Flüchtlinge in Libyen

„Bittere Anklage gegen Europa“

Jamal, 23, aus Somalia: Er floh vor der Terrormiliz Al-Shabaab, in Libyen wurde er drei Monate in einer Kellerzelle festgehalten. Dann gelang ihm die Flucht nach Italien.
Afrikanische Flüchtlinge berichten von schrecklichen Lebensbedingungen in Libyen. Der Weg nach Europa darf ihnen nicht versperrt werden, fordert die Organisation Oxfam.

In Libyen werden afrikanische Flüchtlinge gefoltert, entführt, vergewaltigt oder müssen Zwangsarbeit leisten. Das berichtet die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam in ihrer Anfang August veröffentlichten Studie „You aren´t human anymore“. Sie beruht auf 158 Interviews mit 31 geflüchteten Frauen und 127 Männern, die über Libyen nach Sizilien geflohen sind.

Fast alle Frauen haben sexuelle Gewalt erlebt. Auch Männer berichteten von sexuellen Übergriffen. „Sie vergewaltigten regelmäßig Männer. Ich habe alle mögliche Arten von sexueller Gewalt gesehen“, erzählt ein marokkanischer Flüchtling. Mehr als  vier Fünftel aller Interviewten wurden geschlagen oder gefoltert. Ungefähr die gleiche Zahl gab an, ihnen sei während ihres Aufenthalts in Libyen Wasser und Nahrung verweigert worden.

Libysche Banden entführen Durchreisende, um Lösegeld zu erpressen. Ein 18-jähriger Nigerianer erzählte Oxfam, dass er mit 300 anderen in einem Haus  gefangen gehalten wurde. „Sie gaben uns ein Telefon, um unsere Familien anzurufen und sagten uns, dass wir sie um Geld bitten müssten“. Ohne die umgerechnet rund 1000 Euro Lösegeld komme man nicht frei, er habe Leute getroffen, die schon ein halbes Jahr in Gefangenschaft seien.

Saisonale Arbeitsvisa ausstellen

„Diese Aussagen zeichnen ein Bild der erschreckenden Umstände, denen Flüchtlinge und andere Migranten in Libyen ausgesetzt sind“, sagt der Geschäftsführer von Oxfam Italien, Roberto Barbieri. „Sie sind eine bittere Anklage gegen die Versuche der Europäischen Union, Menschen von der Flucht vor Gewalt, Sklaverei und Tod abzuhalten.“

Oxfam fordert die EU auf, sichere Routen nach Europa einzurichten, damit Flüchtlinge nicht ihr Leben in Libyen oder auf dem Mittelmeer riskieren müssen. Die nichtstaatliche Organisation schlägt vor, saisonale Arbeitsvisa oder humanitäre Visa auszustellen.  Außerdem fordert sie, dass Geflüchtete ein faires und transparentes Asylverfahren in Europa erhalten. Italien solle nicht die ganze Last alleine tragen müssen. Andere EU-Mitgliedsstaaten sollten freiwillig mehr Asylsuchende aufnehmen.

Oxfam veröffentlichte den Bericht gemeinsam mit den italienischen Partnerorganisationen MEDU und Borderline Sicilia. Die Interviews mit den Geflüchteten führten die Organisationen zwischen Oktober 2016 und April 2017 auf Sizilien.

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