Bildung in Afrika
Bildung in Afrika

Besser studieren auf isiXhosa?

Ekkehard Wolff erklärt, warum in Afrika mehr in einheimischen Sprachen gelehrt und geforscht werden sollte.

Ekkehard Wolff ist emeritierter Professor für Afrikanische Sprachen und Literaturen an der Universität Leipzig.
Herr Wolff, Sie plädieren dafür, dass in Afrikas Schulen und Universitäten mehr in lokalen Sprachen statt ausschließlich auf Englisch oder Französisch gelehrt wird. Warum?
Viele junge Leute in Afrika gehen nach sechs, sieben Jahren von der Schule und können kaum einen vollständigen Satz auf Französisch oder Englisch sagen und schreiben. Einer der Gründe ist, dass diese Sprachen außerhalb des Unterrichts keine Rolle in ihrem Leben spielen. Hinzu kommt, dass die Lehrkräfte sie zum Teil selbst nur sehr eingeschränkt sprechen. Das setzt sich dann fort bis in die Universitäten, wo die Forschung leidet.

Warum wurde das nicht längst geändert?
Weil es einfacher war, nach der Unabhängigkeit die kolonialen Bildungssysteme mitsamt den Sprachen zu übernehmen. In den Gehirnen vieler afrikanischer Eliten spukt zudem bis heute das Gespenst vom europäischen Nationalstaat mit einer einzigen Sprache herum. Das passt aber nicht zu Afrika.

Wie soll bei der Vielzahl von lokalen Sprachen Lehre an der Uni funktionieren?
Es kommen ja nicht alle dafür in Frage. In Nigeria mag es hunderte Sprachen geben, aber die Leute können sich trotzdem unterhalten. Sie gebrauchen dafür regionale Verkehrssprachen, etwa Yoruba, Haussa oder Igbo. Die werden jeweils von 20 bis 80 Millionen Leuten gesprochen; damit kommt man schon relativ weit. Solche Sprachen könnten auch eine Rolle an den Universitäten spielen. Es geht nicht darum, dass in afrikanischen Hörsälen in 2000 Sprachen gelehrt wird.

Sind afrikanische Sprachen in ihrem Wortschatz komplex genug, um etwa technische Fächer zu studieren?
Die Mehrzahl sicher noch nicht. Aber alle Sprachen können weiter entwickelt und lexikalisch ausdifferenziert werden. Yoruba etwa wird seit 150 Jahren im Schulunterricht eingesetzt. Im Prinzip ist das auch in Forschung und Lehre machbar. An der Rhodes University in Südafrika etwa werden Jura und Pharmazie teilweise zweisprachig auf Englisch und isiXhosa gelehrt.

Eine Doktor-Arbeit in isiXhosa dürfte international aber kaum wahrgenommen werden.
Warum? Man kann sie doch ins Englische übersetzen, das habe ich mit meiner deutschen Habilitationsschrift ja auch gemacht. Es geht darum, junge Wissenschaftler in die Lage zu versetzen, ihr kognitives Potenzial voll auszuschöpfen. Das gelingt nicht in einer Sprache, in der man nicht zuhause ist. Wir haben diese Möglichkeit, aber die afrikanischen Studenten haben sie nicht.   

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

erschienen in Ausgabe 4 / 2019: Erde aus dem Gleichgewicht

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