Selbsthilfe
Diesen traditionellen Markt organisiert die Dalia Association, um palästinensische Kleinunternehmer zu unterstützen.
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Crowdfunding im Gazastreifen

Palästinensische Organisationen haben die Nase voll von der Entwicklungshilfe. Statt auf internationale Geber setzen sie auf lokale Spender und die Erlöse aus Secondhandläden.

Überall im Westjordanland und im Gazastreifen sind in den vergangenen Jahren Bürgerstiftungen zur Finanzierung von Hilfs- und Entwicklungsprojekten aus dem Boden geschossen. Die meisten von ihnen meiden Geld aus der EU oder den USA – und manchmal versuchen sie es sogar komplett im Alleingang.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung: Denn die die Bewohner des Westjordanlands und des Gaza­streifens zählen weltweit zu den Spitzenempfängern von internationalen Hilfszahlungen. Gleichzeitig befürchten sie, dass Geberländer die Vergabe von Geldern als Vehikel nutzen, um ihre eigenen Ordnungsvorstellungen durchzusetzen statt auf die Visionen der Palästinenser zu hören. Deswegen nehmen sie ihre Entwicklungsprojekte durch die Bürgerstiftungen nun selbst in die Hand.

Zwar wurde im Rahmen einiger international finanzierter Projekte in der Region wertvolle und dringend benötigte Infrastruktur aufgebaut. Außerdem wurde der Bevölkerung, die unter der stagnierenden Wirtschaft leidet, Soforthilfe gewährt. Doch Kritiker bemängeln, dass andere Projekte bestenfalls nur Geld und Zeit verschwendeten – und im schlimmsten Fall den palästinensischen Kampf für Selbstbestimmung behinderten.

Verfechter dieser Ansicht wie Besan Abu-Joudeh, Geschäftsführerin und Mitgründerin von „Buildpalestine“ – einer Online-Plattform, die globale Unternehmer mit kleinen, in den Palästinensergebieten tätigen Organisationen zusammenbringt –, behaupten, die Abhängigkeit von ausländischer Hilfe sei nicht nachhaltig.

Dass sich die US-amerikanische Entwicklungsbehörde USAID vor kurzem aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen zurückgezogen hat, unterfüttert diese Kritik. Über Jahrzehnte hat USAID Hilfsgelder in die palästinensischen Gebiete gepumpt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das erklärte Ziel war eine „gerechte und andauernde Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt“. Der Abzug von USAID ist eine Folge des US-amerikanischen Antiterrorgesetzes; allerdings machte die Behörde bereits vorher erhebliche Einschnitte bei ihrem Programm in den Palästinensergebieten.

Der Rückzug verleiht Stimmen wie der von Joudeh Nachdruck, die dafür plädieren, auf Entwicklungshilfe zu verzichten und stattdessen Projektgelder mit Hilfe von Crowdsourcing zu beschaffen. Dabei soll die Spendergemeinschaft selbst über den Einsatz der Mittel und die künftige Entwicklung entscheiden.

Rückzug von USAID

Das Problem der Entwicklungshilfe sei, dass sie mit den Projekten und Prioritäten der jeweiligen Institutionen einhergehe, sagt Joudeh. „Und wie unlängst deutlich wurde, kann man sich nicht einmal darauf verlassen.“ Viele Organisationen mussten nach dem Rückzug von USAID dichtmachen, ergänzt sie.  „Unsere lokalen Non-Profit-Organisationen sollten nachhaltig sein, damit sie nicht durch wechselnde politische Interessen oder internationale Geld­geber ihre Tätigkeit einstellen müssen.“

Transport von Hilfsgütern der UN in Gaza 2019. Palästina zählt weiter zu den größten Empfängern internationaler Hilfsleistungen. Majdi Fathi/getty images
Die ehemalige Entwicklungshelferin gründete BuildPalestine im Jahr 2016, weil sie von dem Gebersystem in den palästinensischen Gebieten enttäuscht war. Es waren kleine lokale Organisationen, die ihrer Ansicht nach für die wichtigsten Veränderungen sorgten. „Sie haben nicht die größte Außenwirkung, erzielen aber die größten Erfolge“, sagt Joudeh. „Allerdings haben alle diese Organisationen mit der Finanzierung zu kämpfen.“  Deshalb habe sie die Idee für BuildPalestine gehabt.

