Ausbildung
Maureen Obile erfüllt sich ihren Traum: Sie macht in Nairobi eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin.
Ausbildung

Lernen steht hoch im Kurs

Bildung gilt in Kenia als Schlüssel für eine bessere Zukunft. Doch die Chancen sind ungleich verteilt – vor allem zwischen Stadt und Land.

Ronnie Adhiambo Odede wohnt nicht gerade an einer ersten ­Adresse in Nairobi. Streng genommen hat sie gar keine Anschrift. Die 30-Jährige lebt in Kibera, einem der größten Slums der kenianischen Hauptstadt. Die Wellblechhütten tragen keine Hausnummern, die meist schlammigen und müllübersäten Gassen haben keine Namen. Von ihrer Hütte aus geht Ronnie jeden Tag in eine nahe Shoppingmall und richtet dort in einem Friseursalon den Damen der kenianischen Mittelschicht die Frisuren, lackiert ihre Finger- und Fußnägel.

Der Eigentümer des Ladens gibt ihr pro Kundin einen Anteil am Verdienst. Von ihrem Einkommen knapst sie so viel wie möglich für das Schulgeld ihrer beiden Töchter ab. Denn die gehen auf eine private Schule. „Die staatlichen Schulen sind schlecht, das wäre kein guter Start in die Zukunft“, glaubt Ronnie.

In vielen staatlichen Schulen sind die Klassen völlig überfüllt, die Lehrerinnen und Lehrer unterbezahlt und deshalb wenig motiviert. Viele kenianische Eltern leisten Unglaubliches, um ihre Kinder auf eine möglichst gute Schule zu schicken. Bildung gilt als Ausweg aus Armut und Arbeitslosigkeit und ist deshalb hoch angesehen. Besonders fixiert ist die Gesellschaft auf akademische Weihen. „Eine Ausbildung gilt als etwas für diejenigen, die auf der höheren Schule gescheitert sind“, sagt Maingi Mailu, der für die Berufsbildung im Landkreis Makueni verantwortlich ist, etwa 130 Kilometer von Nairobi entfernt.

Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin

Welche Möglichkeiten junge Menschen in Kenia haben, ob ihnen die Universität oder eine Ausbildung offenstehen und wie gut die Angebote sind, hängt vor allem davon ab, wo sie leben. Die Qualitätsunterschiede zwischen Stadt und Land sind groß, zwischen Nairobi und den Regionen im fast wüstenartigen Norden und Nordosten des Landes sind sie riesig.

Autorin

Bettina Rühl

ist freie Journalistin in Nairobi, Kenia. Sie arbeitet unter anderem für den Deutschlandfunk, den WDR und den Evangelischen Pressedienst (epd).
So ist die 21-jährige Maureen Obile in Nairobi bereits dabei, ihr Leben nach ihren Wünschen zu gestalten: Seit drei Monaten macht sie eine Ausbildung zur Kfz-Mechanikerin. „Das war schon als kleines Mädchen mein Traum“, sagt Maureen mit leuchtenden Augen. Sie wuchs als drittälteste von sechs Geschwistern in einer kleinbäuerlichen Familie im Westen Kenias auf, etwa 500 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Maureens Eltern waren zunächst enttäuscht, weil sie nicht studieren wollte. „Aber jetzt sind sie stolz auf mich, auch meine Mutter“, erzählt sie. Neben der Leidenschaft der Tochter für Autos und Motoren waren die Kosten ein unschlagbares Argument: Das kenianische Kfz-Unternehmen Simba Colt fördert die angehenden Kfz-Mechaniker am privaten Berufsbildungszentrum St. Kizito. Das Unternehmen zahlt umgerechnet rund 1100 Euro von insgesamt 1420 Euro Ausbildungskosten. Wohnen kann Maureen bei einem Onkel in Nairobi, ihre Eltern müssen also kaum etwas bezahlen.

