Bauern in Brasilien
Die Ziegenherde sichert das Einkommen ihrer Familie: Eloina Evangelista da Silva in Caladinho.
Bauern in Brasilien

Zurück auf dem eigenen Land

In Brasiliens Steppe kämpfen die Bauern an zwei Fronten: Gegen die Trockenheit und die Großgrundbesitzer. Doch sie sind nicht allein.

Der kleine Ort im trockenen Nordosten Brasiliens heißt Caladinho – zu Deutsch: schweigsam. Er ist auf keiner Karte zu finden. Für Brasiliens Elite ist der ärmliche Weiler nicht erwähnenswert, obwohl hier schon seit  mehr als 250 Jahren Menschen leben. Doch sie sind Indigene, und die zählen offenbar nicht. Dort, wo sie ihre Häuser gebaut haben, ist auf der Landkarte die Fazenda Ouricuri eingezeichnet, eine riesige Rinderfarm im Besitz der Familie Felix.

Papier ist in Brasilien mächtiger als die Realität, vor allem im Nordosten. Die Region ist die Wiege der „Coroneis“, der feudalen Landherren, die die Gesetze machen und durchsetzen, die über Leben und Tod bestimmen, die Polizei befehligen, Richter einsetzen und die Wirtschaft kontrollieren. Wer auf ihrer Seite steht, gehört zu den Gewinnern. Über die große, schweigende Mehrheit wird verfügt. Ein Druckmittel der Großgrundbesitzer: Wasser.

Eine Quelle, die fast nie versiegte

Die Urgroßeltern von Eloina Evangelista da Silva haben Caladinho mit gegründet. Lange waren die Indigenen in dieser unwirtlichen, kargen Steppe im Nordosten Brasiliens, der Caatinga, auf sich gestellt. Über Generationen hinweg haben die Ureinwohner gelernt, im Einklang mit ihr zu leben. Sie wussten, wo die wenigen Quellen lagen, die für sie heilige, unantastbare Orte waren. Sie kannten die verborgenen Schätze der Steppe, etwa die knolligen Wurzeln des Umbu-Baums, die bis zu 2000 Liter Wasser speichern können, so dass der Baum auch dann grüne Früchte trägt, wenn alles andere bei 40 Grad im Schatten und Monaten ohne Regen längst verdorrt ist.

Es ist ein entbehrungsreiches Leben in der Caatinga, aber die hagere Ziegenbäuerin Silva mit dem gewinnenden Lachen liebt das karge, dornige Land mit dem sandigen Boden, die weißen Wattewölkchen und die kurzen, intensiven Sonnenuntergänge.

Außer, es gibt eine extreme Dürre – und das ist im Durchschnitt alle  25 Jahre der Fall. Dann vertrocknen die Pflanzen; oft verdursteten die Tiere und starben die Menschen. Viele wanderten in die Industriestädte im Süden Brasiliens ab. Auch der frühere Präsident Luiz Inácio „Lula“ da Silva von der Arbeiterpartei kam als kleiner Junge aus dem Nordosten an die Peripherie von São Paulo, wo er in der Autoindustrie und als Gewerkschaftsführer Karriere machte.

In Caladinho ließ es sich lange Zeit gut leben – dank einer Quelle, die fast nie versiegte. Bis vor 100 Jahren ein Vorfahr der heutigen Besitzer der Fazenda Ouricuri die Quelle einzäunen ließ. Die Indigenen rebellierten, rissen den Zaun nieder und nutzten das Wasser weiter. „Eines Tages kamen die bewaffneten Aufpasser der Rinderfarm, verjagten unsere Großeltern und zündeten ihre Hütten an“, erzählt Silva so lebendig, als sei sie dabei gewesen.

Ständig von Angst geplagt, vertrieben zu werden

25 Jahre zogen die Bauern als Nomaden umher, dann kehrten sie zurück, unauffällig, um die Aufmerksamkeit der Familie Felix nicht auf sich zu ziehen. In dieser Zeit wurde Silva geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in ständiger Angst, die Geschichte der Vertreibung hat sie mit der Muttermilch aufgesogen. Die Familie Felix verbrachte die meiste Zeit in der nahegelegenen Stadt Petrolina, um ihre Rinder kümmerten sich ein paar Hirten. Die fanden irgendwann die kleine Ansiedlung und erstatteten Bericht.

Eloina Evangelista da Silvas Ehemann, José Ignazio Cardoso aus Caladinho. Das Ehepaar weiß, wie man mit den harten Bedigungen in der Caatinga zurechtkommt.Florian Kopp
Es kam zu einer Abmachung: Die Indigenen durften bleiben, doch sie mussten einen Teil ihrer Ernte und der Zicklein für die Nutzung des Landes und der Wasserquelle abgeben. Wollten sie ein Feld anlegen, brauchten sie eine Genehmigung. Es waren entbehrungsreiche Jahre, besonders, wenn wieder eine Dürre ausbrach. Dann reichte das Wasser nicht, und die Rinder der Familie Felix hatten Priorität vor den Ziegen und Feldern der Ureinwohner. Silvas Ehemann José Cardoso musste sich wie viele andere Männer als Tagelöhner verdingen. So gerieten die Bauern in einen Teufelskreis der Abhängigkeit und Ausbeutung.

