„Die Medien übernehmen den Part der Opposition“

In Nicaragua informieren sich die meisten Menschen über das Radio. Der Zeitungsmarkt ist beschränkt. Neben der bürgerlich-konservativen „La Prensa“ deckt die Tageszeitung „El Nuevo Diario“ das linksliberale Spektrum ab. Seit ihrer Gründung 1980 ist sie zur sandinistischen Bewegung jedoch mehr und mehr auf Distanz gegangen. Ihr Direktor Francisco Chamorro beklagt mangelnde Informationen und häufige Beschwerden seitens der Regierung von Daniel Ortega. Darüber hinaus machen dem Blatt die Folgen der Wirtschaftskrise zu schaffen.

„Seit Beginn der Krise haben wir 30 Prozent an An­zeigeneinnahmen eingebüßt“, stellt Francisco Chamorro nüchtern fest. Den Unternehmern will er keinen Vorwurf machen: „Es ist klar, dass zuerst einmal bei den Werbeausgaben gespart wird.“ Der Direktor der Tageszeitung „El Nuevo Diario“ in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua hat schon viele Höhen und Tiefen im Anzeigengeschäft erlebt. Er hat gelernt, damit umzugehen.. Bei Gründung der Zeitung im Mai 1980 war auf die Werbeeinnahmen noch Verlass. Damals kamen 90 Prozent der Inserate von Regierungsinstitutionen.

„El Nuevo Diario“ entstand aus einer politischen Familienfehde. Ein Teil der Verlegerfamilie Chamorro unterstützte die noch junge Revolution, der andere wollte mit der renommierten Zeitung „La Prensa“ Opposition machen. Deren unerschrockener Herausgeber Pedro Joaquín Chamorro hatte seinen vehementen publizistischen Kampf gegen die Somoza-Diktatur im Januar 1978 mit dem Leben bezahlt. Ein gedungener Mörder lauerte ihm mitten in Managua auf offener Straße auf.

Chamorros Brüder und Miteigentümer gingen nach dem Sturz Somozas vor 30 Jahren getrennte Wege. Jaime stand fest auf der Seite der bürgerlichen Revolutionsgegner. Javier hingegen glaubte an die Ideale der sandinistischen Guerilleros, die einen Volksaufstand ausgelöst hatten und soziale Reformen mit Menschenrechten versprachen. Er gründete „El Nuevo Diario“, das heute von seinem Sohn Francisco geleitet wird. Während der 1980er Jahre befanden sich alle drei Tageszeitungen des Landes in der Hand der Familie Chamorro; „Barricada“, die sandinistische Parteizeitung, wurde von Carlos Fernando Chamorro, dem jüngeren Sohn des ermordeten Verlegers, geleitet. Während „La Prensa“ unter den Sandinisten einer strengen Zensur unterworfen war, machte „El Nuevo Diario“ mit einer linientreuen, aber breit gestreuten Informationspolitik Auflage.

Autor

Ralf Leonhard

ist freier Journalist in Wien und ständiger Korrespondent von "welt-sichten".

Als die Sandinisten 1990 nach einem von den USA geschürten Zermürbungskrieg abgewählt wurden, leitete Violeta Barrios de Chamorro, die Witwe von Pedro Joaquín, als Präsidentin eine Rückkehr zur Marktwirtschaft und außenpolitischen Anlehnung an die USA ein. „El Nuevo Diario“ wurde zunächst mit dem Entzug staatlicher Anzeigen gemaßregelt, während sich „La Prensa“ in der Rolle des offiziellen Organs fand und entsprechend verwöhnt wurde.  „Wir mussten damals verstärkt Sex and Crime ins Blatt bringen, um zu überleben“, rechtfertigt Francisco Chamorro das Absinken des Niveaus. Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Prügeleien auf dem Markt füllten die Chronikseiten in „El Nuevo Diario“. Die Fotos dazu überschritten regelmäßig die Grenze des guten Geschmacks. „Jetzt sind wir wieder seriöser geworden“, betont Chamorro, der mit den bluttriefenden Geschichten merklich Schwierigkeiten hatte.

Doch auch heute noch wird die Zeitung von den staatlichen Stellen an der kurzen Leine gehalten. Mit Daniel Ortega regiert zwar seit gut zweieinhalb Jahren wieder der ehemalige Revolutionskommandant, doch „El Nuevo Diario“ versteht sich nicht als Sprachrohr seiner Regierung. Im Gegenteil: Die kritische Berichterstattung wird von den Regierenden beklagt. Ortega hat der Zeitung, seit er regiert, kein einziges Interview mehr gegeben. „Zensur gibt es keine“, sagt Chamorro, „aber man informiert uns nicht.“ Aus den Ministerien kommen nüchterne Erklärungen. Wenn deren Inhalt dann mit Informationen aus anderen Quellen journalistisch aufbereitet wird, hagelt es Beschwerden, man „vergifte“ die Informationen.

