Südafrika

Das Leid hinter dem Discounter-Wein

Arbeiterinnen auf einer Traubenplantage im Westkap, Südafrika.
Auf vielen Traubenplantagen in Südafrika herrschen laut der Entwicklungsorganisation Oxfam schlechte Arbeitsbedingungen. Mitverantwortlich dafür seien deutsche Supermarktketten.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter seien Pestiziden ausgesetzt, würden schlecht bezahlt und seien kaum gewerkschaftlich vertreten, heißt es in einer Studie, die Oxfam Anfang Oktober vorgelegt hat. Die Entwicklungsorganisation wirft deutschen Supermarktketten vor, sie drückten die Preise für Wein und Tafeltrauben extrem nach unten. „Die Supermärkte diktieren ruinöse Preise, diesen Preisdruck geben die Produzenten nach unten weiter“, sagt die Autorin der Studie, Franziska Humbert. Darunter litten vor allem die Arbeiterinnen auf den Plantagen.

In Deutschland teilen sich laut Oxfam Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) über vier Fünftel des Umsatzes im Weinmarkt. Discounter wie Lidl, Aldi, Penny (im Besitz von Rewe) oder Netto (im Besitz von Edeka) seien besonders dominant. Laut Berechnungen des Deutschen Weininstitutes verkaufen die Discounter 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Weines, auf die Märkte von Edeka und Rewe entfallen 21 Prozent, die übrigen 39 Prozent verteilen sich auf den Fachhandel, Weinkellereien und die Gastronomie.

In den vergangenen 15 Jahren seien die Exportpreise von südafrikanischem Wein nach Deutschland stark gefallen, von etwas knapp vier US-Dollar auf unter einen US-Dollar pro Liter. Gleichzeitig seien die Produktionskosten jedoch gestiegen, etwa weil Düngemittel oder landwirtschaftliche Geräte teurer geworden seien. Bei Tafeltrauben seien die Zahlen ähnlich. Hier erhalten die Verkäufer von deutschen Abnehmern laut Oxfam pro Kilogramm Tafeltrauben derzeit 77 Eurocent, das ist weniger als das, was andere Abnehmer durchschnittlich zahlen. Laut der südafrikanischen Weinorganisation SAWIS sind deutsche Unternehmen derzeit hinter dem Vereinigten Königreich die zweitgrößten Abnehmer südafrikanischer Weine.

Massenverkauf durch Tankwein

In der Studie heißt es, ein Grund für die billigen Exportpreise nach Deutschland sei, dass große Mengen als sogenannter Tankwein in großen Behältern ausgeführt werden. Der Import von Tankwein ist laut Oxfam um die Hälfte günstiger als Flaschenwein. „Vor allem Discounter kaufen Tankwein, und beim Kauf von Tankwein lassen sich die Preise leichter drücken“, sagt Humbert. Mit Tankwein werde ein austauschbarer Rohstoff gekauft und nicht eine Marke wie beim Flaschenwein. Für südafrikanische Winzer sei das ein Risiko, da Einzelhändler und Importeure leichter ihre Zulieferer wechseln könnten. In Flaschen umgefüllt werde der Tankwein in Deutschland, was Arbeitsplätze in Südafrika koste und einen Wertverlust für die südafrikanische Weinindustrie bedeute. Für Winzer, die keine eigene starke Marke haben, sei der Massenverkauf durch Tankwein jedoch eine gewinnbringende Alternative, sagt Humbert. Laut Oxfam wurden im Jahr 2014 rund vier Fünftel des nach Deutschland exportierten südafrikanischen Weins als Tankwein verschifft.

