Leben auf dem Pulverfass

In der georgischen Region Dschawachetien gehört mehr als die Hälfte der Einwohner zur armenischen Minderheit. Ihre Unabhängigkeitsbewegung hat an Kraft verloren, findet aber noch immer Zuspruch. Die Rolle der armenischen und georgischen Kirchen dort ist ambivalent: Einerseits leisten sie wichtige Entwicklungsarbeit, andererseits gibt der kirchenpolitische Streit zwischen ihnen den ethnischen Spannungen zusätzlich Nahrung.

Vor einem Jahr, im August 2008, herrschte in Georgien fünf Tage Krieg. Russische Panzer standen bereits in Gori, ganz in der Nähe der Stadt Achalkalaki. „Hier wussten alle, dass sie dort warteten. Aber die Leute sind nicht zu ihnen übergelaufen. Das sind keine Marionetten“, sagt Nairi Irizjan. Der Bürgermeister von Achalkalaki in der Region Samzche-Dschawachetien zählt zur armenischen Minderheit in Georgien. Insgesamt leben in dem Gebiet im Süden Georgiens an der Grenze zu Armenien und der Türkei mehr als 110.000 Armenier; das sind 56 Prozent der Bevölkerung. In den 1990er Jahren gab es hier starke separatistische Bewegungen. Nairi Irizjan selbst gehörte ihnen als eine Leitfigur an.

Jetzt aber wischt er Bedenken vom Tisch, Dschawachetien könnte wie Abchasien und Südossetien versuchen, sich aus dem georgischen Staat zu lösen. „Die Menschen hier glauben an ihre Regierung. Die Regierung sollte auch an ihre Leute glauben“, sagt er.

Doch Vertrauen zu Tiflis ist hier nicht selbstverständlich. War die Region schon in der Sowjetunion isoliert und als Grenzregion nur mit offizieller Genehmigung zugänglich, so schien sie in den 1990er Jahren von der Welt ganz vergessen. In Dschawachetien mit seinen Hochebenen über 1600 Metern, wo der Flieder erst im Juli blüht und nichts richtig wächst außer Kartoffeln, waren die Menschen auf sich selbst gestellt. Sie hatten keinen Strom und kaum Brennmaterial oder Treibstoff. In den zahlreichen Siedlungen um Achalkalaki heizten die Bewohner mit getrockneten Kuhfladen und überwinterten mit Kühen und Schafen unter einem Dach, um ihre Wärme zu nutzen.

Autor

Martin Schuster

arbeitet als Referent für Osteuropa, den Kaukasus und Zentralasien bei APRODEV in Brüssel. APRODEV ist die Vereinigung von 17 kirchlichen Entwicklungsorganisationen in Europa, die mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf assoziiert sind.

Die städtischen Wohnungen blieben in den langen Wintern oft kalt. Holz, Öl oder Kohle waren für viele kaum noch bezahlbar. Die Infrastruktur brach nach 1990 zusammen, bis geradezu vorindustrielle Zustände herrschten. Statt in die Fabriken gingen die Männer zum Fischen und auf die Jagd. Das Kino wurde verkauft, die Schulen zerfielen, in den verlassenen Kirchen lagerten Säcke mit Salz, das die Fresken zerfraß. Das geistig-kulturelle Leben sank auf einen Tiefpunkt. Das einzige, was zunächst noch blieb, war einer der vier großen Stützpunkte der ehemals sowjetischen, dann russischen Armee in Georgien. Er versorgte mehrere tausend Menschen mit Arbeit und bestimmte das Leben in der ganzen Region.

In dieser Zeit, in der das Leben verrohte, leisteten Geistliche Pionierarbeit. Metropolit Nikolaj von der Georgisch-Orthodoxen Kirche zog damals als Priester zu Fuß über die Dörfer. „Beim Abendbrot sprach ich dann ein Gebet. Es hat ihnen gefallen, wie ich sprach und sang. Später bin ich zurückgekommen, mit einem Generator, und habe den Kindern Pinocchio gezeigt. Die hatten noch nie einen Zeichentrickfilm gesehen!“

Auch Vater Babgen Salbijan war von den Lebensverhältnissen schockiert, als er nach Dschawachetien kam, um dort die Armenisch-Apostolische Kirche wieder aufzubauen. „Manchmal haben sich die Menschen mit Plastikflaschen um das geweihte Wasser geschlagen“, erzählt er. „Vor der Kirche wurde Fleisch verkauft, überall lag Müll. Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten ihr Fleisch woanders verkaufen. Mehrere Laster mit Müll haben wir weggefahren.“

Die armenische Hauptstadt Eriwan war weit, die georgische noch weiter. „Die schlechten Straßen machten die Autos kaputt und auf dem Weg in die Hauptstadt traf man hinter jedem Busch Polizisten, die ihren Wegezoll forderten“, erinnert sich eine Georgierin aus Achalkalaki. Gleichzeitig betete Swiad Gamsachurdia, der erste gewählte georgische Präsident, für ein „Georgien der Georgier“ und hob im Dezember 1990 den autonomen Status Südossetiens auf. Als dann die Regierung unter Eduard Schewardnadse im Krieg von 1992 bis 1994 versuchte, die Kontrolle über die autonome Republik Abchasien zu gewinnen, erstarkte auch die armenische Bewegung in Dschawachetien, die Unabhängigkeit forderte und von Tiflis nichts mehr erwartete.