Die Großgrundbesitzer waren eng verbandelt mit anderen Familien, die in der Politik mitmischten – und die Armut knallhart ausnutzten. Silva erinnert sich, wie bei jedem Wahlkampf die Politiker auftauchten, mit Zisternenwagen und Plastikkanistern im Schlepptau. Das Wasser gab es nur gegen Stimmen bei der nächsten Wahl – und wehe der Gemeinde, die ihr Versprechen nicht einlöste.

Mit der Wünschelrute Wasseradern aufgespürt

Das hat Maria Oberhofer noch selbst erlebt, als sie vor mehr als 20 Jahren aus Deutschland nach Brasilien kam. Damals half sie mit beim Aufbau des Schulungszentrums des noch jungen regionalen Instituts für angepasste Kleinbauernlandwirtschaft und Tierhaltung (IRPAA), einer Organisation, die unter dem Einfluss der katholischen Befreiungstheologie entstanden war. Die gelernte Gärtnerin, entsandt von der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH), legte Versuchsfelder an und gab Unterricht in organischer, der Trockenheit angepasster Landwirtschaft.

Oberhofer hatte eine weitere Gabe, die sich in der Caatinga als unermesslicher Schatz erwies: Sie konnte mit einer Wünschelrute Wasseradern aufspüren. Dutzende von Wasserstellen hat sie entdeckt und rund 150 Wünschelrutengänger ausgebildet. Das brachte den Bauern ein Stück Freiheit – und Oberhofer auf eine schwarze Liste der Großgrundbesitzer. Sie musste Brasilien nach Drohungen kurzzeitig verlassen, kehrte später aber wieder in die Region zurück.

Die Entwicklungshelferin Maria Oberhofer (Mitte) ­berät in Esfomeado eine ­Familie zu Fragen von Landrechten und Eigentum. Florian Kopp
Heute haben fast alle 70 Familien von Caladinho einen Brunnen oder eine von IRPAA entworfene Regenwasserzisterne. Mit Hilfe des Instituts stellten die Bauern von Mais und Rindern, die sie den Landherren abgeschaut hatten, wieder auf Ziegen und Hirse um, die weniger Wasser brauchen. Als Viehfutter bauen sie nun den Nopal-Kaktus an, dessen zartes, schleimiges Fleisch – einmal von seinen Stacheln befreit – von den Tieren geliebt wird.

So hat Silva einige Dürren überstanden. In Caladinho hat sie fünf eigene und sechs angenommene Kinder großgezogen, die von ihren leiblichen Familien nicht mehr ernährt werden konnten. Noch vor Sonnenaufgang steht sie auf, um Ziegen zu melken. Mit ihren 74 Jahren ist sie noch immer flink genug, um die Tiere am Hinterbein zu packen und sie einzufangen. Nur ein paar besonders vorwitzige Tiere muss ihr Mann mit dem Lasso fangen. Anschließend  werden die Ziegen freigelassen.

Dutzende von Hektar durchstreifen sie täglich auf der Suche nach Nahrung, bevor sie abends wieder ins Dorf zurückgeholt werden. Das Weideland gehört allen gemeinsam, so wie sie es schon vor Generationen gehandhabt haben. Nur ein paar Hektar besitzt jeder Bauer privat, um etwas Maniok und Gemüse anzubauen.

Für das Leben in der Caatinga sind der Zugang zu Wasser und eine angepasste Bewirtschaftung unerlässlich – aber nicht ausreichend. „Genauso wichtig ist es, die Landfrage zu klären“, stellte Maria Oberhofer bald fest. Erneut betrat sie politisch heikles Terrain. Denn im „wilden Nordosten“ Brasiliens ist der Landbesitz seit der portugiesischen Eroberung eine Frage von Geld, Einfluss und Gewalt. Der Adlige Garcia D’Avila hatte von 1550 an den gesamten Nordosten Brasiliens unterworfen. Seine Erben setzten das Werk fort, im 17. Jahrhundert hatten sie sich 800.000 Quadratkilometer Land angeeignet. Willfährige Richter und Notare legalisierten den Landraub. So ähnlich funktioniert das heute noch. Nach der portugiesischen Eroberung begannen die neuen Herren mit Formen von Anbau und Tierzucht, die mit dem Klima nicht harmonierten: Sie bauten Mais an, der eine intensive Bewässerung benötigt, und hielten Rinder mit hohem Grünfutterbedarf. Die Böden der Caatinga erodierten.