Für die Studie befragte Oxfams südafrikanische Partnerorganisation „Women on Farms Project“ (WFP) rund 350 Plantagenarbeiterinnen. Demnach spüren Frauen den wirtschaftlichen Druck mehr als Männer: Sie arbeiten häufiger als Saisonarbeiterinnen in unsicheren Arbeitsverhältnissen, bekommen für die gleiche Arbeit weniger Lohn und werden sexuell belästigt oder müssen dies fürchten. Jede fünfte der befragten Frauen gab an, dass sie weniger als den Mindestlohn erhalte, der etwa durch extrem hohe Zielvorgaben beim Traubenpflücken umgangen werde. Erreichen die Frauen die Tagesziele nicht, würden ihre Löhne gekürzt und Boni gestrichen oder sie müssten unbezahlte Überstunden machen. Gut die Hälfte der Frauen sagte, sie seien während der Arbeit giftigen Pestiziden ausgesetzt sind und trügen oft keine Schutzkleidung. Die wenigsten Landarbeiterinnen sind außerdem Mitglied einer Gewerkschaft. Entweder verbieten die Plantagenbesitzer den Arbeiterinnen an Gewerkschaftstreffen teilzunehmen, oder den Gewerkschaftern werde nicht erlaubt, die Plantagen zu betreten.

Aldi verweist auf Aussagen der Lieferanten

Auf Nachfrage reagierten Aldi Süd, Aldi Nord, Rewe und Lidl auf die in der Studie erhobenen Vorwürfe. Die in der Studie geschilderten Zustände seien nicht mit ihrem Verständnis von gerechten und menschenwürdigen Arbeitsbedingungen vereinbar, antworteten die Unternehmen. Aldi Süd und Aldi Nord berichteten, dass ihre Lieferanten „die im Bericht aufgeführten Missstände nicht bestätigen“ könnten. Aldi Süd erklärte, seine Lieferanten hätten versichert, „dass sie Missstände dieser Art in keiner Weise tolerieren würden“. Die geschilderten Recherche-Ergebnisse könnten nicht auf die gesamte südafrikanische Produktion von Tafeltrauben und auf die südafrikanische Weinindustrie übertragen werden, schreibt Aldi Süd.

Aldi Süd und Rewe-Supermärkte beziehen nach eigenen Aussagen außerdem keine Tankweine aus Südafrika. Zu dem Vorwurf, dass viele Arbeiter weniger als den Mindestlohn verdienen, merkt Aldi Süd an, dass die Strafen für Löhne unterhalb des Mindestlohns in Südafrika sehr hoch seien. „Eine systematische Zahlung unter dem Mindestlohn ist nach Einschätzung unserer Lieferanten daher keine gängige Praxis“, schreibt der Pressesprecher von Aldi Süd.

Alle vier Unternehmen berufen sich darauf, dass ihre südafrikanischen Betriebe zertifiziert sind oder zertifiziert werden sollen, etwa durch Fairtrade oder die nichtstaatliche Organisation WIETA (Wine and Agricultural Industry Ethical Trade Association), die sich für die Sicherung sozialer Standards und die Einhaltung des Arbeitsrechts im südafrikanischen Weinsektor einsetzt.

Lieferketten nicht vollständig offengelegt

Die Autorin der Oxfam-Studie äußert sich skeptisch zu Initiativen wie WIETA: Sie seien bislang nicht effektiv. „WIETA bezieht das Thema der fairen Preise nicht angemessen mit ein und es mangelt an einer wirksamen Beteiligung von NGOs, Gewerkschaften und Arbeitnehmern“, sagt Humbert. Die Zertifizierungsinitiativen lassen laut Oxfam den Kern des Problems außer Acht: die niedrigen Einkaufspreise und die Handelspraktiken der Supermarktketten und Importeure. Damit sich die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen wirklich verbessern und ein struktureller Wandel stattfinde, sei es von zentraler Bedeutung, dass der extreme Preisdruck aufhöre. In der Studie wird außerdem bemängelt, dass keine Supermarktkette auf Nachfrage ihre Lieferkette vollständig offengelegt habe. Vor allem habe keines der Unternehmen mitgeteilt, von welchen Plantagen ihre im Wein verarbeiteten Trauben oder ihre Tafeltrauben kommen.

Humbert fordert die deutschen Unternehmen auf, faire Einkaufspreise zu zahlen, „so dass die Exporteure und Produzenten ausreichende Gewinne erzielen und ihren Arbeiterinnen existenzsichernde Löhne zahlen können. Des Weiteren sollen Supermärkte „zusammen mit Gewerkschaften und NGOs, hier in Deutschland und vor Ort, Initiativen aufbauen, die auch die Arbeitnehmerinnen einbeziehen und dafür sorgen, dass deren Rechte tatsächlich durchgesetzt werden“, sagt Humbert.

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