„Die LTTE existiert nur noch in der Diaspora“

Im Frühjahr hat die Armee von Sri Lanka die tamilische Rebellenbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) besiegt und damit den 26-jährigen Bürgerkrieg beendet. Bei der Einnahme der letzten LTTE-Stellungen soll es tausende zivile Opfer gegeben haben. Bis heute sind zehntausende Tamilen in Lagern interniert, aus denen kaum Informationen nach außen dringen. Vinya Ariyaratne erläutert, mit welchen Schwierigkeiten seine Organisation Sarvodaya bei der Hilfe für die Vertriebenen kämpft, und spricht sich für eine Untersuchung möglicher Menschenrechtsverletzungen aus.

Im Mai hat die srilankische Armee die letzten Reste und das Oberkommando der Tamil Tigers aufgerieben. Wie ist es gelungen, nach jahrzehntelangen Kämpfen die Rebellentruppe am Ende so schnell zu besiegen?

Das hat mehrere Gründe. Die Regierung von Präsident Mahinda Rajapaksa hat sich voll darauf konzentriert, die LTTE militärisch zu besiegen, während frühere Regierungen auf Verhandlungen gesetzt haben. Dafür wurde die ganze Bevölkerung mobilisiert. Der Sicherheitsapparat wurde ausgebaut, die Medien wurden kontrolliert. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war es für die Regierung auch leichter, den Krieg als Aktion gegen Terrorismus zu verkaufen. Die Kosten wurden in Kauf genommen: der Tod von Soldaten und Zivilisten, wirtschaftlicher Schaden, die internationale Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen. Indien, das sich früher immer für eine Verhandlungslösung eingesetzt hatte, hat jetzt zumindest stillgehalten. Die Rebellen von der LTTE haben aber auch selbst zu ihrer Niederlage beigetragen, weil sie Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht und damit Vertrauen verloren haben. Tausende Menschen wurden von einem Kriegsschauplatz zum nächsten mitgeschleppt.

Was weiß man über die letzten Kriegstage?

Es gibt darüber keine Information. An die Kämpfer und Zivilisten, die das erlebt haben, kommen wir nicht heran. Die Anzahl der zivilen Opfer soll aber sehr hoch sein. Die Regierung spricht von 7000, es gibt aber plausible Schätzungen, wonach es 20.000 oder mehr waren. Die Medien dürfen in die Flüchtlingslager nicht hinein, um selbst zu recherchieren.

Wie viele Menschen sind dort interniert?

Die Vertriebenen sind in vier Bezirken untergebracht: in Mannar, Vavuniya, Jaffna und Trincomalee, insgesamt fast 300.000 Menschen. Die meisten, etwa 240.000, sind in Menik Farm bei Vavuniya in mehr als einem Dutzend Lager. Einige Lager, die schon vorher in Erwartung von Flüchtlingen eingerichtet wurden, sind besser ausgerüstet, haben feste Gebäude und sanitäre Anlagen. Aber die von den UN als Maximum angegebene Zahl von 20.000 Insassen pro Lager wird überschritten. Einige haben über 40.000. Die Infrastruktur ist überfordert. Anfangs durfte niemand hinein, jetzt haben 51 Organisationen Zugang erhalten, darunter die Vereinten Nationen. Aber es ist nicht erwünscht, die Vertriebenen zur Selbstorganisation zu ermuntern oder zu befragen. Unsere Organisation Sarvodaya liefert warmes Essen für 15.000 Menschen täglich und spezielle Nahrung für 30.000 unterernährte Kinder in den Lagern von Menik Farm. Wir arbeiten mit der Regierung und mit UNICEF zusammen. Wir helfen auch Menschen, die ihre Papiere verloren haben, neue Dokumente zu bekommen.

In welchen Bereichen ist die Not am größten?

Es gibt Probleme bei der Wasserversorgung. Wir brauchen 15.000 Toiletten und haben erst 10.000. Anfang Oktober setzen die Monsunregen ein. Wenn bis dahin nicht die Bedingungen verbessert werden, ist die Gefahr groß, dass sich Seuchen ausbreiten. Wir versuchen deshalb, die Regierung zu bewegen, die Wiederansiedlung von Flüchtlingen zuzulassen. Auf der Halbinsel Jaffna ist da schon einiges geschehen, im Vanni, also im ehemaligen Kampfgebiet, noch gar nichts.

Warum?

Ein echtes Problem sind die Minen. Minenräumung ist zeitaufwändig. Andererseits dauert es nicht so lange zu beurteilen, wo Minenfelder liegen. Die Regierung sagt, sie entdeckt immer noch geheime Waffenlager. Die müssen erst alle beseitigt werden, bevor man Leute wieder ansiedelt. Dann müssen Schulen, Verwaltungsgebäude und Polizeistationen gebaut werden. Aber die Leute könnten inzwischen bei Verwandten und Freunden in anderen Regionen untergebracht werden. Die meisten haben Angehörige im Osten, wo sie behelfsmäßig unterkommen könnten.

Wie steht es mit der medizinischen Betreuung von Verwundeten und Traumatisierten?

