Telefonseelsorge in Ecuador
Telefonseelsorge in Ecuador

„Manchmal nehme ich die Probleme mit nach Hause“

Ein Telefonseelsorger aus Quito erzählt von seiner Arbei: Rund 30 Ehrenamtliche stehen beim „Teléfonoamigo“ in Ecuadors Hauptstadt Quito Menschen in Krisensituationen zur Seite. Einer von ihnen ist der 79-jährige Julio Tarré. Er erklärt, warum Männer nur selten anrufen und weshalb er einmal die Grenzen seines Dienstes überschritten hat.

Seit wann gibt es das Seelsorgetelefon in Quito und wie lange sind Sie schon dabei?
Das Telefon wurde Ende der 1980er Jahre gegründet. Ich selbst mache den Job schon seit mehr als 15 Jahren. In dieser Zeit habe ich schätzungsweise 4000 bis 5000 Anrufe entgegengenommen, und was ich da alles erlebt habe – ich könnte ein Buch darüber schreiben!

Wie sind Sie selbst zu Teléfonoamigo gekommen?
Ich habe die Anzeige für den Kurs in der Zeitung gesehen, das hat mich sofort interessiert. Ich hatte zuvor schon in Schulen und Gefängnissen gearbeitet. Es hat mir schon immer gefallen, Menschen zu helfen. Und das ist auch notwendig.

Wie meinen Sie das?
Die Gesellschaft hat sich stark verändert, nicht nur in Ecuador. Ein wichtiger Aspekt ist, dass heute viel mehr Frauen arbeiten als früher – was toll ist, denn Frauen sollen die gleichen Rechte haben wie Männer. Auf der anderen Seite hat das aber dazu geführt, dass die Familienstrukturen heute nicht mehr die gleichen sind. Heute gehen alle viel mehr ihrer eigenen Wege, wodurch Probleme entstehen, vor allem in der Kommunikation. Und das spiegelt sich bei uns am Telefon. Der größte Teil der Probleme, mit denen wir zu tun haben, sind Familienprobleme.

Dass mehr Frauen arbeiten gehen, ist doch keine neue Entwicklung.
Nein, aber die Auswirkungen sind noch aktuell. Früher hat sich die ganze Familie jeden Tag um einen Tisch versammelt, man hat miteinander geredet, gelacht und sich von seinen Erlebnissen erzählt. Das gibt es heute nicht mehr. Eine andere Entwicklung, die mir sehr zu denken gibt, sind die neuen Kommunikationstechnologien. Gehen Sie mal in ein Restaurant, da sitzen fast alle schweigend vor ihren Smartphones. Die Kommunikation der Menschen untereinander hat sich sehr verändert – und ich glaube, nicht zum Guten.

Sie sagten, der Großteil der Anrufer frage wegen Familienproblemen um Rat. Welche sind das?
Leider muss ich das so sagen, aber wir leben hier immer noch in einer sehr rückständigen Kultur. Frauen wurden hier lange sehr schlecht behandelt. Männer betrachteten sie als ihr Eigentum. Gehorchten sie nicht, wurden die Männer oft gewalttätig. Ein stückweit wiederholt sich das gerade, und das ist sehr unschön.

Was raten Sie Frauen, die in ihrer Partnerschaft Gewalt erleben?
Ich empfehle ihnen eine Familienversammlung. Beinahe alle diese Frauen haben Kinder. Schwestern, Brüder, Neffen. Ich rate ihnen, sich mit allen an einen Tisch zu setzen und miteinander zu reden. Ohne Beleidigungen, erst über irgendein Alltagsthema. Um dann irgendwann überzuleiten und dem Partner vor der Familie zu sagen: Ich bin Deine Freundin, Deine Frau, ich bin die Mutter Deiner Kinder. Dafür behandelst Du mich nicht angemessen.

Und das funktioniert?
Das hat schon oft funktioniert. Weil die Familie einschreiten und sagen wird, das geht so nicht, Du musst Dich ändern.

Es rufen also in erster Linie Frauen bei Ihnen an?
Ich schätze, dass sieben von zehn Anrufern weiblich sind.

Und die Männer?
Nun, lateinamerikanische Männer sind Machos. Die reden nicht gerne über ihre Probleme, zumindest nicht öffentlich. Die leiden eher im Stillen. Oder sie trinken. Aber mit einem Unbekannten über intime Probleme zu reden, das gibt es kaum.