Simba Colt legt außerdem Wert auf Gleichberechtigung, in Maureens Kurs sind 30 von 40 Teilnehmenden Frauen. „Die Ausbildung hier ist so gut, dass ich später sicher Arbeit finde“, meint Maureen. Kenia sei für junge Menschen ein Land voller Möglichkeiten. „Ich bin stolz, Kenianerin zu sein.“

Collin Pili ist Fischer am Turkana­see. Er sieht keine Chance, seine Kinder auf eine weiterfüh­rende Schule zu schicken. Bettina Rühl
An den Rändern des Landes dagegen sind viele junge Menschen schon am Ende, bevor sie überhaupt angefangen haben. Von ihrer Regierung merken sie nicht viel, bei Bildungsangeboten so wenig wie in Gesundheitsversorgung oder bei der Sicherheit. Der 30-jährige Collin Pili etwa glaubt selbst schon nicht mehr an seine Zukunft – und sein Weg ist auch für seine Kinder eine Sackgasse. Pili lebt im Norden Kenias, am Ufer des Turkanasees. Dessen Wasserspiegel fällt seit einigen Jahren, unter anderem wegen neuer Staudämme im benachbarten Äthiopien. Mit der Wassermenge nimmt auch der Fischbestand ab.

Das Schulgeld ist eine Hürde

Von Pilis Fang wird seine Familie kaum noch satt, und das Schulgeld für die vier Kinder ist eine fast unüberwindliche Hürde. Schon die Grundschule ist ein Problem, denn obwohl der Unterricht an staatlichen Schulen laut Verfassung kostenlos ist, verlangen viele Schulen Gebühren. „Und wenn kein Wunder passiert, werde ich meinen Kindern die weiterführende Schule auf keinen Fall bezahlen können“, sagt Pili. Obwohl ihn sein Beruf nicht mehr ernährt, muss er dabei bleiben: „Ich habe ja nichts anderes gelernt.“  Pili ist bedrückt, weil er seinen Kindern nicht mehr mitgeben kann. „Wenigstens sie bräuchten doch Bildung, um sich ein anderes Leben aufbauen zu können.“

Vor fünf Jahren wurden in Kenia viele Zuständigkeiten für die berufliche Bildung von der Regierung in Nairobi auf die Landkreise (Counties) übertragen, deren Regierungen im Zuge der Dezentralisierung 2013 erstmals gewählt wurden. Aber das hat bisher nur in einigen Regionen die Ausbildungsangebote verbessert, in anderen sind sie sogar schlechter geworden. Denn in den abgelegenen und bislang vernachlässigten Gegenden haben auch die neuen Behörden kein Geld, die Nationalregierung hat deutlich weniger überwiesen, als es ihre Pflicht gewesen wäre.

Dabei ist die Ausgangslage in Kenia besser als in den meisten Ländern des Kontinents. Das Land hat eine der stärksten Volkswirtschaften in Afrika südlich der Sahara. In den vergangenen Jahren wuchs die Wirtschaft regelmäßig um fünf bis sechs Prozent – das wären Traumraten auch in Europa. Die Landwirtschaft spielt weiter eine wichtige Rolle, obwohl schon ein Viertel der Bevölkerung in den Städten lebt und der Zuzug anhält. Miriam Wanjohi kommt aus einer Familie von Kaffeebauern und lebt im fruchtbaren Hochland von Kenia. Obwohl die 16-Jährige den Erfolg ihrer Eltern als Bauern sieht, will sie sie nicht beerben.

Miriam geht auf die weiterführende Schule und möchte danach studieren, am liebsten Kommunikationswissenschaft. Ihre Eltern verdienen mit Kaffee, Mais und anderen Feldfrüchten ausreichend Geld, um ihr den Wunsch erfüllen zu können. „Einen Job finde ich danach bestimmt“, meint Miriam. Ihr Optimismus ist durch die Realität nicht wirklich gedeckt, viele kenianische Universitätsabsolventen haben keine Arbeit.

Sein eigener Chef sein

Dagegen sind die Zukunftsträume von Jackson Rugara handfester. Sie haben mit Bienen, Kaffee, Kohl und seiner Kuh zu tun. Der 25-Jährige lebt ebenfalls im Hochland, im Ort Kangocho. Er gehört zu einer Kooperative junger Bauern, die gemeinsam Kaffee anbauen. Aus ihrem Gewinn vergeben sie Mikrokredite an ihre Mitglieder. Rugara hat Geld für eine Kuh bekommen, die bald zum zweiten Mal kalben wird. Weil er mit der Milch gut verdient, könne er den Kredit problemlos abzahlen, sagt der junge Bauer. Im nächsten Jahr wollen er und seine Kollegen zusätzlich Honigbienen kaufen.

