Menschenhandel

Einträgliches Geschäft: Ein libyscher Schmuggler transportiert afrikanische Migranten durch die Wüste in den Norden seines Landes.

Menschenhandel

Die Schleuser, die wir riefen

Erst leichtsinnige Reisende, jetzt verzweifelte Migranten: Die Dschihadisten in Nord­afrika und im Nahen Osten verdienen Millionen mit Entführungen und dem Transport von Flüchtlingen.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist die Zahl der Entführungen durch Dschihadisten in die Höhe geschossen, desgleichen die Summen, die sie als Lösegeld verlangen. Im Jahr 2004 reichten im Irak noch zwei Millionen US-Dollar, um eine Geisel aus dem Westen freizubekommen, heute werden manchmal über zehn Millionen Dollar gezahlt. Ein Mitglied des italienischen Krisenstabs meinte scherzhaft, die Befreiung von Greta Ramelli und Vanessa Marzullo – zwei junge Italienerinnen, die 2014 in Syrien entführt und an die Nusra-Front verkauft worden waren – hätte Italien fast ein Prozent seines Bruttoinlandprodukts gekostet, 13 Millionen Euro.

Vervielfacht hat sich auch die Zahl der auf Entführungsfälle spezialisierten privaten Sicherheitsunternehmen. Konnte man sich ihre Dienste vor einem Jahrzehnt noch für 1000 Dollar am Tag sichern, verlangen sie nun das Dreifache. Gelten die Gesetze der Ökonomie nicht auch für das Geschäft mit Entführungen? Angesichts des starken Wettbewerbs zwischen den Entführern und privaten Sicherheitsunternehmen sollte man eigentlich erwarten, dass die Preise fallen, nicht steigen. Das dem nicht so ist, hat einen einfachen Grund: Die Zahl potenzieller Geiseln ist fast grenzenlos, und Regierungen und private Unterhändler konkurrieren miteinander im Bemühen, die Opfer schnellstmöglich freizubekommen. Das treibt die Preise für Vermittler, Informanten, Fahrer und andere in die Höhe.

Eine groteske Kette von Ereignissen seit 9/11 hat Entführungen für die Dschihadisten zu einer sprudelnden Geldquelle werden lassen. Am Anfang stand der USA Patriot Act. Ein wesentliches Ziel des im Oktober 2001 verabschiedeten Gesetzes war die Bekämpfung von Geldwäsche. Doch anstatt wie beabsichtigt al-Qaida die Finanzierungsgrundlage zu entziehen, veranlasste der Patriot Act das kolumbianische Drogenkartell zu einem Bündnis mit der italienischen Mafia: Drogeneinnahmen sollten fortan nicht mehr in den USA und in Dollar, sondern in Europa und Asien in Euro gewaschen werden. Im Gegenzug boten die italienischen Verbrecherkartelle an, den Alten Kontinent mit Kokain zu überschwemmen. Der Preis für Kokain in Europa fiel, weil die Droge auf neuen, billigeren Routen auf den Kontinent gelangte. Venezuela, die Goldküste von Westafrika und die Sahelzone wurden zentrale Umschlageplätze.

Afrikanische Schmuggler stiegen ins Geschäft ein und transportierten Kokain über den Kontinent. Gao in Mali wurde ihr Drehkreuz, von wo das Kokain durch die Sahara an die Mittelmeerküste Marokkos, Algeriens und Libyens gelangte. Schmugglerboote übernahmen den Weitertransport nach Europa.
Einige der Schmuggler waren ehemalige Mudschaheddin aus Algerien und anderen Ländern, die in Afghanistan im Dschihad gegen die Sowjets gekämpft hatten. Sie kehrten in der Hoffnung in ihre Heimat zurück, dort einen ähnlichen Kampf gegen die korrupten politischen Eliten ihrer Länder zu entfachen. Nach dem Militärputsch in Algerien Anfang der 1990er Jahre waren viele von ihnen in den Süden der Sahara geflohen und hatten sich als Schmuggler in der Sahelzone durchgeschlagen.