Ferner ist in den Ministerien niemand unterhalb des Ministers befugt, Auskunft zu geben. „Es wurden schon Leute entlassen, weil sie Informationen an die Presse gegeben haben“, sagt Chamorro. Auch die Minister selbst sind wortkarg. Während der Revolution in den 1980er Jahren seien die Ressortchefs technisch und intellektuell andere Kaliber gewesen, erinnert sich Chamorro mit Wehmut: „Die von heute haben das Niveau von Staatssekretären.“ Selbst Pressekonferenzen, auf denen man sich womöglich unangenehmen Fragen stellen müsste, sind Mangelware. So wurden die Maßnahmen anlässlich der befürchteten Ausbreitung des Schweinegrippe-Virus nur über den sandinistischen TV-Kanal 4 verbreitet.

„El Nuevo Diario“ ist ein gut funktionierendes Unternehmen. In allen Regionen Nicaraguas arbeiten fest angestellte Korrespondenten. Der Redaktion in Managua steht eine Fahrzeugflotte von sieben Autos und Kleinbussen zur Verfügung. Die Journalisten bekommen mit Monatsgehältern von 1000 bis 1500 US-Dollar eine vergleichsweise stattliche Entlohnung. Eine Lebensversicherung und das Diensthandy sind willkommene Nebenleistungen. Im klimatisierten Großraumbüro ist vernünftiges Arbeiten möglich. Vorbei sind die Zeiten, als Journalisten in Zentralamerika in stickigen Kojen und beim unerträglichen Stampfen der Druckerpresse telefonieren und schreiben mussten.

Wiederholt hat sich die Zeitung dadurch ausgezeichnet, die Anliegen der Leserinnen und Leser aufzugreifen. Das sind weniger die innenpolitischen Debatten als Probleme, mit denen sich jeder im Alltag herumzuschlagen hat. Etwa die Serie über die Schuldenfalle der Kreditkarten. Die zahlreichen Privatbanken Nicaraguas haben in einer sehr aggressiven Verkaufspolitik Tausende kostenlose Kreditkarten unter das Volk gebracht. Die Kosten werden über hohe Zinsen hereingeholt. Für die im Umgang mit Plastikgeld wenig versierten Leute, die mit der neuen Karte groß einkaufen gingen, kamen die hohen Abrechnungen dann völlig überraschend. „El Nuevo Diario“ wies auf die Risiken, die mit den Kreditkarten verbunden sind hin und informierte, dass allein in Managua 38.000 Prozesse wegen Säumigkeit anhängig seien.

Die Zeitung kann auf diese Weise einiges bewegen. Vor kurzem berichtete sie über den sorglosen Umgang der Mobiltelefongesellschaften mit gestohlenen Geräten. Bis vor kurzem wurde jeder, der mit einem Handy eine neue SIM-Karte beantragte, unkontrolliert bedient. Die Zahl der Diebstähle war zu einem echten sozialen Problem geworden. Dank der Artikel in „El Nuevo Diario“ muss man jetzt eine Rechnung oder sonst ein Dokument vorweisen, das belegt, dass das Gerät rechtmäßig erworben wurde.

Täglich können Bürger in der Zeitung ihre Anliegen vorbringen – etwa mit einem Foto von einem Schlagloch in der Strasse oder Informationen über unangekündigte Stromabschaltungen. Mit einer täglichen Auflage von 30.000 Stück liegt man zwar auf dem Niveau des Konkurrenzblatts „La Prensa“, doch zeigen Umfragen, dass jedes Exemplar von sieben Personen gelesen wird. Bei „La Prensa“ seien es nur fünf. Diese starke Leser-Blatt-Bindung hat „El Nuevo Diario“ bis heute das Überleben gesichert.

Doch angesichts der Wirtschaftskrise muss auch „El Nuevo Diario“ sparen. Vor kurzem sah sich Chamorro gezwungen, zehn Prozent der Belegschaft aus Kostengründen zu entlassen. Doch 190 vergleichsweise gut bezahlte Personen auf der Gehaltsliste schlagen noch immer gewaltig zu Buche. Deswegen musste der Umfang der Zeitung von früher 40 Seiten auf 32 bis 36 Seiten verringert werden. „Dadurch sparen wir Papier“, sagt Chamorro. Außerdem wurde nach langer Zeit der Preis im Straßenverkauf von fünf auf sieben Córdobas (rund 0,25 Euro) erhöht. Bis dahin war „El Nuevo Diario“ die billigste Tageszeitung in ganz Zentralamerika. Außerdem wird jetzt nur noch nach 22 Uhr gedruckt. Denn zwischen sechs und zehn Uhr abends, wenn die Familien zu Abend essen und vor den Telenovelas sitzen, ist der Strom besonders teuer.  

