Verflixte graue Wirklichkeit!

Patentrezepte für eine bessere Welt gibt es nicht

Sie bewegen sich doch: Manche Unternehmen zumindest nehmen ihre soziale Verantwortung wahr. Es brauchte und braucht viel Druck, damit Corporate Social Responsibility (CSR), wie sie Neudeutsch heisst, irgendwann nicht nur für betriebswirtschaftliche Lehrbücher, sondern auch für Firmenkapitäne wichtig wird. Verantwortliches Wirtschaften und Führen sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ist es aber leider nicht, wie uns die Finanzkrise gezeigt hat.

Dass sich die Wirtschaft selber regulieren könne, mag glauben wer will, ich sicher nicht. Dass die Lösung vom Staat kommt, hatte auch ich gehofft. Je mehr ich mich aber mit der Geschichte auseinandersetze, desto mehr beginne ich zu zweifeln. Verflixte graue Wirklichkeit! Wie schön wäre es doch, wenn wir die richtigen Patentrezepte hätten. Was ich sagen will: Die soziokulturelle Wirklichkeit ist leider viel zu kompliziert, als dass sie mittels einfacher Rezepte zur „Idealgesellschaft“ entweder hinliberalisiert oder eben hinreguliert werden könnte.

Autor

Antonio Hautle

ist Direktor des katholischen Hilfswerks Fastenopfer in Luzern.

Das bringt mich wieder zurück zur Corporate Social Responsibility. Ich hatte das Privileg, in Kolumbien das Wirken einer großen multinationalen Firma aus dieser Perspektive zu begutachten. Skepsis: Wer glaubt denn schon, dass es einem Multi ernst sein könnte mit Menschen- und Arbeitsrechten, Nachhaltigkeit oder eben Unternehmensverantwortung? Feind bleibt Feind, auch wenn er vorgibt, sich zu bessern. Ich habe gewagt zu glauben und wurde dafür kritisch belächelt. Und siehe da: Die Firma bewegt sich – und zwar viel schneller als ich das für möglich gehalten hätte.

Ist das nur ein Marketinggag oder ernsthaftes Bemühen? Ich hoffe sehr das Zweite. Die Zukunft wird es weisen. Die lokale Gewerkschaft hält es für unmöglich, dass sich eine solche Firma bessern könne. Obwohl sie Arbeitsplätze schafft, bleibt sie der Ausbeuter der arbeitenden Klasse und stiehlt dem Land seine Ressourcen. Und das ist ja auch nicht ganz falsch. Halten sich etwa all die Minen- und Agrarfirmen, die in Kolumbien mit Einverständnis der Regierung in den kommenden Jahren noch viel aktiver werden, etwa an die Unternehmensverantwortung? Große Zweifel sind angebracht und riesige Konflikte vorprogrammiert.

Es gibt zu viele, die aus Profitgier mit Regierungen paktieren oder kriminelle Syndikate aufbauen, ohne auf die Bedürfnisse der Menschen Rücksicht zu nehmen. Ist also alles Bemühen umsonst? Was kann ich denn schon bewirken? Ich versuche unseren Spendern in den Pfarreien immer Mut zu machen, wenn sie diese Gedanken äußern. Aber glaube ich selbst daran? Manchmal nicht, wenn ich ganz ehrlich bin. Auch ich bin versucht aufzugeben, weil die kriminellen Kreise und die profitgierigen Wirtschaftsleute über Leichen gehen.

Und gerade deshalb war die Kolumbienreise für mich so wichtig: Es kann sich etwas bewegen, so unglaublich es auch erscheint. Und das lässt mich hoffen und vertrauen, dass unsere jahrzehntelange Arbeit doch etwas bewirkt hat. Ich wage zu hoffen, dass sich ein Teil der Wirtschaftswelt zu bewegen beginnt in Richtung globale Verantwortung – im Wissen, dass wir alle im selben Boot sitzen und dass nur nachhaltiges soziales, ökologisches und kulturelles Wirtschaften menschengerecht ist.

Selbstkritisch frage ich mich, ob ich das wirklich will. Es war so bequem im alten Freund-Feind-Schema. Zum Feind gehörten eindeutig die bösen Multis. Sicher, es gibt sie immer noch, und diejenigen, die sich bewegen, sind noch lange nicht dort, wo sie aus meiner Sicht sein sollten. Wer sagt aber, dass meine Sicht die Richtige ist? Auch ich komme wohl nicht darum herum, mich zu bewegen.

Und sie bewegen sich doch – Multis und die kritischen NGOs und die Kirchen. Eine enorme Chance steckt darin, die wir packen sollten. Es gibt genügend kriminelle Kreise, die tatsächlich nicht das Gute im Sinn haben. Und diesen können wir als NGOs definitiv nicht alleine entgegentreten. Dazu brauchen wir alle, die ehrlich, rechtsstaatlich und wirtschaftlich verantwortlich und damit moralisch handeln wollen. Damit habe ich meine „Predigt“ abgeschlossen – sie ist Stückwerk, wie unser ganzes Wirken. Aber auch das kann Veränderung herbeiführen.

 

erschienen in Ausgabe 8 / 2010: Metropolen: Magnet und Molloch