„Ich muss schweigen, auch wenn man mir weh tut“

Argentinien war Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2010. Freunde argentinischer Literatur konnten eine Menge neuer Stimmen aus dem Land entdecken – und dabei viel über die weiterhin andauernde Auseinandersetzung mit der bis 1983 währenden Militärdiktatur erfahren.

Von Thomas Völkner

„Jetzt, da der Frühling Einzug hielt, die Küstenstraße sich mit Studenten bevölkerte und auf den Boulevards die ersten Blumen sprossen, wer wollte sich da noch an die Zeiten im Land der Schuld erinnern?“ Diese Frage stellt der Erzähler in „Der Spion der Zeit“, einem Roman des argentinischen Schriftstellers Marcelo Figueras. Sie beschreibt die Stimmung in der Bevölkerung eines Landes am Ende einer zehnjährigen Diktatur. Es herrscht offensichtlich die Haltung, sich fürs erste nicht erinnern zu wollen. Nach vorne schauen ist angesagt. Die Schwerstarbeit der Aufarbeitung der langen Leidenszeit steht erst bevor.

Doch das Personal in Marcelo Figueras Roman muss sich früher als erwartet mit der gerade erst beendeten Diktatur auseinandersetzen. Zwei Junta-Generäle, denen die demokratischen Politiker Straffreiheit zugesichert hatten, werden ermordet aufgefunden. Bei der Suche nach einem Kriminalisten, der möglichst unbefangen an den Fall herangehen kann, stoßen die Verantwortlichen der Polizei auf einen psychisch kranken Ermittler, der die die Jahre der Militärherrschaft unbeschadet verbracht hat. Er war weder Erfüllungsgehilfe des Systems, noch gehörte er der Opposition an. Er befand sich zehn Jahre lang in einer geschlossenen Anstalt.

Der Roman enthält zahlreiche Motive des Thriller-Genres. Die Polizisten liefern sich mit dem Mörder einen Wettlauf um das Leben der übrigen hohen Generäle. Dabei stehen sie vor dem moralischen Dilemma, die Repräsentanten der verhassten Diktatur schützen zu müssen. Gleichzeitig ist „Der Spion der Zeit“ ein Ideenroman, in dem zum Beispiel die Beschäftigung mit Shakespeares Drama „Macbeth“ zu wertvollen Hinweisen auf den Mörder führt. Dieser hinterlässt an den Tatorten Botschaften, die an Motive aus dem Alten Testament erinnern: Der erste Mord weist Parallelen zur Geschichte der Ermordung Kains durch seinen Bruder Abel auf, der zweite zum Bericht von der Sintflut. Enthalten diese Botschaften, die sich um das Prinzip des „Strafenden Gottes“ drehen, vielleicht eine Handlungsaufforderung, wie mit den Verantwortlichen der Diktatur umzugehen ist?

Literaturtipps:

Laura Alcoba: Das Kaninchenhaus. Insel, Berlin 2010, 119 Seiten, 14,90 Euro

Marcelo Figueras: Der Spion der Zeit. Nagel & Kimche, Zürich 2010, 282 Seiten,19,90…

Es war mit Sicherheit die dunkelste Periode in der an Höhen und Tiefen nicht gerade armen Geschichte Argentiniens im 20. Jahrhundert: Zwischen 1976 und 1983 regierten rechte Militärs das Land. Sie entfesselten eine beispiellose Verfolgungsjagd auf Oppositionelle und politisch Missliebige. Man schätzt, dass bis zu 30.000 Menschen zu „Desaparecidos“ wurden, zu „Verschwundenen“, die von den Spezialeinheiten der Staatsmacht entführt, gefoltert, ermordet und nicht selten tot aus großer Höhe ins Meer geworfen wurden. Zahlreiche Kinder wurden von ihren gefangen gehaltenen Müttern getrennt und zur Adoption freigegeben. Die Militärherrschaft ging zu Ende, als die Junta Anfang der 1980er Jahre die zu Großbritannien zählenden Falklandinseln („Islas Malvinas“ im argentinischen Sprachgebrauch) besetzte und damit einen kurzen Krieg anzettelte, den Argentinien verlor.

Während die Führer der Junta teilweise noch jahrelang unbehelligt von Justiz und Politik in ihren Villen leben konnten, in manchen Fällen nach erfolgter Verurteilung sogar begnadigt wurden, machten sich zahlreiche Künstler daran, die bleiernen Jahre der Diktatur aufzuarbeiten. Seit Mitte der 1980er Jahre entstanden Tausende Erzählungen, Romane, Gedichtszyklen. Anfangs hatten viele Werke dokumentarischen Charakter oder es waren verfremdete, fiktionalisierte Erfahrungsberichte. Manche bewegten sich an den Grenzen zwischen journalistischen und literarischen Formen.

