Flüchtlinge

Die Schweiz ist kein Luxushotel

Auch Ausbildung ist Teil der Migrationspartnerschaft zwischen der Schweiz und Nigeria.

Eine Filmcrew aus Nigeria hat jüngst in der winterlich kalten Schweiz Folgen für eine Fernsehserie gedreht. Die Serie wird in Nigeria ausgestrahlt und soll den Leuten dort zeigen, dass es vielleicht doch besser ist, zuhause zu bleiben.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der junge Student Joshua aus gutem Haus gerät in schlechte Gesellschaft, verliert Geld und sucht sein Glück in der Schweiz. Doch dort findet er nicht etwa das von den Schleppern versprochene Paradies, sondern lebt als Illegaler in ständiger Angst, flüchtet wiederholt vor der Polizei. In der Straßenbahn wird er ohne Fahrschein erwischt, den Behörden übergeben und nach Nigeria zurückgeschafft. Dort stellt er fest, dass er die besten Jahre seines Lebens verschenkt hat.

2016 haben 1106 Nigerianer in der Schweiz um Asyl ersucht. Ihre Anträge werden in einem Schnellverfahren vorrangig behandelt: Das Fast-Track-Verfahren dient der „beschleunigten Behandlung schwach begründeter Asylgesuche“ und wird bei Migranten aus Marokko, Nigeria, Tunesien, Algerien, Guinea, Gambia und Senegal angewandt. Als Folge davon ist gemäß dem Staatssekretariat für Migration (SEM) die Zahl neuer Asylsuchender aus diesen Ländern deutlich gesunken. Im vergangenen Jahr sind dennoch 716 Nigerianer in der Schweiz untergetaucht, um dem Schicksal Joshuas – der Abschiebung – zu entgehen.

Die 13-teilige TV-Serie mit dem Arbeitstitel „Missing Steps“ kostet 450.000 US-Dollar. Die Produktion ist Teil der Migrationspartnerschaft, die die Schweiz vor sechs Jahren mit dem Nigeria abgeschlossen hat. Im Rahmen dieser Partnerschaft werden Nigerianerinnen und Nigerianer unterstützt, die die Schweiz freiwillig verlassen. Sie umfasst außerdem Berufsbildungsprogramme und die Zusammenarbeit der Polizei beider Länder in der Bekämpfung des Drogenhandels. Fachleute aus der Schweiz und aus Nigeria erarbeiten die einzelnen Projekte gemeinsam.

Produziert wird die Serie von Nollywood

Die Idee für „Missing Steps“ entstand bereits 2013. Die Schweiz finanziert zwar die Fernsehserie, produziert aber wird sie von Nollywood, den nigerianischen Filmstudios. Nigeria gilt nach Indien als zweitgrößte Filmnation der Welt; das Kino erfreut sich größter Beliebtheit in dem westafrikanischen Land. Eine nigerianische Produktion dürfte daher die Glaubwürdigkeit beim Publikum steigern.

Kritik an Schweizer Asylpraxis

Der Umgang der Schweizer Behörden mit Asylsuchenden an der Grenze zu Italien verstößt laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International gegen

Eine Folge spielt in einem Empfangszentrum für Asylsuchende. Eine junge Afrikanerin begrüßt Joshua sarkastisch im „Swiss Palace Hotel“. Von Abschreckung will das Staatssekretariat für Migration allerdings nichts wissen. Die Serie solle vielmehr objektive Informationen vermitteln, denn oft herrschten in den Herkunftsländern falsche Vorstellungen oder es kursierten gar Lügen vom Leben in der Schweiz. Man könne dem zwar auch mit staatlichen Informationskampagnen oder amtlichen Verlautbarungen entgegenwirken. „Aber wir haben uns dafür entschieden, die große Reichweite der Nollywood-Filme zu nutzen und so ein möglichst großes Publikum zu erreichen“, erklärt SEM-Sprecher Lukas Rieder.

"Filme halten niemanden von der Flucht ab"

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe kritisiert das Projekt. Filme hielten Menschen nicht von der Flucht ab, gibt Mediensprecher Stefan Frey zu bedenken. Sensibilisierungskampagnen nützten nur, wenn sie in eine Gesamtstrategie eingebettet seien. „Dazu gehört die Bekämpfung der Fluchtursachen, etwa auf diplomatischer Ebene, indem die Menschenrechtssituation verbessert wird. Aber auch auf wirtschaftlicher Ebene, denn noch fließt das Geld aus der nigerianischen Erdölproduktion nicht zum Volk.“ Die Situation sei komplizierter, als dass man mit einem Film allein Migration verhindern könne.

Es stellt sich auch die Frage, ob die TV-Serie wirkt. Für das SEM ist klar, dass es „keine wissenschaftlich fundierte Auswertung“ geben kann. Ziel sei ein Mentalitätswechsel „und das ist nicht messbar“, erklärte Rieder. An Testvorführungen will das Staatssekretariat aber untersuchen, wie die Episoden auf das Publikum wirken.

erschienen in Ausgabe 4 / 2017: Die Versuchung des Populismus

Neuen Kommentar schreiben