Vom Zigarettenschmuggel zur Entführung von Europäern

Im Jahr 2003 machte sich in Algerien eine Gruppe ehemaliger Mitglieder der Bewaffneten Islamischen Gruppe (GIA), die unter anderem in den Schmuggel von Zigaretten nach Mali und Westafrika verwickelt war, selbstständig und entführte in Mali und Südalgerien 32 Europäer. Die Geiseln wurden über die Schmugglerrouten der Sahara in Lager im Norden Malis verschleppt. Die europäischen Regierungen zahlten hohe Lösegelder. Mit diesem Geld konnten die Dschihadisten eine ganz neue bewaffnete Gruppe auf die Beine stellen: al-Qaida im Maghreb (AQIM). Die Entführung hatte gezeigt, wie einträglich die Geiselnahme westlicher Staatsbürger für bewaffnete kriminelle Organisationen war. Die Jagdsaison war eröffnet.

Professionelle Vermittler, die an diesen Geiseldramen beteiligt waren, werten es als Fehler der westlichen Regierungen, dass sie die Entführungskrise im Sahel weitgehend im Stillen abwickelten. Es unterblieben entschlossene Aktionen, dem Schmuggel, der Korruption und den Dschihadisten etwa durch Unterstützung demokratischer Regierungen den Boden zu entziehen. Die Geheimhaltungspolitik hatte zur Folge, dass Touristen aus dem Westen weiterhin ahnungslos und unbekümmert um ihre Sicherheit in instabile Länder reisten.

Der Nachschub an lohnender Beute war groß. Ein trügerisches Sicherheitsgefühl gegenüber der globalisierten Welt hat in den letzten 25 Jahren viele junge, unerfahrene Menschen aus den Ländern der reichen Welt dazu ermutigt, jeden Winkel des globalen Dorfes zu bereisen, von dort zu berichten und Menschen in Kriegs- und Krisengebieten zu helfen. Solche Auslandsberichterstatter und Mitarbeiter von Hilfsprojekten gerieten besonders ins Visier der modernen Kidnapper.

In Liberia wird im Februar 2008 beschlagnahmtes Kokain verbrannt. Westafrikas Küste ist ein beliebter Umschlagplatz für den Drogenhandel von Lateinamerika nach Europa. Emmanuel Tobey/Reuters
Etwa fünf Jahre nach dem 11. September 2001 begann das Kokaingeschäft die Destabilisierung der Sahelzone zu beschleunigen. Die Einwohner halb oder ganz gescheiterter Staaten machten sich als Wirtschaftsmigranten auf den Weg nach Europa. Al-Qaida im Maghreb ergriff die Gelegenheit, einen Teil seiner Profite aus dem Entführungsgeschäft in das Schleusen von Flüchtlingen zu stecken.

Während immer weniger Menschen aus dem Westen nach Syrien, Irak und Libyen reisten, flohen nun die Menschen aus dem Nahen Osten vor Krieg und Zerstörung. Damit hat sich das Kerngeschäft der Geiselnehmer in der Region verändert: Sie konzentrieren sich nun darauf, Menschen zu schleusen, die dem Elend und den Verwüstungen des Bürgerkriegs entkommen wollen. Die Menschenhändler machen ihr Geschäft nun weniger mit Geiseln als mit Flüchtlingen. Die Entführung von Menschen aus dem Westen und der Schmuggel von Flüchtlingen sind damit auf groteske Weise miteinander verknüpft.

Ein neuer Geschäftszweig: die Schleuserei

Das Entführungsgeschäft war eher kurzlebig, weil am Ende niemand mehr in die gefährlichen Gebiete oder Länder reiste. Hingegen kann der Schmuggel von Flüchtlingen in einem Umfeld politischer Destabilisierung über lange Zeit sehr einträglich sein. Im Jahr 2004 veröffentlichte die Internationale Organisation für Migration (IOM) eine damals erschreckende Statistik über das vorangegangene Jahrzehnt: Über eine Million Menschen aus West- und Zentralafrika waren in diesem Zeitraum heimlich nach Europa emigriert. Menschenschmuggel war nach dem Drogenhandel in Afrika zum größten kriminellen Geschäftszweig geworden.