Die Politisierung des Lebens machte vor den Kirchen nicht halt. „Als ich nach Achalkalaki kam, haben die Kinder mit Steinen nach mir geworfen. Einmal lagen vor meinem Haus der Kopf und die Genitalien eines Hammels. Dazu die Nachricht: ‚Das wird mit Dir passieren, wenn Du nicht von hier weggehst!’“, erinnert sich Metropolit Nikolaj. Dass der Georgier sich heute „Metropolit von Achalkalaki und Kumurdo“ nennt, empfinden Armenier als Provokation. Denn beide Orte sind fast ausschließlich von Armeniern bewohnt, seit Russland im 19. Jahrhundert 30.000 Armenier in Dschawachetien angesiedelt hat. Kumurdo besitzt eine Kirche aus dem 10. Jahrhundert, die die Armenier dort heute als ihre Kirche betrachten. Sie zählt zu den zahlreichen Gotteshäusern und historischen Orten im ganzen Land, um die sich Armenier und Georgier erbittert, manchmal gewaltsam streiten.

„Das ist wie eine Streichholzschachtel, die sofort hochgehen kann“, sagt die Georgierin Dali Adgomeladse, die lokale Korrespondentin für die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). „Wenn es hier heute zu einem Konflikt kommt, dann geht es um Geschichte, Kirchengebäude und historische Orte“, meint auch ihr armenischer Kollege Wagarschak Schachbekjan. Der jüngste Versuch der Regierung in Tiflis, eine Kommission einzusetzen, die sich mit diesen Fragen befasst, ist an der Uneinigkeit der beiden Kirchen gescheitert. Ein Verfassungsabkommen existiert in Georgien ausschließlich zwischen der Georgisch- Orthodoxen Kirche und dem Staat. Dass es die Stellung allein dieser Kirche hervorhebt und staatliche Unterstützung für sie legitimiert, macht die Lage für alle übrigen Religionsgemeinschaften nicht einfacher.

Dem verbreiteten Verdacht, der georgische Staat wolle die Armenier in Dschawachetien lieber assimilieren als integrieren, entspricht die Sorge um den Erhalt der eigenen Sprache. Sie sei nicht ganz unbegründet, sagt auch Bürgermeister Nairi Irizjan und schiebt sein offizielles Briefpapier über den Tisch: Man habe ihm kürzlich von höherer Stelle bedeutet, dass er den armenischen Teil auf seinem zweisprachigen Briefkopf zu löschen habe. Das steht den Prinzipien des Konzepts „Zivile Integration und Nationale Minderheiten in Georgien“ entgegen, das die georgische Regierung im Mai dieses Jahres verabschiedet hat. Demnach sollen die Sprachen der Minderheiten gewürdigt und gleichzeitig Anreize zum Lernen von Georgisch geschaffen werden. Papier sei eben auch in Georgien geduldig, meint Nairi Irizjan.

Seda Melkumjan, die das Europäische Zentrum für Minderheitsfragen in Achalkalaki vertritt, findet den Ansatz trotzdem richtig. Seit Russisch in Georgien offiziell nicht mehr anerkannt ist, verliert sich zwischen Achalkalaki und Tiflis die gemeinsame Sprache. Unter den Armeniern Dschawachetiens spricht kaum jemand Georgisch, schon gar nicht auf dem Land. Die Georgier, die hier schon immer leben, beherrschen den örtlichen armenischen Dialekt. Informationen werden vor allem über armenische und russische Kanäle vermittelt – auch in Zeiten des Krieges. „Warum können sie Russisch lernen, aber nicht Georgisch?“, ärgert sich Seda. Sie ist Armenierin, doch ihre Kinder sprechen perfekt Georgisch. Daher stehen ihnen Studium, Beruf und Karriere in Georgien offen. Sie müssen das Land nicht verlassen wie ihre Altersgenossen, die aufgrund ihrer Muttersprache in Eriwan oder Moskau studieren. Oft bleiben sie dann gleich dort.

Trotz anhaltender Probleme hat die armenische Unabhängigkeitsbewegung in den vergangenen Jahren an Dynamik verloren. „Aktivisten kommen ins Gefängnis, anderen hat man attraktive Posten in den regionalen staatlichen Behörden verschafft“, erklärt Dali Adgomeladse. Damit wurde der Bewegung ihre Spitze genommen. An der Wurzel verlor sie an Kraft, seitdem die Straßen in Achalkalaki, von dort nach Tiflis und sogar das kleine Stück nach Armenien mit Geld aus dem amerikanischen Millenium-Programm neu asphaltiert werden. Darüber hinaus haben vor zwei Jahren die ersten Häuser in der Stadt Gas erhalten. Eine neue Eisenbahnlinie wird vom türkischen Kars nach Achalkalaki gebaut, um die Türkei von dort über Tiflis mit Aserbeidschan und Baku zu verbinden. Damit verbunden ist die Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung.

