dass Umweltstandards eingehalten werden müssen. Wir möchten eine „win-win-Situation“ für alle, damit jeder von dem Reichtum profitieren kann.

Wie werden die Menschen in der Erdölregion entschädigt?

Das war von Anfang an schlecht organisiert. Nach tschadischem Recht gehört der Boden dem Staat. Die Bauern dürfen ihn nur bewirtschaften. Deshalb gab es nur Entschädigungen für Felder oder Obstbäume. Zunächst wurden lediglich fünf Euro pro Baum bezahlt, durch Verhandlungen konnten wir den Preis auf 1500 Euro erhöhen. Wurde ein Wald oder ein Fluss zerstört, bekam das betroffene Dorf zum Ausgleich eine Schule. Doch die war in der Regel zu klein. Manche Dörfer erhielten einen Wasserturm oder man hat ihnen versprochen, die Straßen auf zehn Kilometern zu teeren. Insgesamt sind die Entschädigungen völlig ungenügend.

Was wäre denn angemessen?

Die meisten Tschader leben von der Landwirtschaft. Man sollte sie darin unterstützen, effizienter zu wirtschaften. Wenn sie aufgrund der Erdölförderung nicht in ihrer Heimat bleiben können, sollten sie Geld bekommen, damit sie einen anderen Beruf finden können. Die Menschen haben keine Unterstützung erhalten, mit der sie eine Zukunftsperspektive haben. Man hat sie punktuell entschädigt, um sie loszuwerden und ungestört weiter nach Erdöl bohren zu können.

Hatte die Bevölkerung Mitsprachemöglichkeiten bei den Entschädigungen?

Nein. Das wurde alles zwischen der Regierung und den Konzernen ausgehandelt. Hinzu kommt, dass der Parlamentsabgeordnete aus dieser Region auch noch Mitglied der Opposition ist und ohnehin einen schweren Stand hat, wenn es darum geht, die Interessen seiner Region zu verteidigen.

Gibt es gewaltsame Auseinandersetzungen wie in Nigeria?

Nigeria war für uns ein abschreckendes Beispiel. Wir haben versucht, durch das Modellprojekt Umweltzerstörungen und Konflikte zu verhindern. Jetzt, nach dem Scheitern des Projektes, verhält sich die Bevölkerung noch ruhig. Aber das ist zum Teil auch auf die starke Militärpräsenz im Erdölfördergebiet zurückzuführen. Ich rechne aber schon mit Demonstrationen gegen die Regierung und gegen die Weltbank. Die Bevölkerung beschuldigt die Bank, sie in die Irre geführt zu haben. Die Weltbank muss ihren Teil der Verantwortung übernehmen. Sie kann nicht einfach die Schuld für das Scheitern der tschadischen Regierung zuschieben.

Sie haben gesagt, dass Sie auch mit Erdölkonzernen sprechen. Wie sind denn deren Reaktionen?

Im vergangenen Jahr hat man mir bei Exxon in Paris den Namen und die Telefonnummer einer Kontaktperson im Tschad versprochen. Aber nichts ist passiert. In N’Djamena gibt es keine Büros von Exxon, Petronas oder Chevron. Diese drei Unternehmen haben sich zu dem Konsortium Esso-Tschad zusammengeschlossen, dessen Verwaltung in Houston (Texas) sitzt. Gut wäre eine Art „Runder Tisch“ mit den Erdölunternehmen, an dem Schwierigkeiten offen angesprochen werden.

Vor kurzem sind auch noch die Chinesen in das Erdölgeschäft im Tschad eingestiegen. Was heißt das für Ihre Arbeit?

Die Chinesen bauen zwei Erdöl-Pipelines mit insgesamt mehr als 600 Kilometern Länge. Außerdem errichten sie in N’Djamena eine Raffinerie, um das Erdöl zu verarbeiten. Das bereitet uns große Sorgen, denn sie bauen sehr schnell und wir haben keinerlei Informationen darüber, ob sie Umweltstandards einhalten und was mit der Bevölkerung in den betroffenen Regionen geschehen soll. Das Öl soll zumindest teilweise auf dem tschadischen Markt verkauft werden. Wir wissen aber nicht, wie die Regierung mit den Einnahmen umgehen wird. Wir brauchen einen juristischen Rahmen, der Umweltstandards und die Verteilung der Einnahmen festschreibt. Der müsste für alle Fördergebiete und für alle Erdölunternehmen im Tschad gelten, egal ob sie aus Indien, China oder Holland kommen.

Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.

 

Pater Antoine Dathol Bérilengar ist Direktor des „Centre d’Etudes et de Formation pour le Développement“ (CEFOD), eines Zentrums für Erwachsenenbildung in N’Djamena. Das Zentrum wird von Misereor unterstützt.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss