Energiepolitik in Tansania
Energiepolitik in Tansania

„Man kann sich auch ohne Kohle entwickeln“

Auf der Klimakonferenz in Paris hat auch Tansania einen nationalen Beitrag zum Klimaschutz versprochen. Wie das klappen könnte und warum Dieselgeneratoren die Korruption fördern, erklärt Sixbert Mwanga vom Climate Action Network-Tanzania.

Sixbert Mwanga arbeitet für das Climate Action Network-Tanzania, das sich für Klimaschutz und Armutsbekämpfung einsetzt. Er nimmt auf Einladung von Brot für die Welt und des Netzwerks protestantischer Hilfswerke ACT Alliance an der UN-Klimakonferenz in Paris teil.WWF/Climate Action Network (CAN)
Ihr Netzwerk propagiert kohlenstoffarme Entwicklung in einem Land, das zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt zählt. Warum?
Wir haben festgestellt, dass der Klimawandel uns dabei behindert, Armut auf dem Land zu lindern. Zum Beispiel untergräbt starker Regen neue Straßen; Trockenheit oder Unwetter schädigen die Ernten. Kohlenstoffarme Wege sind sinnvoll, die Menschen weniger verwundbar zu machen.

Wie steht es um die Energieversorgung in Tansania?
Die meisten Menschen auf dem Land haben keinen Strom; auch dadurch entsteht Armut. Außerdem führt Mangel an moderner Energie zu weiterer Umweltzerstörung. So gehen in Tansania jedes Jahr rund 420.000 Hektar Wald verloren: Die Leute fällen Bäume für Brennholz und Holzkohle, und Bauern roden Wald, weil das Klima trockener wird und sie Land mit mehr Wasser brauchen. Die beste Lösung für das Energieproblem auf dem Land sind dezentrale erneuerbare Energien. Denn hier muss man nicht warten, bis das nationale Stromnetz ausgebaut ist.

Welche Energiepolitik verfolgt die Regierung?
Bis vor wenigen Jahren stammte praktisch der gesamte Strom in Tansania aus Wasserkraft. Doch durch die wachsende Trockenheit ist der Wasserstand in den Stauseen gesunken und damit auch die Stromproduktion. Der Bedarf an Strom ist aber gleichzeitig gestiegen. Die Regierung hat versucht, dem Problem beizukommen, unter anderem mit Hilfe großer Generatoren, die mit Diesel betrieben werden. Das schaffte Anreize für Korruption, weil Private in Generatoren investieren, aber nur Regierungsstellen Strom ins öffentliche Netz einspeisen konnten. Daraufhin hat man von neuem darüber nachgedacht, wie man den Zugang zu Elektrizität ausweiten kann. Um Gelegenheiten für Korruption zu vermindern, setzt man nun auch auf vom nationalen Netz unabhängige erneuerbare Energien. Solarkraft und Mini-Wasserkraftwerke sind der schnellste Weg, Gemeinden auf dem Land Zugang zu Elektrizität zu verschaffen. Das muss man ausbauen.

Das sieht die Regierung auch so?
Sie diskutiert darüber, die Strategie ist noch nicht beschlossen. Einige große Firmen wollen weiter in fossile Energie investieren, und sie haben genug Geld, um die Politik zu beeinflussen. Deshalb arbeiten wir nicht nur mit Bauern und Hirten zusammen, sondern auch mit Behörden und Politikern auf lokaler Ebene und mit Parlamentariern; wir wollen Entscheidungen beeinflussen. Am wichtigsten ist, dass die Parlamentarier wissen: Man kann Energiemangel auf dem Land nicht mit dem Ausbau des nationalen Netzes beheben.

Benötigt Tansania internationale Hilfe, um erneuerbare Energien auszubauen?
Ja, moderne Energie ist sehr wichtig, ohne sie gibt es keine Entwicklung. Auf dem Land machen schon kleine Mengen einen großen Unterschied: Sie sorgen für Licht an Schulen und für kleine Kliniken.

Setzen Sie auf öffentliches Geld oder auf private Investitionen?
Wir brauchen beides. Private Investitionen bringen viel Geld, können aber alleine dazu führen, dass die Anliegen der Allgemeinheit gefährdet werden.

Investieren einheimische oder ausländische Firmen in Tansania in dörfliche Elektrifizierung?
In jüngster Zeit haben sich einige für unsere Initiativen des low-carbon development interessiert. Die Rahmenbedingungen dafür haben sich verbessert: Neuerdings ist es für Private möglich, im Rahmen von Public-Private Partnerships zu investieren. Ich sehe nicht, dass die Regierung das allein kann, aber die Privaten werden es allein auch nicht tun. Beide sollten zusammenarbeiten.

Wo sehen Sie auf der Klimakonferenz Konflikte zwischen Industrie- und Entwicklungsländern?
Vor allem bei der Frage der Klimafinanzierung. Entwicklungsländer wollen, dass ein Drittel der versprochenen 100 Milliarden Dollar pro Jahr in Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel fließt. Außerdem brauchen wir Geld, damit wir selbst Treibhausgase einsparen können. Es ist gar nichts wert, dass wir uns auf ambitionierte Klimaziele einigen wie das, die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten, wenn es kein Geld für Klimaschutz in Entwicklungsländern gibt.

Tansania hat wie fast alle Länder einen nationalen Beitrag zum Klimaschutz versprochen. Was halten Sie davon?
Wir haben uns angeschaut, welche Sektoren in Tansania die größten Emissionen verursachen. Das sind Landwirtschaft, Waldwirtschaft und Energie. Die Regierung schlägt vor, Emissionen zu vermeiden. Aber da wir ein armes Land sind, will sie auch Wirtschaftswachstum erreichen und die eigenen Ressourcen für Entwicklung einsetzen. In Tansania ist kürzlich Erdgas gefunden worden. Tansania will Geld und moderne Umwelttechnologie, um das Erdgas möglichst effizient einzusetzen. Das halten wir für vernünftig, hier können die Emissionen mit moderner Technik begrenzt werden. Anderer Ansicht als die Regierung sind wir aber in der Frage der Kohle: Die Regierung will sie nutzen, wir als Climate Action Network sind dagegen. Kohleminen verursachen in Tansania bereits jetzt viele Konflikte. Wir brauchen Geld und Hilfe von außen, die uns zeigen: Man kann sich auch ohne Kohle entwickeln. Stattdessen investiert jetzt China in den Abbau von Kohle in Tansania.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

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