Das Start-up sammelt Gelder von Einzelpersonen oder kleinen Stiftungen und unterstützt damit Projekte. Zudem berät BuildPalestine andere Organisationen und bietet Workshops an. Wer dem Netzwerk angehören möchte, muss einen jährlichen Mitgliedsbeitrag zahlen.

„Es gibt viele Menschen, die kleine Institutionen in Palästina unterstützen möchten“, sagt Joudeh. „Wir haben uns überlegt, wie wir sie mit diesen kleinen Organisationen zusammenbringen können.“ Nach eigenen Angaben sammelte das Start-up seit seiner Gründung insgesamt 260.000 US-Dollar von Gemeinden und Einzelpersonen ein. Davon wurden 28 Projekte finanziert.
Ein palästinensischer Rettungssanitäter in Gaza konnte mit der Hilfe von BuildPalestine ein ganzes Viertel mit Verbandskästen ausrüsten und 35 Ehrenamtliche zu Sanitätshelfern ausbilden, die Verletzte bis zum Eintreffen eines Krankenwagens versorgen können. Auch der Al-Mada-Association, die ein Zentrum für Musik- und Kunsttherapie in Ramallah betreibt, half das Start-up beim Sammeln von Geldern.

Die erste palästinensische Bürgerstiftung

Zu den von BuildPalestine unterstützten Organisationen gehört auch die Dalia Association. Bei der 2006 gegründeten Organisation handelt es sich nach eigenen Angaben um die erste palästinensische Bürgerstiftung. Die sieben Mitarbeiter der Organisation sind fest entschlossen, sich von internationaler Hilfe unabhängig zu machen. Ziel der Dalia Association ist die Stärkung lokaler Organisationen; darüber hinausgehende thematische Schwerpunkte werden nicht verfolgt.

Autorin

Dalia Hatuqa

ist freie Journalistin und berichtet über Israel und Palästina.
„Wir bemühen uns darum, vor Ort Mittel für eine kommunal gesteuerte Entwicklung zu mobilisieren“, sagt die Geschäftsführerin der Dalia Association, Aisha Mansour. „Die lokale Community entscheidet, welche Initiativen sie unterstützt, welche Lösungsansätze vielversprechend sind und wer unsere kleinen Zuschüsse bekommt.“

Nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens im Jahr 1993 – das zu Frieden mit Israel und der „Selbstbestimmung“ Palästinas führen sollte – stiegen die Hilfszahlungen explosionsartig an. Die Gelder sollten den Friedensprozess und den Aufbau der künftigen staatlichen Institutionen unterstützen. Das war nicht zwangsläufig von Vorteil, glaubt Mansour. „Dalia entstand als Reaktion auf die ausländische Hilfe nach Oslo“, sagt sie. Die Gründer hätten erkannt, dass sich die Prioritäten der internationalen Hilfsorganisationen nicht mit denen der Bevölkerung vor Ort deckten. „Die ausländische Hilfe war in gewisser Weise kontraproduktiv, da sie die Gesellschaft schwächte“, sagt Mansour. „Statt selbst aktiv zu werden, erwarteten die Menschen nun, dass die Probleme für sie gelöst werden.“

Der Secondhandladen Dukkan in Ramallah gehört zu den von der Dalia Association bezuschussten Projekten. Der Laden soll ein Einkommen für die Organisation erwirtschaften und das Recycling unterstützen. Einmal im Jahr veranstaltet die Dalia Association die „Auktion für gesellschaftlichen Wandel“: Eine Art Live-Crowdfunding, bei der Einzelpersonen ihre Initiativen für die Community vorstellen. Überzeugt die Idee, können die Anwesenden an Ort und Stelle spenden und das Projekt unterstützen.