Rugara hat seine Begeisterung für die Landwirtschaft erst spät entdeckt, nach der Schule ließ er sich erst einmal zum Elektriker ausbilden und arbeitete zwei Jahre lang in der Hauptstadt Nairobi. Vor drei Jahren kam er in seine Heimatstadt Kangocho zurück. „In Nairobi habe ich mehr verdient, aber das Leben ist auch viel teurer“, lautet seine Bilanz. „Wenn ich hart arbeite, kann ich mir hier alle meine Wünsche erfüllen.“ Außerdem gefällt ihm, dass er als Bauer sein eigener Chef ist.

Schreinerausbildung im Zentrum St. Kizito in Nairobi. Hier wird gelehrt, was in der Industrie gebraucht wird.Bettina Rühl
Ob auf dem Land oder in den Städten: Viele junge Kenianer sehen in der Selbstständigkeit eine Chance, der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen. Jedes Jahr werden zwar in Kenia gut 130.000 neue Jobs geschaffen, aber im selben Zeitraum kommen rund eine Million Menschen zusätzlich auf den Arbeitsmarkt. „Die meisten haben keine oder nur eine rudimentäre Ausbildung“, sagt Kipkurui Langat, der die Berufsbildungsbehörde TVETA (Technical and Vocational Education and Training Authority) leitet. „Deshalb finden sie nur schwer einen Job.“ Entsprechend hoch ist die Arbeitslosigkeit unter jungen Kenianern: Sie liegt bei 40 Prozent. „Da müssen wir uns natürlich fragen, ob die Ausbildung, die wir ihnen anbieten, sie ausreichend auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes vorbreitet“, räumt er ein.

Die TVETA koordiniert und reguliert den Berufsbildungssektor. Es ist auch ihre Aufgabe, das Angebot der Nachfrage anzupassen. Bei einem Bevölkerungswachstum von derzeit 2,5 Prozent im Jahr ist das fast nicht zu leisten. Schon heute hat nur ein Bruchteil der jungen Menschen die Chance, einen Studien- oder Ausbildungsplatz zu bekommen, wie Langat vorrechnet: Etwa zehn Millionen Kenianerinnen und Kenianer seien zwischen 15 und 24 Jahre alt. Aber nur drei Millionen seien entweder auf einer weiterführenden Schule, in einer Ausbildung oder auf der Universität. „Die meisten von ihnen machen gar nichts oder sind im informellen Sektor beschäftigt.“ Dort arbeiten vier von fünf der Erwerbstätigen, die meisten ohne formale Ausbildung.

Mehr Berufsbildungszentren

Theoretisch ist die Lage glänzend: Die kenianische Verfassung von 2010 garantiert allen schulpflichtigen Kindern den Zugang zu kostenfreier Bildung. Auch bezahlbare weiterführende Bildung ist ein Verfassungsrecht. Die kenianische Regierung nimmt das inzwischen ernst, sie will den Bildungssektor bis 2030 umfassend reformieren und plant eine regelrechte Revolution. Bisher legt das formale Bildungssystem den Schwerpunkt zu stark auf akademische Qualifikation, technische und berufliche Bildung werden vernachlässigt. Das soll sich mit der Reform ändern. Auch der informelle Sektor soll gestärkt werden. „Wir müssen den jungen Leuten dort Möglichkeiten anbieten, statt immer nur auf die formale Ausbildung zu schauen“, sagt Langat.

Im Zuge der Reform will die Regierung auch die Infrastruktur ausbauen und mehr Berufsbildungszentren schaffen. Sie sollen regional besser verteilt werden. Außerdem würden die Curricula überarbeitet, um die Ausbildungen besser an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und der Industrie anzupassen, unterstreicht der TVETA-Direktor.

George Kibe begrüßt die Reform als „überfällig“. Er leitet das private Berufsbildungszentrum St. Kizito, an dem auch die angehende Kfz-Mechanikerin Maureen Obile lernt. „Die Lehrpläne der staatlichen Institute gehen oft am Bedarf der Industrie vorbei“, meint er. Das Institut bemühe sich deshalb schon lange, zusätzlich zum staatlichen Lehrplan zu unterrichten, was die Industrie brauche. So wurden Solarsysteme in die Elektrikerausbildung aufgenommen, drei Jahre bevor das staatliche Curriculum es vorschrieb. Oder Diagnosegeräte in der Kfz-Ausbildung. Das Zentrum arbeite eng mit der Industrie zusammen, sagt Kibe.

