Aids
„Als Einzelne hört Dir niemand zu, doch als Gruppe hast du eine Stimme“ – Fatou Jatta nutzt diese Erfahrung in ihrem Kampf für Gerechtigkeit.
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Bringt Jammeh vor Gericht!

Der ehemalige Diktator Gambias, Yahya Jammeh, hat Menschen mit Aids gezwungen, an einem skurrilen, von ihm selbst entwickelten Heilprogramm teilzunehmen. Die Frauen und Männer fordern Wiedergutmachung. Die Aids-Aktivistin Fatou Jatta und ihre Mitstreiter wollen für ihr monatelanges Leid entschädigt werden.

Vor gut zehn Jahren teilte der damalige Diktator von Gambia, Yahya Jammeh, der Welt mit, er habe ein „Heilmittel“ gegen den Aidserreger HIV gefunden: ein selbst zusammengemischtes gelbes Kräutergebräu. Jammeh, der sich auch in Hexerei versucht hat, herrschte 22 Jahre über die kleine ehemalige britische Kolonie: von 1994, als er nach einem Militärputsch die Macht übernahm, bis Anfang 2017, als er nach einer verlorenen Wahl und auf Druck der Nachbarländer von seinem Posten zurücktrat. Jammeh erklärte 2007, sein HIV-Kräuterheilmittel wirke nur montags und donnerstags – und er brauche Teilnehmer für sein bizarres Programm.Insgesamt zwang Jammeh rund 9000 HIV-infizierte Gambier, an seinem sogenannten HIV-Heilprogramm teilzunehmen. Für sein geheimnisvolles Kräutergemisch mussten sie ihre lebensrettenden antiretroviralen Medikamente absetzen; einige Teilnehmer starben. Die heute 51-jährige Fatou Jatta, eine prominente HIV-Aktivistin und vierfache Mutter, gehörte zu den ersten Versuchskaninchen. Die Prozedur im Präsidentenpalast dauerte neun Monate.

Fatou Jatta erinnert sich an den Geschmack des Kräutergetränks, das häufig mit Milch gemischt war. „Es war furchtbar, jedes Mal, wenn ich trank, musste ich mich übergeben. Dann wurde ich gezwungen, erneut zu trinken.“ Jammeh habe das Gebräu selbst gemixt, die genaue Rezeptur blieb sein Geheimnis. Nachdem Jatta die Mischung zum ersten Mal zu sich genommen hatte, wurde ihr schwindlig. „In weniger als 30 Minuten hatte sich meine Stimmung komplett verändert“, sagt sie. „Ich konnte mich nicht mehr bewegen, meine Augen öffnen oder aufstehen. Ich lag den ganzen Tag auf einer Trage.“ Dabei wurde Jatta gefilmt und im gambischen Fernsehen gezeigt, ohne ihr Einverständnis einzuholen.

Die Ärzte und das Pflegepersonal mussten mitspielen

Nach ungefähr einer Woche dachte sie, die Behandlung sei beendet und sie dürfe zurück nach Hause. Tatsächlich aber wurde sie mit dem Auto in das neu eröffnete Serekunda-Krankenhaus gebracht. Während der folgenden neun Monate lebte sie in ihrem Haus und wurde jeden Montag und Donnerstag abgeholt und zur Behandlung in die Klinik gebracht. Die Ärzte und das Pflegepersonal mussten mitspielen.

Jatta hatte keine andere Wahl, als mitzumachen, und sie war nicht die Einzige: Aus ihrer Aids-Selbsthilfegruppe waren sechs weitere Personen ausgewählt worden. Alle hatten Angst davor, was passieren würde, wenn sie sich weigerten, bei der Behandlung mitzumachen. Während dieser neun Monate wurde Jatta schwächer und schwächer. Überall, wo sie hinging, wurde sie von Soldaten begleitet, die unter direkter Kontrolle von Jammeh standen. „So lebten wir damals“, erzählt sie.
Bei Jatta war 1995 HI-Virus diagnostiziert worden. Zu dieser Zeit wusste sie noch nichts über die Immunschwächekrankheit. Erst nach einem Monat erzählte sie ihrer Mutter und ihren Kindern davon.

