Jugendaustausch
Miguel Angel Velez Rua (links), 15 Jahre, lebt in Medellín, Kolumbien. Er hat unter einem vom Entwicklungsministerium geförderten Schüleraustausch im Herbst 2018 einen Monat eine Schule in Heidelberg besucht. Mmeli Madonda (Mitte) ist 16 Jahre alt und lebt in Durban, Südafrika. Er engagiert sich für die Organisation Youth for Christ, eine Partnerorganisation der Kindernothilfe. (www.youthkzn.co.za) Hannah Simader (rechts), 15 Jahre, kommt aus Henstedt-Ulzburg nördlich von Hamburg. Sie engagiert sich in einer Schülergruppe der Kindernothilfe am Alstergymnasium.
Jugendaustausch

„Wir Jugendliche können das besser“

Drei junge Leute aus Südafrika, Kolumbien und Deutschland über Sicherheit und Armut: Miguel Angel Velez Rua, Mmeli Madonda und Hannah Simader wollen das Leben in ihren Städten verbessern – auch das der Armen. Von den Erfahrungen ihrer Altersgenossen aus anderen Kontinenten haben sie auf einer Konferenz der Kindernothilfe in Duisburg viel gelernt.

Wie ist das Leben in eurer Stadt?
Miguel Angel Velez Rua: Ich lebe in Copacabana, einem Vorort von Medellín in Kolumbien. In meinem Viertel wohnen sehr arme, aber auch reiche Leute. Es gibt viel Kriminalität in Medellín. Man hört jeden Tag Berichte in den Medien über Überfälle und Morde. Vor kurzem wurden zwei Schüler aus meiner Nachbarschaft ermordet, weil sie angeblich mit Drogen zu tun hatten. Von einem der Schüler fand man nur noch eine zerstückelte Leiche. Und es gibt einen Psychopathen in unserem Viertel, der Kinder verfolgt und sie schlägt. Er ist immer noch auf freiem Fuß.

Fühlst du dich unsicher, wenn du draußen unterwegs bist?
Miguel Angel Velez Rua: Das kommt darauf an. Zur Schule fahre ich mit dem Schulbus. Da ist alles sicher. Aber nachts gehe ich nicht allein raus. Das Problem ist, dass die Polizei sehr langsam ist. Wenn etwas passiert, ist es zu spät.
Mmeli Madonda: Ich lebe in einer Vorstadt von Durban in Südafrika. Da ist das Leben eigentlich ganz gut. Aber ich arbeite ehrenamtlich in Townships, da gibt es viele Überfälle, auch mitten am Tag. Man muss immer mit jemandem gehen, der von dort ist. Allein kann ich da nicht hin. Ich würde sonst ausgeraubt werden.   
Hannah Simader: Ich komme aus Henstedt-Ulzburg, einer kleinen Stadt nördlich von Hamburg. Da ist es eigentlich sehr ruhig. Mein Gymnasium ist nur fünf Minuten entfernt, ich fahre mit dem Fahrrad hin. Es gibt schon Probleme, aber eher an den anderen Schulen. Oder nachts vor der Disco. Wenn ich höre, wie es bei euch in Kolumbien oder Südafrika zugeht, dann denke ich, bei mir ist alles normal. Die Deutschen sagen immer, uns  gehe es so schlecht. Dabei sollten wir vor allem helfen, anderswo Probleme zu lösen.

Engagierst du dich deshalb für Kinder in anderen Ländern?  
Hannah Simader: Ja, ich bin schon länger in einer Schülergruppe der Kindernothilfe aktiv, mit der wir bei Veranstaltungen Spenden sammeln, zum Beispiel für eine Schule für Gehörlose in Afghanistan oder Bildungsprojekte in Uganda. Das Treffen mit den Jugendlichen aus Kolumbien und Südafrika hat mich darin bestärkt, weiterzumachen.