Bis heute tut sich der Staat schwer, historisches Unrecht wiedergutzumachen. 1996 entdeckte IRPAA, dass der Landtitel der Familie Felix gefälscht war. Doch auch die Einwohner von Caladinho hatten keinen Titel und konnten sich nur auf die historische Nutzung berufen. Sie bekamen vor Gericht die eine Hälfte der umstrittenen 5000 Hektar zugesprochen, die Familie Felix die andere. „Das klingt nach viel, ist es aber nicht“, erklärt Oberhofer. „Denn jede Ziege braucht ungefähr 100 Hektar Weidefläche, und jede Familie braucht etwa 80 Ziegen, um zu überleben.“ Immer wieder gibt es Streit mit den Großgrundbesitzern, weil die Ziegen auf deren brachliegendem Land  weiden.

Der Umbu-Baum ist das grüne Gold der Caatinga

Mit Hilfe von IRPAA haben sich die Einwohner von Caladinho seit einigen Jahren eine neue Einnahmequelle erschlossen. Sie verkaufen die säuerlichen Früchte des Umbu-Baums, die entfernt an Stachelbeeren erinnern und viel Vitamin C enthalten.

Neue Einkommensquelle für die Familien im Dorf: Sie ernten die Früchte des Umbu-Baums.Florian Kopp
In der Erntezeit schwärmt die halbe Gemeinde aus. Die Früchte verkaufen sie an die Kooperative Coopercuc, die ihren Sitz in der nächsten Kleinstadt Uauá hat. Coopercuc wurde 2004 mit Hilfe von IRPAA gegründet, ist inzwischen aber rechtlich und finanziell selbstständig, wie Egidio da Silva, Eloina Evangelistas Enkel, erklärt.

Coopercuc produziert fair gehandelte, rein organische Marmeladen und Gelees aus den Früchten der Caatinga und setzt mittlerweile im Jahr 1,5 Millionen Reais (rund 500.000 Euro) um. In Caladinho sind 61 Familien Mitglied. Sie verdienen damit im Schnitt knapp tausend Euro zusätzlich pro Jahr. Von dem Geld finanzieren sie Kleider, Transport, Bildung und Gesundheitsversorgung. „Der Umbu ist unser grünes Gold“, sagt Egidio Silva, der der Geschäftsleitung angehört. Doch auch um ihn müssen die Landgemeinden bangen, denn die Bäume wachsen extrem langsam und befinden sich weit verstreut in der Caatinga. Der Klimawandel setzt das Ökosystem zunehmend unter Druck.

Autorin

Sandra Weiss

ist Politologin und freie Journalistin in Mexiko-Stadt. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Rundfunksender aus Lateinamerika. Ihr Spezialgebiet sind Sozialreportagen.
Vor allem multinationale Firmen sind an den Quarzsänden und vermuteten anderen mineralischen Bodenschätzen unter der Caatinga interessiert und an Großprojekten der Bewässerungslandwirtschaft. Die Euphorie angefacht hat Lula. Er legte 2005 den Grundstein für die „Transposição“, einen riesigen Bewässerungskanal, der das Wasser aus dem Fluss Sao Francisco in die Trockensteppe umleitet. Kirchenvertreter, Umweltschützer und Kleinbauern waren damals gegen das Projekt, weil es ihrer Ansicht nach  nur kapitalkräftigen Investoren zu Gute kommt. Vor kurzem weihte Präsident Michel Temer das erste Teilstück des Kanals ein. Das wertet das Land auf, deshalb klammern sich Großgrundbesitzer wie die Familie Felix an ihre Landtitel, obwohl sie derzeit ihre Grundstücke überhaupt nicht nutzen.

Aber es gibt Hoffnung für die Indigenen. Seit vier Jahren verfügt der Bundesstaat Bahia, in dem Caladinho liegt, über ein Gesetz, laut dem traditionelle Gemeinden ein Recht auf Gemeinschaftsweiden haben. Es ist die Frucht der Lobbyarbeit von IRPAA und anderen Bürgergruppen und muss jetzt in die Praxis umgesetzt werden. Die Widerstände und bürokratischen Hürden sind groß. Bis 2018 müssen die Gemeinden ihren Anspruch dokumentieren. Das bedeutet viel Arbeit für das IRPAA, denn bisher hat das nur rund ein Drittel von ihnen getan.

In Caladinho haben Egidio Silva und seine Cousine Denise Cardoso, die bei IRPAA arbeitet, die Sache in die Hand genommen. Sie möchten Rechtssicherheit, damit sie nicht wieder vertrieben werden können. Für ihre Großeltern ist das eine große Beruhigung. „Wenn ich sterbe, will ich hier begraben werden. Auf unserem Land“, sagt Großvater José Cardoso.

erschienen in Ausgabe 7 / 2017: Die Wüste lebt

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