Nach einiger Zeit fand Jatta den Mut, einer Selbsthilfegruppe in der Hauptstadt Banjul beizutreten, und stieg schnell zu einer der Schlüsselfiguren der Gruppe auf. Sie organisierte HIV-Sensibilisierungskampagnen in Moscheen, Schulen und Gemeindezen­tren. Sie wurde zu einer bekannten Aktivistin in Gambia und arbeitete mit internationalen Partnern zusammen, etwa der Organisation Action Aid, die ihr 2001 eine Reise nach Uganda finanzierte. Dort lernte sie, wie Frauen HIV-Präventionsarbeit leisten.

Jatta wurde zu einem bekannten Gesicht im Fernsehen

Jatta sagt, sie sei als anderer Mensch von dieser Reise zurückgekehrt. Ihre Mission sei nun gewesen, sich in Gambia herrschenden Vorurteilen und Stigmatisierungen gegenüber HIV und Aids entgegenzustellen. Sie habe das Gefühl gehabt, viele Menschen zu retten, wenn sie über das Leben mit HIV spreche. Anlässlich eines Gedenkmarsches für die Opfer von Aids 2004 in Banjul, wo sie eine Rede hielt, bekannte sie sich öffentlich zu ihrer Aids-Erkrankung. Sie wurde zu einem bekannten Gesicht im Fernsehen, das Mythen rund um HIV entlarvte – etwa, dass kränkliches Aussehen ein Hinweis auf Aids sei.

Die neun Monate in Jammehs Programm haben Narben hinterlassen. Jatta wäre fast gestorben. Ende 2007 entließ Jammeh sie als „geheilt“. „Ich war so schwach und hatte Gewicht verloren“, erzählt Jatta. „Während der Behandlung habe ich mich wie eine Gefangene gefühlt. Unsere Menschenrechte wurden missachtet und das Programm hat mich psychisch belastet.“ Nach der Entlassung musste sie sich wieder komplett neu untersuchen und medikamentös einstellen lassen.

Nun möchte Fatou Jatta Wiedergutmachung erstreiten für das Unrecht, das ihr widerfahren ist. Ihre Forderung ist Teil der Kampagne „Bring Jammeh to Justice“, die von Ousman Sowe angeführt wird. Er wurde ebenfalls gezwungen, an der Behandlung des Diktators teilzunehmen. Jatta sagt, viele Ärzte, die Jammeh geholfen haben, seien noch auf freiem Fuß, manche von ihnen praktizierten noch. Sie möchte die Mediziner vor Gericht bringen. Jatta und ihre Mitstreiter befürchten jedoch, dass Jammeh selbst seiner gerechten Strafe entkommen könnte: Seit er sein Amt aufgeben musste, lebt er in Äquatorial-Guinea im Exil.

Das neue, demokratische Gambia erkennt die Sorgen der Opfer von Jammehs Herrschaft an. Demba Jawo, der gambische Informationsminister, antwortet auf eine E-Mail-Anfrage, seine Regierung verstehe, dass Opfer wie Jatta Gerechtigkeit erhalten müssten. Es würden Schritte unternommen, „um die fürchterlichen Menschenrechtsverletzungen wiedergutzumachen, die unter dem früheren Regime begangen wurden“.

Autor

Ismail Einashe

stammt aus Somalia und ist freier Journalist in London.
Jawo verweist auf ein kürzlich verabschiedetes Gesetz, nach dem eine Wahrheits-, Versöhnungs- und Reparationskommission eingerichtet werden soll. Sie solle den Gambiern bei der Versöhnung helfen und werde gleichzeitig „die Wahrheit über die Geschehnisse in dieser Zeit ans Licht bringen“. Diejenigen, die für die „abscheulichsten Gräueltaten“ verantwortlich gewesen seien, würden der Justiz überstellt.

Diese Worte mögen Opfern wie Jatta Trost spenden, doch Gambia hat noch einen weiten Weg zur Gerechtigkeit vor sich, gespickt mit vielen Hürden und drängenden Problemen wie einer bankrotten Wirtschaft. Jatta sagt, ihre Erfahrung habe sie zumindest eines gelehrt: „Wenn du allein bist, werden dir die Leute nicht zuhören – aber als Gruppe hast du eine Stimme.“ Sie wird weiterkämpfen, um Jammeh vor Gericht zu bringen. „Er muss sich der Gerechtigkeit stellen für das, was er den Leuten angetan hat.“

Aus dem Englischen vonJohanna Greuter.

erschienen in Ausgabe 5 / 2018: Müllberge als Goldgruben

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