Hindu-Nationalisten

Bhagavad Gita statt Bibel und Koran

Die katholischen Bischöfe in Indien protestieren gegen die Pläne der Regierung, den Unterricht an staatlichen Schulen zu hinduisieren. Sie fürchten, dass das die säkularen Prinzipien in Indien aushebelt.

Im Bundesstaat Haryana soll bereits ab dem nächsten Schuljahr die Bhagavad Gita – das heilige Buch der Hindus – in allen staatlichen Schulen im Unterricht durchgenommen werden. Bibel- oder Korankunde wird es dagegen nicht geben. Brauche es auch nicht, denn mit der Bhagavad Gita würden die Schülerinnen und Schüler Zugang zur „höchsten und wichtigsten Quelle des Wissens“ haben, sagte der Bildungsminister des nördlichen Bundesstaates.

Mit Protest reagieren die katholischen Bischöfe des Landes auf dieses Vorhaben. „Es verletzt die säkularen Prinzipien unseres Landes, wenn nur ein heiliges Buch im Schulunterricht vorkommen darf“, sagte Gyanprakash Topno, der Sprecher der katholischen Bischofskonferenz. In den Schulen sollten Kenntnisse über alle Religionen vermittelt werden. „Dies würde die nationale Integration, den Frieden und die Harmonie fördern“, sagte Topno. Alle Kinder sollten die Chance bekommen, auch andere Religionen wie das Christentum oder den Islam kennenzulernen.   

Der einseitige Fokus auf das heilige Buch der Hindus im Schulunterricht ist ein weiterer Schritt in der Politik der Hinduisierung von Bildung und Kultur, die Hindu-Nationalisten seit den 1980er Jahren vorantreiben. Seit der Wahl der Bharatiya Janata Party (BJP) zur Regierungspartei im Mai 2014 nimmt diese Politik Schritt für Schritt Gestalt an. In dem mit 1,2 Milliarden Einwohnern zweitgrößten Land der Erde sind nur 2,3 Prozent (28 Millionen) der Bevölkerung Christen. Für das Bildungssystem nicht ganz unerheblich sind allerdings die 35.000 christlichen Bildungseinrichtungen in Indien. Keine von ihnen sei jemals zu Beratungen über die nationale Bildungspolitik hinzugezogen worden, beklagte Kardinal Baselios Mar Cleemis, der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Geschichtsbücher umgeschrieben

Die Hinduisierung von Bildung und Kultur richtet sich weniger gegen die kleine christliche Minderheit als vielmehr gegen die Muslime im Land, die nach dem letzten Zensus von 2011 rund 14 Prozent (127 Millionen) der Bevölkerung stellen. Viele Hindu-Nationalisten fühlen sich von dieser Gruppe bedroht. Immer wieder wird aus ihren Reihen behauptet, die Muslime machten bereits ein Drittel der Bevölkerung aus und würden bei ihrer angeblich sehr hohen Vermehrungsrate in nicht allzu ferner Zukunft die Macht in Indien an sich reißen.

Bereits 2004 wurden zum Teil Geschichtsbücher für die Sekundarstufe umgeschrieben, um das islamische Erbe des Landes in ein schlechtes Licht zu rücken. So heißt es darin, die islamischen Herrscher während der Mogulenzeit im 16. Jahrhundert seien barbarische Invasoren gewesen, die das Erbe der Hindus ausmerzen wollten. Die Geschichtsklitterung macht nicht einmal vor dem Taj Mahal halt, einem der bedeutendsten Baudenkmäler islamischer Architektur in Indien. Radikale Hindu-Nationalisten hingegen reklamieren ihn als Teil der hinduistischen Hochkultur auf dem Subkontinent.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

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