Sexueller Missbrauch
Im Südsudan verteilt Oxfam Hilfsgüter. Mitarbeiter sollen Frauen dort zum Sex gezwungen haben.
Sexueller Missbrauch

Oxfam ist erst der Anfang

Die Vorwürfe gegen Oxfam-Mitarbeiter sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer jetzt einzelne Organisationen verteufelt, macht es aber nicht besser.

Der Kampf für Gleichberechtigung ist ein erklärtes Ziel von Oxfam. Umso größer ist der mediale Aufschrei angesichts der Vorwürfe, die aktuell gegen Mitarbeiter der Hilfsorganisation laut werden: Die britische Tageszeitung „The Times“ berichtete vergangene Woche, dass Oxfam-Mitarbeiter während ihres Einsatzes in Haiti mehrfach Frauen für Sex-Orgien bezahlt haben sollen. Zwar hatte Oxfam die Vorfälle 2011 untersucht und mehrere Mitarbeiter entlassen, Details kamen aber erst jetzt ans Licht.

In England wird die Organisation nun scharf kritisiert. Auch von ehemaligen Mitarbeitern. Am Montag meldete sich Helen Evans zu Wort, die zwischen 2012 und 2015 die Abteilung geleitet hat, zu deren Aufgaben der Schutz vor sexueller Ausbeutung gehört. In einer Stellungnahme auf Twitter beklagte sie fehlende Unterstützung für ihre Arbeit, obwohl es großen Bedarf gegeben habe. So habe bei internen Befragungen in drei Ländern jeder zehnte Mitarbeitende von sexuellem Missbrauch berichtet. Auch Fälle, bei denen Mitarbeiter im Südsudan Frauen als Gegenleistung für Hilfeleistungen zum Sex gezwungen haben sollen, seien nicht ausreichend verfolgt worden.

Das alles wirft ein denkbar schlechtes Licht auf die Hilfsorganisation – und die staatlichen Behörden, die sie kontrollieren sollten. So kritisiert Evans, dass ihre Beschwerden damals weder bei der für Wohltätigkeitsorganisationen zuständigen Charity Commission noch beim britischen Entwicklungsministerium angehört worden sein. Das aber zeigt: Sich nun exklusiv auf Oxfam einzuschießen, zielt daneben. Das Problem ist größer: Auch Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen nutzen ihre privilegierte Position und die Not von Menschen aus. Sie belästigen weibliche Untergebene, nötigen Frauen in Flüchtlingslagern zum Sex, und Pädophile vergreifen sich in Hilfseinsätzen an Minderjährigen. Das alles ist ausbeuterisch und abstoßend. Neu ist es nicht.

Fatales Signal an andere Organisationen

Oxfam nun die Zuschüsse zu streichen, wie die britische Regierung und die EU-Kommission androhen, ist zu kurz gedacht. In letzter Konsequenz würde das jene treffen, denen die Hilfe zugutekommt. Der Oxfam-Skandal sollte vielmehr Ansporn für alle in der humanitären Hilfe sein, endlich mehr zu tun, um sexuellem Missbrauch vorzubeugen, ihn zu verfolgen und zu bestrafen. Dazu gehören Schulungen, Meldeverfahren wie anonyme Hotlines und die ernsthafte Absicht, auch gegen die eigenen Leute zu ermitteln. Oxfam tut vieles davon schon und hat in den vergangenen Jahren Zahlen zu Missbrauchsfällen veröffentlicht – in der Szene steht die Organisation damit fast alleine da.

Sollten Spender und Geldgeber Oxfam nun abstrafen, könnte das trotz aller berechtigter Kritik ein fatales Signal an andere senden. Aus Angst vor schlechter Presse und Spendeneinbußen schaut man dann vielleicht doch lieber nicht so genau hin, wenn sich in den eigenen Reihen Verdachtsmomente ergeben. Ganz nach dem Motto: Wo keine Probleme gemeldet werden, gibt es keine. Geholfen wäre dann niemandem.

erschienen in Ausgabe 3 / 2018: Kunst und Politik: Vom Atelier auf die Straße

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