Wie kommt das bei anderen Jugendlichen an, wenn ihr für solche Projekte sammelt?
Hannah Simader: Unterschiedlich. Es gibt schon einige, die sagen, das juckt mich nicht. Viele denken wohl, man kann eh nichts machen. Aber das stimmt nicht.  

Mmeli, du bist für die Organisation Youth for Christ aktiv. Was macht Ihr?
Mmeli Madonda: Wir besuchen Townships in Durban und Umgebung. Wir helfen in Waisenhäusern, machen Gartenarbeit oder spielen mit den Kindern. Und wir gehen in die Grundschulen, klären über Aids und Drogenmissbrauch auf. Wir Jugendliche können über solche Themen besser und glaubhafter sprechen als Erwachsene.

Sind Drogen schon in der Grundschule ein Problem?
Mmeli Madonda: Das beginnt eher in den weiterführenden Schulen, deshalb wollen wir die Kinder ja vorher aufklären. In fast allen öffentlichen Schulen rauchen Jugendliche Whoonga, ein Gemisch aus Aids-Medikamenten, Rattengift und anderen Zusatzstoffen. Die Konsumenten werden schnell abhängig und brechen die Schule ab, weil sie arbeiten gehen müssen, um die Drogen kaufen zu können. Viele junge Leute sehen keine Perspektiven, weil es so viel Armut und Arbeitslosigkeit gibt.

Was wünschst du dir von der Politik?
Mmeli Madonda: Die Politik sollte mehr in die Bildung investieren. Sie sollte Programme wie die der National Youth Development Agency stärker unterstützen. Die bietet Trainings für Jugendliche an, ich habe dort eine Schulung für Unternehmensgründer gemacht.  

Und in Kolumbien?
Miguel Angel Velez Rua: Von der Politik? Schwierige Frage. Vielleicht etwas gegen den chaotischen Verkehr tun. Bei uns fahren alle, wie sie wollen, bei Rot über die Ampel und so. Das ist gefährlich. Und ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr füreinander da sind. Wenn jemand auf offener Straße ausgeraubt wird, hilft keiner. Einem Freund von mir ist das schon passiert.

Ihr habt auf der Jugendkonferenz der Kindernothilfe gerade ein gemeinsames Wochenende mit Workshops und Diskussionen verbracht. Was habt ihr von den anderen gelernt?
Hannah Simader: Man hat nicht so oft die Gelegenheit, mit Leuten von anderen Kontinenten zu reden. In der Schule wird nicht viel über die Situation in Entwicklungsländern gesprochen. Ich habe viel gelernt, auch über Alltägliches. Die Schülerinnen aus Durban haben erzählt, dass die Eltern einen aus dem Haus werfen, wen sie dich mit einem Jungen auf der Straße sehen. Bei uns ist das zum Glück ja alles viel entspannter.
Mmeli Madonda: Ich fand den Workshop über Graffiti sehr spannend. Damit kann man auch Botschaften verbreiten, nicht nur einfach Wände bemalen. Das war neu für mich. Wir haben ein Graffito gemalt zum Thema Kindersoldaten und uns einen Schriftzug ausgedacht: „Arms are for hugging. ­Create life, not destroy it.“
Miguel Angel Velez Rua: Wir Kolumbianer können anderen Ländern etwas weitergeben, zum Beispiel unsere Lebensfreude. Andere Länder geben uns dafür etwas zurück. Deutschland etwa Hilfe bei der Ausbildung. Es geht darum, Ideen auszutauschen.

Was sind eure Zukunftspläne?
Mmeli Madonda: Unternehmer werden. In welchem Bereich weiß ich noch nicht. Und ich würde gerne dazu beitragen, Youth for Christ und ähnliche Organisationen größer zu machen. Solche Initiativen braucht es überall.
Hannah Simader: Ich will Englischlehrerin werden. Und mich nebenher weiter für Entwicklungsprojekte engagieren und den Kontakt ins Ausland halten. Vielleicht ja auch mal ein Projekt besuchen, das wäre spannend.
Miguel Angel Velez Rua: Ich will Arzt werden und so anderen helfen.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2019: Jugend und Bildung

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