Der hohe Frauenanteil in der Kfz-Ausbildung in St. Kizito geht auf den Wunsch eines Unternehmens zurück. Und unter den Schreinern sind in jedem Kurs Menschen mit Behinderungen, in diesem Jahr zwei. Joseph Mwangi Njeri hat vor drei Monaten angefangen – und ist begeistert. „Jeder ist doch stolz, wenn er etwas schafft“, sagt er. Für seine Ausbildung muss er noch nicht einmal bezahlen, der kenianische Möbelhersteller Alibhai Shariff übernimmt die Kosten. Nur die Prüfungsgebühren muss Joseph am Ende selbst aufbringen.

Joseph ist leicht in der Bewegung eingeschränkt, welche Art der Behinderung er genau hat, wurde nie untersucht – er weiß es nicht. Der 20-Jährige blickt optimistisch in seine Zukunft, aber er weiß auch: „Ich bin unter den wenigen Auserwählten.“ Und damit meint er nicht nur Behinderte. „Junge Menschen in Kenia bekommen nicht genug Unterstützung“, sagt er. Ein Satz, den viele sagen.

Die Schneiderei von Cecilia Mueni Akai ist zugleich ein kleiner Laden. Zusammen mit dem Lohn ihres ­Mannes genügt das Einkommen für die Familie. Bettina Rühl
„Viele haben aber vielleicht nur keine Lust, sich anzustrengen“, vermutet Cecilia Mueni Akai. Die 26-Jährige lebt im Dorf Muti im Landkreis Makueni. Im vergangenen Jahr hat sie am dortigen Berufsbildungszentrum eine Schneiderlehre abgeschlossen. Sie lebe mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern genau so, wie das ihren Träumen entspricht – als Familie mit einem ausreichenden Einkommen. Etwa 350 Euro verdienen sie und ihr Mann zusammen im Monat, offensichtlich genug für ein Leben in Muti. Cecilia hat ihre Nähmaschine in ihrem Laden stehen, in dem sie auch Waschmittel, Maismehl, Zucker und andere Dinge des täglichen Bedarfs verkauft. Während sie auf Kunden wartet, schneidert sie.

Ein Landkreis nimmt seine Verantwortung ernst

Ihr Ehemann arbeitet auf den Feldern anderer Bauern und macht außerdem Ziegelsteine. Die verkauft er derzeit an das Berufsbildungszentrum des Landkreises, das seine Kapazitäten wieder einmal erweitert. Denn der Landkreis nimmt seine Verantwortung für die Berufsbildung ausgesprochen ernst, trotz finanzieller Engpässe. So bekam Makueni von der Zentralregierung in Nairobi im laufenden Finanzjahr rund 64 Millionen kenianische Shilling für den Ausbau seiner Berufsbildungszentren, gut 550.000 Euro. Im Moment lernen 4200 junge Menschen an den staatlichen Berufsbildungszentren, 6000 Plätze stehen insgesamt zur Verfügung.

Bisher mache nur etwa ein Prozent der jungen Menschen in Makueni eine Ausbildung, sagt der Bildungsbeauftragte Maingi Mailu: Weil sie das Geld dafür nicht aufbringen können oder weil sie nicht an den Sinn einer Ausbildung glauben. „Das müssen wir ändern“, sagt Mailu.

Der Gouverneur von Makueni nimmt den Verfassungsauftrag ernst. Er reist durch den Landkreis, wirbt für den Nutzen einer Ausbildung und kämpft für den Ausbau der Infrastruktur. Die Regierung in Nairobi hat ihre Anstrengungen ebenfalls verstärkt. Doch angesichts des hohen Bevölkerungswachstums bleibt das ein harter Kampf.

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

Kommentare

Es ist stets hilfreich, an die wesentlichen Fragen der Entwicklungspolitik erinnert zu werden. Wohltuend nüchtern beschreibt Rühl, warum Lernen, Bildung, Fortkommen so entscheidend ist. Man wünscht sich viele Leser für diesen Artikel. Und von der Bundesregierung: dass sie endlich begreift, dass die Bekämpfung von Fluchtursachen sich nicht darin erschöpfen kann, alle paar Monate in den Niger zu düsen und dort Geld zu lassen. Vielmehr muss der Fokus darauf liegen, Bildung zu fördern. Und Bildung. Und außerdem Bildung. Sonst wird das nichts.

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