Kirchen und Kolonialismus
Kirchen und Kolonialismus

Schmerzhafte Beziehungen

Mehrere Jahre lange haben 23 protestantische Kirchen und Missionswerke aus Namibia, Südafrika und Deutschland ihre Rolle in Kolonialismus und Apartheid aufgearbeitet. Jetzt liegen Ergebnisse vor.

Viel zu lange haben deutsche Kirchen und Missionswerke das Apartheidregime in Südafrika unterstützt oder zumindest nicht hinterfragt. Erst in den 1970er Jahren hat sich hierzulande die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein solches System nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist. „Für viele sind die Wunden der Apartheid, wie sie auch in Kirchen praktiziert wurde, noch frisch“, sagte Kobus Gerber von der Niederdeutschen Reformierten Kirche in Südafrika bei der Vorstellung der Forschungsergebnisse Ende Juni in Berlin. Deshalb sei es notwendig, Schuld beim Namen zu nennen. Und Jacob Lebaleng Selwane, Bischof der ELCSA, der größten evangelisch-lutherischen Kirchen im Südlichen Afrika, warnte: „Das Biest der Apartheid ist noch lange nicht tot. Es hat nur seine Gestalt gewandelt.“

Vor der Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle während der Apartheid war bereits die koloniale Vergangenheit der evangelischen Kirchen im südlichen Afrika erforscht worden. 2004, zum 100. Jahrestag des Völkermords und Kolonialkriegs in Namibia, hatte die rheinische Landeskirche sich verpflichtet, ihre Rolle in dieser Zeit aufzuarbeiten. Rheinische Missionare und Siedler zählten zu den ersten Weißen im südlichen Afrika. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) griff das landeskirchliche Projekt auf.

Es folgte ein Studienprozess, an dem Theologen und Historiker aus Deutschland, Südafrika und Namibia beteiligt waren. Er beendete die Sprachlosigkeit, die vorher in den Kirchen und Werken angesichts der eigenen Verstrickung in die Machtverhältnisse im südlichen Afrika geherrscht hatte. „Wir stehen gemeinsam in der Pflicht, die Rolle der Kirchen und Missionsgesellschaften zur Zeit des Kolonialismus und der Apartheid kritisch zu diskutieren“, sagte die Auslandsbischöfin der EKD Petra Bosse-Huber. „Dies gilt auch für die noch weiterhin zu führenden Diskussionen um die Anerkennung des Völkermords an Hereros, Nama und Damara 1904 bis 1908 und um deren kirchenpolitische Konsequenzen.“

Die Zusammenarbeit der beteiligten Kirchen geht nach Abschluss des Studienprozesses weiter. Vereinbart wurden gemeinsame Konsultationen bis zum Reformationsjubiläum 2017.

Der Sammelband „Umstrittene Beziehungen. Protestantismus zwischen dem südlichen Afrika und Deutschland von den 1930er Jahren bis in die Apartheidzeit“ ist im Harrassowitz Verlag Wiesbaden erschienen (Preis 68 Euro).

erschienen in Ausgabe 8 / 2015: Demokratie: Die bessere Wahl

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