Angesichts der Zahl von Flüchtlingen, die derzeit in Europa Asyl suchen, wirken die Flüchtlingszahlen von 2004 sehr gering. Allein 2015 kamen eine Million Migranten in Deutschland an. Im Winter 2015/2016 erreichten im Durchschnitt dreitausend Migranten pro Tag Europa. Die Zahlen belegen, dass das Schleusen von Flüchtlingen im Unterschied zu Entführungen ein zunehmend profitables und auf Dauer angelegtes Geschäft ist.

Nach Westafrika und der Sahelzone brach die Flüchtlingskrise 2015 auch im Nahen Osten aus. Entführer und Schmuggler, die bereits über gut ausgebaute Strukturen und viel Geld aus dem Geiselgeschäft verfügten, investierten in den neuen Geschäftszweig der Schleuserei. Im Sommer 2015 strichen die Menschenhändler 100 Millionen Dollar im Monat dafür ein, dass sie pro Woche Zehntausende Menschen an die Küsten Europas brachten. Da die Nachfrage das Angebot weit übersteigt, bleibt das Geschäft einträglich, und die Kosten für den Transfer nach Europa steigen immer höher. Vor zehn Jahren zahlte man einem Schleuser 7000 Dollar, um von Westafrika nach Italien gebracht zu werden. Im Sommer 2015 musste man diese Summe schon für die relativ kurze Strecke von Syrien über die Türkei nach Griechenland hinblättern.

Autorin

Loretta Napoleoni

ist Journalistin und Expertin für die ökonomischen Grundlagen des internationalen Terrorismus. Ihr neues Buch „Menschenhändler. Die Schattenwirtschaft des islamistischen Terrorismus“ (Rotpunktverlag) stellt sie im Oktober auf der Buchmesse in Frankfurt vor.
Fünfzehn Jahre nach der Zerstörung der Twin Towers ist der größte Teil der muslimischen Welt in Aufruhr. Die Gewinner sind die Menschenhändler und eine Mischung aus Kriminellen und Dschihadistengruppen, die Menschen entführen, kaufen und verkaufen. Die Flüchtlingskrise, der größte Exodus seit dem Zweiten Weltkrieg, ist die direkte Folge der politischen Destabilisierung eines großen Teils der Welt, ein irreversibles Phänomen, ausgelöst einerseits durch die Globalisierung, andererseits durch den erstarkenden kriminellen Dschihadismus. Die europäischen und amerikanischen Führer scheinen nicht zu erkennen, dass die Wurzeln für das Problem in ihrer Reaktion auf den 11. September liegen: dem Krieg gegen den Terror.

Solange sich daran nichts ändert, werden die Menschenhändler weiterhin Geld damit machen, verzweifelte Flüchtlinge an den Toren der Festungen des Westens abzuladen, ein Geschäft, das den Dschihadismus innerhalb und außerhalb unserer neu errichteten Mauern finanziert. Die Flüchtlingskrise zwingt Europa, sich der Heuchelei seiner eigenen Politikerinnen und Politiker zu stellen, die schwiegen, als sie ihre Stimme hätte erheben sollen. Und sie entlarvt den absurden Mythos, dass Einigkeit und Gleichheit in Europa Fortschritte machen. Aber vor allem hat sie wieder einmal bloßgestellt, wie gering unser Respekt vor dem Leben und unsere Bereitschaft sind, die Menschenwürde zu verteidigen – ein Versagen, das wir gerne hinter dem falschen Anspruch verbergen, es sei das wichtigste Ziel der Globalisierung, Demokratie nach westlichem Vorbild zu verbreiten.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 10 / 2016: Welthandel: Vom Segen zur Gefahr?

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