Und wenn sie doch anrufen?
Dann geht es oft um Suchtprobleme. Alkohol, Drogen. Im Grunde aber haben Männer ähnliche Probleme wie Frauen. Beide gehen arbeiten, jeder geht seiner Wege, die Kinder werden häufig außer Haus betreut. Dadurch ist die familiäre Kommunikation beinahe verloren gegangen. Und das fällt auch auf die Männer zurück.

Mit welchen Problemen haben Sie noch zu tun?
Was gerade hochkommt, ist, mit wie vielen Freiheiten Jugendliche heute aufwachsen. 14-, 15-Jährige gehen auf Partys, trinken Alkohol, nehmen Drogen. Gerade junge Mädchen sind dann oft zu allem bereit.

Wie meinen Sie das?
Es rufen oft sehr junge Mädchen an, weil sie schwanger sind und nach Möglichkeiten zur Abtreibung suchen. Abtreibung ist in Ecuador gesetzlich verboten, manche Ärzte machen es aber trotzdem. Nicht, weil sie so gute Menschen wären. Sondern weil es ein Geschäft ist. Wir machen das nicht gerne, wir respektieren das Leben. Je nach Fall nehmen wir die jungen Mädchen aber an die Hand und zeigen ihnen, was sie tun können. Das sind Tragödien, weil eine Abtreibung das Leben einer Frau ruinieren kann. Manchen hängt ihr Leben lang nach, dass sie ihr eigenes Kind getötet haben.

Gibt es eine Zeit im Jahr, in der besonders viele Menschen anrufen?
Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit steigt die Zahl der Anrufe signifikant. Zum Teil wegen Familienproblemen, aber auch aus profaneren Gründen, weil die Leute kein Geld haben, um ihren Lieben Geschenke zu kaufen.

Wie stark belastet Sie die Arbeit persönlich?
Manchmal ist es schon hart, da nehme ich die Dinge auch mal mit nach Hause. Meine Frau sagt oft, dass ich zu sehr über die Probleme der anderen nachdenke. Aber ich finde, das ist über die Jahre besser geworden. Meine Familie gibt mir Halt.

Wie viele Freiwillige arbeiten insgesamt am Telefon?
Wir sind zurzeit circa 30 Leute, ungefähr zwei Drittel davon sind Frauen. Die Freiwilligen machen üblicherweise einmal in der Woche eine Vier-Stunden-Schicht, das Telefon ist von 9 Uhr morgens bis 23 Uhr abends besetzt.

Wer kann mitmachen?
Man sollte eine gewisse Reife mitbringen, das Mindestalter liegt bei 25 Jahren. Im Schnitt sind die Freiwilligen zwischen 35 und 40 Jahre alt. Interessenten müssen vorher einen Kurs machen.

Wie läuft der ab?
Das sind acht Wochenenden, in der ersten Hälfte geht es um Psychologie, den Umgang mit Familienproblemen, gesellschaftliche Zusammenhänge, Sucht. In der zweiten Hälfte werden Testanrufe simuliert, etwa von erfahreneren Kollegen. Und wenn wir feststellen, dass ein Freiwilliger schon weit genug ist, geht’s auch schon ans Telefon. In der ersten Zeit sitzt immer noch ein erfahrener Kollege dabei.

Welche Fähigkeiten sollten Interessierte mitbringen?
Eine gewisse Lebenserfahrung. Viel Geduld. Empathie. Und den wirklichen Wunsch, helfen zu wollen. Viele, die sich bewerben, verstehen das Konzept gar nicht. Die fragen uns allen Ernstes, wie viel wir bezahlen. Dabei sagt das Wort „freiwillig“ doch eigentlich schon alles.

Ist Ihnen ein Fall besonders in Erinnerung?
Einmal rief ein sehr, sehr verzweifelter Mann an und es war schnell klar, dass er Selbstmordabsichten hat. Da habe ich etwas getan, was man normalerweise nicht tut: Ich habe ihn zu einem persönlichen Treffen eingeladen. Also sind wir zusammen Kaffee trinken gegangen, haben stundenlang geredet. Nach einiger Zeit hat er wieder angerufen und gesagt, es gehe ihm viel besser, er möchte mich gerne auf ein Eis einladen. Wenn man wirklich jemandem helfen kann, gibt einem das schon ein sehr gutes Gefühl. Ich kann das schlecht beschreiben. Aber wenn man mit einem Anrufer ein bestimmtes Ziel erreicht, macht das schon glücklich.

Das Gespräch führte Johannes Süßmann.

erschienen in Ausgabe 5 / 2017: Gutes tun? Ehrensache!

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