Doch die Unabhängigkeitsbewegung genießt noch immer Rückhalt und Sympathie. In einer Garage trifft sich an einem Abend im Juli eine kleine Gruppe von Männern zum „kaukasischen Tisch“. Aus der Schüssel ragen Knochen mit Fleisch, ein großer Topf mit fein gewürzter Boullion siedet auf dem Ofen. Auf Zeitungen liegen Tomaten und Grünzeug, daneben „Lawasch“, das Brot der Region. Getrunken wird Wein oder Wodka aus eigener Herstellung. Die Gespräche drehen sich um den Kaukasus, um Geschichte und Politik. Emotionen brechen sich Bahn, hitzige Worte machen die Runde. Welche Gesinnung die Männer hier eint, wird schnell deutlich: „Dschawachetien war immer schon armenischer Boden“, erklärt der eine. Ein anderer verkündet: „Unsere Zeit wird noch kommen.“ Von Verbindungen nach Armenien und Russland ist die Rede.

Der Krieg im vergangenen August hat der Bewegung neuen Zuspruch gebracht. „Den Leuten hier hat nicht gefallen, dass Georgien sich sein Verhältnis zu Russland verdirbt“, sagt die Georgierin Adgomeladse. Schon gegen die Schließung des russischen Stützpunktes im Jahr 2007 hatten sie protestiert. Doch darauf hatte in Tiflis niemand gehört. Die versprochenen Arbeitsplätze blieben aus. Viele Familien verließen mit der Armee die Region nach Armenien oder Russland. „Wir hatten Angst“, sagt Adgomeladse mit Blick auf den Krieg. „Wenn die Russen gekommen wären, hätten viele die Seite gewechselt. Manche Leute würden alles tun, um die Verbindung mit ihren Familien in Russland nicht zu verlieren.“

Angst hat offenbar auch der Staat. Der Verfassungsschutz ist überall gegenwärtig. „Wenn Sie gegangen sind, werden sie mich wahrscheinlich fragen, worüber wir gesprochen haben. In unserer Lage muß das so sein“, sagt eine Georgierin aus Achalkalaki. „Dies ist eine Risiko- Region. Die machen nur ihre Arbeit.“ Unter vielen Georgiern ist die starke Präsenz des Geheimdienstes akzeptiert. Selbst der armenische Bürgermeister sieht es pragmatisch: „Für uns ist das gar nicht schlecht. Es ist unser verlässlichster und schnellster Informationskanal zur Regierung in Tiflis. Wenn wir wegen schlechtem Wetter Ausfälle bei der Kartoffelernte erwarten, geben wir das durch den Verfassungsschutz direkt weiter. Dann weiß es Tiflis sofort. Im übrigen sorgt die starke Präsenz des Dienstes für Arbeitsplätze.“

Nicht alle nehmen es mit Humor. Die Atmosphäre des Misstrauens macht hier manchen zu schaffen – auch Vater Babgen. Aktive Gemeindeglieder werden einbestellt, um Rechenschaft abzulegen über ihre Kontakte zur Armenisch-Apostolischen Kirche. Besuch aus dem Ausland, der mit einem Auto der Kirche von Armenien über die nahe Grenze kommt, wird vom Geheimdienst registriert und beobachtet. Seine Gesprächspartner werden aufgefordert, persönliche Daten und sein Besuchsprogramm zu erkunden, um sie an „den Dienst“ weiterzugeben. Autos bewegen sich schleichend vorbei und registrieren, wer auf der Straße mit dem Priester spricht. „Die arbeiten auch für den Dienst“, kommentiert ein Gesprächspartner, denn hier kennt jeder jeden. „Wenn ich in die Armenische Kirche gehe, werde ich vom Geheimdienst beobachtet, wenn ich zur Georgischen Kirche gehe, beäugen mich meine Landsleute“, bricht es aus ihm heraus.

„Hier herrscht Angst“, fasst Metropolit Nikolaj das politische Klima in Dschawachetien zusammen. „Was hier fehlt, sind nicht Fleisch und Kartoffeln, sondern geistige Nahrung, Kultur und Bildung.“ Da ist er mit Vater Babgen einig, und sie setzen sich mit Hingabe für dasselbe ein. Doch es fehlt an Vertrauen, selbst zwischen den Kirchen. Metropolit Nikolaj erzählt, wie Vater Babgen seiner Kirche im Krieg eine LKW-Ladung mit Geschenken aus Eriwan geschickt hat. Doch eine Zusammenarbeit hat sich noch nicht weiter entwickelt. Das verhindern kirchenpolitische Uneinigkeit sowie der Streit um den Status und um Kirchengebäude. Die beiden Geistlichen haben sich noch nie gesehen.

 

erschienen in Ausgabe 8 / 2009: Kaukasus: Kleine Völker, große Mächte
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