Papier, Druckerschwärze, Druckplatten, praktisch alles Material muss importiert werden – natürlich aus den USA. In Zeiten der Krise sind diese Kosten besonders schmerzhaft. Da kommt es äußerst ungelegen, wenn die Regierung ein Gesetz ändert, das die Importe notwendiger Materialien für die Massenmedien bislang von Zöllen befreit hat. Nach der Neufassung können große Medien lediglich noch Material bis zum Gegenwert von 2,5 Prozent des letztjährigen Umsatzes frei importieren. Kleineren Medien sollen immerhin fünf Prozent zugestanden werden. Die Verleger haben dagegen Verfassungsbeschwerde eingelegt, denn den Abgeordneten, die das Gesetz durch das Parlament gepeitscht haben, ist ein Formfehler unterlaufen. Die Verfassungskammer des Obersten Gerichtshofes lässt mit ihrem Spruch auf sich warten. Sehr optimistisch ist Chamorro nicht, denn die Justiz funktioniert in Nicaragua auf Zuruf von Daniel Ortega.

Schon vor Jahren ist es Ortega gelungen, durch politische Pakte mit seinem schärfsten ideologischen Gegner, dem rechtspopulistischen Arnoldo Alemán, der damals Präsident war, sämtliche Staatsinstitutionen und  ­­­­-gewalten zwischen den beiden großen Parteien, der Liberal Konstitutionalistischen (PLC) und der Sandinistischen (FSLN), aufzuteilen. Alemán wurde dann von seinem – ebenfalls liberalen – Nachfolger Enrique Bolaños vor Gericht gestellt und dort wegen Korruption zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ortega hat Alemán zwar wieder freigelassen, kann ihm aber jederzeit einen neuen Prozess machen lassen. Deswegen sind die in zwei Fraktionen gespaltenen Liberalen zusätzlich geschwächt. „Ortega regiert praktisch ohne Opposition“, sagt Chamorro, „deswegen müssen die Medien notgedrungen diesen Part übernehmen.“ Vom Pamphlet-Stil der 1980er Jahre hat man sich aber längst verabschiedet. Kritik an der Regierung wird mit Argumenten geübt. „Wir berichten aber auch über gute Projekte der Regierung“, betont der Zeitungsdirektor.

Der Zeitungsmarkt in Nicaragua, wo sich die Menschen am ehesten aus dem Radio informieren, ist beschränkt. Der Versuch der Unternehmerfamilie Montealegre, mit der „Tribuna“ einen stabilen Marktanteil zu erobern, ist gescheitert. Neben „El Nuevo Diario“ und „La Prensa“ gibt es nur noch das Tabloid „Hoy“, das aus dem Verlagshaus „La Prensa“ kommt und mit Nachrichten „light“ das eher lesefaule Publikum ansprechen soll. „Der Erfolg ist bescheiden“, konstatiert Chamorro. In Nicaragua gelten Tabloid-Zeitungen als unseriös. Wie in den USA bevorzugt die Leserschaft das seriös wirkende Standardformat.

Wie der Zeitungsmarkt in 20 Jahren aussehen wird, wagt Chamorro nicht zu prognostizieren. Schon heute hat die Online-Ausgabe seiner Zeitung mit 38.000 bis 42.000 Lesern täglich zumindest die Auflage der Papierausgabe überholt. „Unsere Generation ist zu 60 Prozent analog und zu 40 Prozent digital“, schätzt der Mittvierziger, „die Jugend ist zu 100 Prozent digital.“ In den vergangenen Jahren haben sich die neuen Technologien in rasendem Tempo durchgesetzt. War der Internetzugang vor einigen Jahren noch den zahlungskräftigen Kunden vorbehalten, so findet man heute allenthalben Hotspots und die Geschwindigkeit der Geräte in den Internet-Cafés erreicht fast europäisches Niveau.

Auf dem Land sieht es noch anders aus. Da hat das bedruckte Papier noch eine echte Funktion und die Massenalphabetisierung der vergangenen Monate schafft neue potentielle Leser. Sicher ist sich Chamorro, dass der Journalismus auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird. Das klingt glaubwürdig aus dem Munde eines Mannes, dessen Familienname in Nicaragua geradezu als Synonym für Journalismus steht. „El Nuevo Diario“ ist heute ein Unternehmen, das weder Gewinne noch Verluste schreibt. In Zeiten der Krise ist das schon beachtlich.

erschienen in Ausgabe 9 / 2009: Medien: Die heiße Ware Information

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