"Herkömmliche Entwicklungshilfe ist nicht nachhaltig"

Die Idee, die lokale Gemeinschaft an Entwicklung und Projektfinanzierung zu beteiligen, ist nicht neu: BuildPalestine und Dalia sind nur zwei Beispiele einer steigenden Zahl von Organisationen, die das versuchen. Befürworter sagen, dass dieser Ansatz lokalen Gemeinschaften dauerhafte Geldquellen bietet und ihnen hilft, ihre selbst gewählten Ziele zu erreichen – etwas, das in internationalen Entwicklungshilfeprogrammen nicht immer berücksichtigt wurde.

„Die Leute wissen, dass herkömmliche Entwicklungshilfe nicht nachhaltig ist, dass sie unter anderem die Wirtschaft verzerrt“, sagt Mansour. Die Dalia Association sei Teil einer globalen Bewegung, „die davon überzeugt ist, dass sich echte Entwicklung auf lokaler Ebene mit lokalen Mitteln durch die Gemeinschaft vor Ort vollzieht“.

Der internationalen Gebergemeinschaft sage man, dass wirklich nachhaltige Entwicklung nur über die Unterstützung der Bürgerstiftungen möglich sei. „Man braucht Flexibilität, langfristiges Denken und Weitblick“, sagt Mansour. All das stelle sich nicht ein, wenn Projekte nur zwei oder fünf Jahre laufen oder im Ausland erdacht werden.

Doch viele glauben, dass die traditionelle Entwicklungshilfe nach wie vor eine maßgebliche Rolle spielt. Die Wirtschaft stagniert in den Palästinensergebieten; der Weltbank zufolge waren 2018 ganze 31 Prozent der Menschen in der Region arbeitslos. Und rund eine Million Menschen im Gazastreifen und im Westjordanland brauchen nach Schätzungen des UN-Hilfswerks der Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) 2019 Lebensmittelhilfe, um über die Runden zu kommen.

Vorwürfe gegen UNRWA-Führungsriege

Das UN-Hilfswerk für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) steht unter Beschuss. Es unterstützt rund fünf Millionen Palästinenser im Gazastreifen, im Westjordanland sowie in Syrien, Jordanien und dem…

Dass die palästinensische Wirtschaft auf die Hilfe internationaler Organisationen wie der Weltbank, der UN und anderer traditioneller Geber angewiesen ist, sei kein Geheimnis, sagt ein leitender Vertreter der internationalen Entwicklungshilfe, der anonym bleiben will, da er nicht autorisiert ist, sich der Presse gegenüber zu äußern. Die Community-Organisationen arbeiteten an vorderster Front und erfüllten zweifellos eine entscheidende Funktion, sagt er. „Aber für sie ist es einfach schwierig, den Umfang ihrer Aktivitäten an das Ausmaß der Not in den palästinensischen Gebieten anzupassen.“

Selbst ihren Kritikern ist klar, dass internationale Hilfe nach wie vor gebraucht wird. Sie möchten aber, dass sie die Selbstbestimmung und wirtschaftliche Unabhängigkeit Palästinas fördert, statt die israelische Besetzung der palästinensischen Gebiete zu subventionieren.

Was USAID angeht, sind sich alle einig, dass der Rückzug der Behörde kurzfristig wehtut und schadet,  auf lange Sicht aber eine Chance bietet, den bisherigen Umgang mit internationaler Entwicklungshilfe zu überdenken.

„Palästina braucht Hilfe, es braucht Unterstützung“, sagt Joudeh. „Aber der Grund dafür ist die israelische Besetzung.“ Die Frage sei, wie man die Hilfe kanalisiere. „Es muss auf eine Weise geschehen, die die einzelnen Gemeinschaften tatsächlich dazu befähigt, die vor ihnen liegenden Probleme in Angriff zu nehmen.“

Der Beitrag ist zuerst auf „The New Humanitarian“ erschienen, einer Online-Plattform, die über humanitäre Krisen berichtet. Zum Originaltext auf Englisch.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 9 / 2019: Mission und Macht

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