Freihandel in Afrika
Freihandel in Afrika

„Die wirtschaftlich Stärkeren profitieren“

Helmut Asche erklärt, was von dem neuen afrikanischen Freihandelsabkommen zu erwarten ist.

Helmut Asche lehrt als Honorarprofessor an der Universität Mainz mit den Schwerpunkten Handels- und Industriepolitik, Regionalintegration in Afrika und Entwicklungszusammenarbeit.
Herr Asche, Ende Mai ist das Afrikanische Freihandelsabkommen (AfCFTA) mit dem Beitritt Gambias als 22. Mitglied in Kraft getreten. Entwicklungsminister Gerd Müller erkennt darin ein großes wirtschaftliches Potenzial. Sie auch?
Das Abkommen kann dazu beitragen, dass 1,2 Milliarden Afrikaner mit einem Sozialprodukt von rund 2,5 Billionen Dollar künftig mehr Handel untereinander betreiben. Afrikanische Länder wickeln derzeit nur 12 Prozent des Außenhandels innerhalb des eigenen Kontinents ab. Eine Ursache dafür ist, dass sich die afrikanischen Länder jenseits subregionaler Freihandelsabkommen wie der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) oft schlechtere Bedingungen gewähren als beispielsweise der Europäischen Union. Eine gemeinsame Freihandelszone könnte das Problem beheben.

Wovon hängt der Erfolg des Abkommens ab?    
Erstmal müssen die vereinbarten Regeln konkretisiert und wirklich umgesetzt werden, vor allem das Ziel, 90 Prozent der Waren von Zöllen zu befreien. Wichtig ist zudem, dass nichttarifäre Handelshemmnisse abgebaut werden, zum Beispiel bürokratische Zollprozeduren. 

Kann der Freihandel auch den ärmeren Ländern helfen?
Wahrscheinlicher ist, dass vor allem wirtschaftlich stärkere Länder wie Südafrika oder Kenia profitieren. Ihnen eröffnet der Freihandel größere Absatzmärkte. Das gilt theoretisch auch für ärmere Länder, nur haben die kaum etwas anzubieten. Deshalb braucht es eine begleitende Industriestrategie für die ärmsten Länder und Ausgleichsmaßnahmen wie in der EU. Entscheidend sind zudem transkontinentale Infrastrukturprojekte. Es gibt kaum Straßen und keine Schienennetze, die den Osten mit dem Westen des Kontinents verbinden. Die schwache Infrastruktur ist vor allem ein Problem für Binnenstaaten wie Ruanda oder Uganda.

Warum ist Nigeria als größte Volkswirtschaft Afrikas dem Abkommen bislang nicht beigetreten?
Nigeria würde eigentlich profitieren, weil das Land mehr exportieren könnte. Aber es gibt wie in Südafrika Befürchtungen, dass der eigene Markt noch stärker als bisher von billigen Importen aus China überschwemmt wird, die dann auf Umwegen zollfrei ins Land kommen. Solche Handelsumlenkungen sind innerhalb einer Freihandelszone schlechter zu kontrollieren. 

Die EU-Kommission will ein neues Abkommen zwischen der EU und der afrikanischen Freihandelszone auf den Weg zu bringen. Welche Chancen bietet das Afrika?   
Die aktuellen Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) zwischen der EU und einzelnen Regionen Afrikas durch ein neues Abkommen zu ersetzen, könnte zu einheitlichen und besseren Regeln führen. Die EPAs haben Nachteile für die afrikanischen Staaten mit sich gebracht. Bei einem neuen Abkommen muss die EU-Kommission diese Fehler korrigieren und effektivere Schutzregeln für junge Industrien und für die Landwirtschaft zulassen, sonst wird es in Afrika kaum Interesse an einem neuen Handelsabkommen mit der EU geben.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher

erschienen in Ausgabe 7 / 2019: Multilaterale Politik: Zank auf der Weltbühne

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