Gut zweieinhalb Jahrzehnte später ist die inhaltliche und stilistische Vielfalt dieser Aufarbeitung größer geworden. Sie ist in das Thriller-Genre eingezogen, wie neben Marcelo Figueras beispielsweise auch Ernesto Mallo beweist, dessen Comisario Lascano in verschiedenen Epochen der argentinischen Geschichte auftritt und Fälle aufklären muss, in denen sich die jeweiligen Zeiten spiegeln. Zudem sind sind inzwischen auch Stimmen von Autoren aus der zweiten Generation zu vernehmen, die die Militärdiktatur nicht mehr selbst oder nur als Kind erlebt haben.

Laura Alcoba ist eine solche Stimme. Sie musste Mitte der 1970er Jahre mit ihren Eltern untertauchen, die wegen ihrer Betätigung in der Opposition gefährdet waren. Nach einer langen Odyssee von Versteck zu Versteck  gelang Alcobas Mutter die Flucht nach Europa. Bald darauf konnte auch die kaum zehn Jahre alte Laura nach Frankreich ausreisen, wo sie heute lebt und arbeitet. Laura Alcoba schreibt in ihrem Erstlingswerk „Das Kaninchenhaus“ über ein kleines Mädchen, das die gemeinsame Flucht mit ihren Eltern teils als ernste Angelegenheit, teils als Spiel betrachtet und verarbeitet so literarisch ihre eigenen Erinnerungen. Das Mädchen erinnert sich an die Regeln, die für sie in der komplizierten Situation des Lebens im Untergrund galten: Sie durfte nie die Namen der Eltern nennen. Sie musste in einer Hütte leben, die als Gebäude für die Kaninchenzucht getarnt war und in dem die Druckerpresse für die illegale Oppositionszeitung stand. Vor allem aber galt die folgende Regel, die das ganze Ausmaß der Unterdrückung deutlich macht und die von der naiv-kindlichen Sicht noch verstärkt wird: „Ich muss schweigen, auch wenn man mir weh tut.“

Einen völlig anderen kindlichen Helden präsentiert Alan Pauls in seinem sprachgewaltigen Roman „Geschichte der Tränen“. Der vierjährige namenlose Junge lebt während der Diktatur in einer argentinischen Großstadt. Sein Idol, in dessen Rolle er schlüpft, ist Superman, der Retter aus den US-amerikanischen Comics. Die allgegenwärtigen Uniformen der Militärs vergleicht er mit den grotesken Kostümen, in denen Supermans Gegenspieler auftreten. Und während viele Menschen in der Nachbarschaft sich der echten Gefahr nicht aussetzen möchten, glaubt der Junge, das er diese seltsam gekleideten Gegner durchaus besiegen kann. Die stärksten Passagen des Bandes sind diejenigen, in denen der Junge darüber spekuliert, ob der Uniform tragende Nachbar zu den guten Superhelden oder zu den bösen Aliens gehört. Ist die Person, die auf ihn aufpasst, wenn seine Mutter ausgeht, ein Verbündeter, oder sollte er ihn bekämpfen? Alan Pauls gibt darauf eine Antwort, die den Atem stocken lässt.

Mit großer sprachlicher Präzision nähert sich Martín Kohan seinen Romanfiguren. In dem Buch „Zweimal Juni“, das bereits 2008 auf Deutsch erschienen ist, diskutiert er die Verantwortung eines Mitläufers der Diktatur. Der junge Rekrut, von dem Kohan erzählt, ist keineswegs ein brutaler Mörder. Aber er fährt den Militärarzt zu den geheimen Foltergefängnissen, er weicht zurück, als ihn eine Gefangene um Hilfe bittet, und er erkennt die Dimension der Gewaltherrschaft, als er die Frage eines Einsatzleiters an den Mediziner hört: „Ab wie viel Jahren kann man ein Kind foltern?“ Auch in Kohans neuem Buch „Sittenlehre“ steht eine Mitläuferin des Systems im Mittelpunkt. Sie arbeitet als Hilfskraft an einer Eliteschule, wo sie für die Disziplin der Schüler sorgt und in ihrem kleinen Verantwortungsbereich ein strenges Regiment führt. Weil sie sich bei ihrem Vorgesetzten profilieren möchte, setzt sie sich als Aufgabe, einen bestimmten Schüler beim heimlichen Rauchen zu überführen. Ihren Plan kann sie jedoch nur verwirklichen, indem sie sich Zutritt zur Jungentoilette verschafft und damit selbst die Regeln verletzt. Der Roman zeigt auf erschreckende Weise das Zusammenspiel von Überwachung und Bestrafung in einer unfreien Gesellschaft.

erschienen in Ausgabe 10 / 2010: Artenvielfalt: Vom Wert der Natur