Aktion Dritte Welt Saar

Konsum alleine rettet die Welt nicht

Mit Fairtrade-Produkten lässt sich mittlerweile ein ganzer Einkaufskorb füllen – auch im Supermarkt um die Ecke.
Beim „Marsch durch die Ladenlokale“ seien die politischen Ziele verlorengegangen, kritisieren Aktivisten aus dem Saarland. Wie sich das ändern lässt, lassen sie jedoch weitgehend offen. Andere Initiativen und Kräfte des fairen Handels halten die Kritik für überzogen.

Die vierseitige Streitschrift wurde Ende 2015 den Tageszeitungen „taz“ und „Neues Deutschland“ sowie der Wochenzeitung „Jungle World“ beigelegt und gleichzeitig an die 800 Weltläden in Deutschland geschickt. Die Aktion Dritte Welt Saar kritisiert darin, es gehe dem fairen Handel nur noch um die Steigerung der Absatzzahlen, während die politische Arbeit für gerechtere Handelsstrukturen in den Hintergrund getreten sei. „Der Marsch durch die Ladenregale schleift die politische Zielrichtung des Ansatzes ab“, schreiben die Autoren. Wie an frühere Ziele wieder angeknüpft werden kann, lassen sie offen.

Hintergrund der Debatte ist der stark gestiegene Absatz fair gehandelter Produkte mit dem Transfair-Siegel. Mehr als eine Milliarde Euro gaben deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher im Jahr 2014 dafür aus, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Produkte mit dem Siegel sind in mehr und mehr Supermärkten erhältlich, während die Weltläden Waren von Importeuren wie der GEPA, dwp und El Puente verkaufen. Diese Importeure verwenden das Tansfair-Siegel für viele Produkte nicht und legen Wert darauf, dass bei ihnen nicht nur einzelne Waren, sondern die gesamten Lieferketten fair seien.

Das Transfair-Siegel findet sich hingegen auf einzelnen Produkten von Unternehmen wie Starbucks, Lidl oder Nestlé, die wegen ihrer Missachtung von Arbeitsrechten im Norden in der Kritik stehen. Für Wolfgang Johann, Mitautor der Streitschrift, ist es zum „Feigenblatt für die ausbeuterische Politik“ der Konzerne verkommen.

Mehr Absatz bedeutet mehr Aufmerksamkeit

Ruben Quaas, Referent Fairer Handel bei Brot für die Welt, teilt die Kritik aus dem Saarland nicht. Mehr Absatz bedeute auch mehr Aufmerksamkeit für die Anliegen  des fairen Handels wie die Transparenz entlang von Lieferketten. „Dass solche Themen stärker diskutiert werden, ist auch ein Verdienst des fairen Handels“, sagt Quaas. Aber, räumt er ein, es sei sinnvoll, zu überlegen, wie sich die politische Arbeit verstärken lässt.

Vor allem unter manchen Betreibern von Weltläden ist Unmut über den Erfolg von Transfair anzutreffen. Sie fühlen sich zunehmend unter Druck, was aber auch an einem veränderten Verständnis von Ehrenamt und dem anstehenden Generationenwechsel liegt. Die Berliner  Weltladen-Beraterin Nadine Berger hält nichts davon, die Gräben im fairen Handel zu vertiefen. Sie sieht die unterschiedlichen Formen als „gleichwertig nebeneinander stehend“. Zugleich schlägt sie vor, die politische Arbeit zu verstärken, etwa durch eine bessere Vernetzung der Akteure des fairen Handels mit den entwicklungspolitischen Eine-Welt-Landesnetzwerken.

Die politischen Anliegen des fairen Handels in die öffentliche Diskussion zu tragen, ist Aufgabe des Forums Fairer Handel. Dem Netzwerk gehören unter anderem die GEPA, der Weltladen-Dachverband und die kirchlichen Hilfswerke Brot für die Welt und Misereor an; Transfair ist nicht dabei, beteiligt sich aber an Arbeitsgruppen. Vor zwei Monaten hat es mit einer Unterschriftenaktion an das Auswärtige Amt verbindliche Regeln für die Einhaltung von Menschen-und Arbeitsrechten durch deutsche Unternehmen gefordert. In diesem Jahr will das Forum seine Kampagnenarbeit verstärken. Geschäftsführer Manuel Blendin ist in einem wichtigen Punkt mit den Kritikern von der Aktion Dritte Welt Saar einer Meinung: Durch bewussten Konsum allein lässt sich die Welt nicht retten.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

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