Die Akutversorgung ist jetzt in Ordnung. Die anfänglichen Beschränkungen für Patiententransporte bestehen nicht mehr. Aber in den Camps fehlen die Voraussetzungen für chronisch Kranke und Menschen, die nach einer Operation Pflege brauchen. Psychologische Betreuung von Traumatisierten gibt es so gut wie gar nicht.

Wenn 50 Organisationen in den Lagern arbeiten, wieso gibt es dann so wenig Informationen von dort?

Selbst wenn man Zugang hat, hat man kaum Kontakt zur Bevölkerung. Man darf Toiletten bauen oder Essen bringen, aber nicht mehr als ein paar Worte mit den Menschen wechseln.

Haben die Tamilen in Sri Lanka noch eine politische Vertretung?

Es gibt mehrere tamilische Parteien, die sehr aktiv sind. Die teilweise rege Beteiligung an den lokalen Wahlen in Jaffna und Vavunyia Anfang August hat gezeigt, dass die Menschen noch immer an die Demokratie glauben. Seit die LTTE weg ist, können sich die Leute freier ausdrücken. Fraglich ist aber, ob die Vertriebenen sich vertreten fühlen.

Das Ergebnis in den beiden Städten war sehr unterschiedlich. In Jaffna gewann eine regierungsnahe Partei, in Vavunyia eine, die der LTTE nahestand.

In Jaffna war die Beteiligung sehr gering. Die Wählerlisten müssen überprüft werden. Ein freier Wahlkampf war nicht möglich. Man kann sich fragen, ob man jetzt überhaupt schon Wahlen abhalten sollte. Das war nicht mehr als ein Stimmungstest.

Fühlen sich die Tamilen nach der Niederlage der LTTE erleichtert oder kollektiv gedemütigt?

Am Anfang konnte man in den Lagern ein überwältigendes Gefühl der Erleichterung feststellen. Die Bombardierungen und der Artilleriebeschuss waren vorbei. Die Leute in den Lagern haben auch einige LTTE-Kader, die Kinder rekrutiert oder Zivilisten misshandelt hatten, an die Armee ausgeliefert. Aber im Laufe der Zeit ist die Enttäuschung gewachsen. Familien wurden auseinandergerissen, keiner weiß, wie lange sie noch interniert sein werden. Die Mehrheit will nach Hause. Solange das nicht passiert, werden sich die Menschen auch als Kollektiv gedemütigt fühlen. Die Regierung sorgt nur dafür, dass sie überleben. Aber sie bemüht sich nicht, die Herzen und Seelen der Tamilen zu gewinnen. Präsident Rajapakse hat versprochen, mehr für die Tamilen zu tun. Aber andere Regierungsmitglieder sehen in erster Linie die Sicherheitsaspekte. Selbst in Colombo merkt man nicht, dass der Krieg vorbei ist. Rajapakse sagt deshalb, er brauche zunächst ein neues Mandat, bevor er aktiv werden kann. Die Wahlen sind im kommenden Januar, und er wird sie wohl gewinnen.

Welche Kräfte in der Regierung hat der Sieg gestärkt?

Der Krieg wurde auf der Grundlage der singhalesisch-buddhistischen Ideologie geführt. Die entsprechenden Gruppen fühlen sich gestärkt. Aber die nationalistische oppositionelle JVP, die sich immer für eine militärische Lösung stark gemacht hat, setzt sich jetzt interessanterweise für die Rechte der Tamilen und für eine baldige Heimkehr der Vertriebenen ein.

Wie ist das allgemeine politische Klima im Land?

Wir bewegen uns auf einen Sicherheitsstaat zu. Manche in der Regierung sagen offen, nach 26 Jahren Krieg dürften wir keine Risken eingehen. Wir müssten jede Abweichung aufspüren und unter Kontrolle bringen. Das wird nicht unbedingt von der Bevölkerung geteilt, aber die Medien verbreiten diese Ideen gezielt.

Ende August wurde der tamilische Journalist J. S. Tissainayagam zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil er die Armee kritisiert hatte. Wie frei sind die Medien?

Tissainayagams Fall ist nur einer. Die Meinungsfreiheit in Sri Lanka ist bedroht. Das ist besonders schade, da unser Land eine Tradition der offenen Debatte hatte. Die demokratischen Strukturen sind beschädigt.

Kann sich die LTTE erholen?

Militärisch halte ich das für fast unmöglich. Abgesehen davon hielte ich es auch für unklug. Ich glaube, der Kampf muss politisch geführt werden. Wenn die Regierung aber so weitermacht, wird die Unzufriedenheit zunehmen. Die Jugend wird immer weniger an gewaltlose Methoden glauben. Die Situation kann schnell instabil werden. Die LTTE existiert praktisch nur noch in der Diaspora und die ist gespalten in jene Kräfte, die politisch agieren wollen, und einen Flügel, der den bewaffneten Kampf wieder aufleben lassen will.

Welche Rolle spielen der große nachbar Indien, die USA und die Europäische Union?

Sie sollten zu einer Stabilisierung und Erholung des Landes beitragen. Ich will nicht sagen, sie sollten Druck ausüben. Sie sollten aber die Regierung an die Achtung der Menschenrechte erinnern.

Sind Sie dafür, dass mögliche Kriegsverbrechen von einem unabhängigen Gremium auf internationaler Ebene untersucht werden?

Wenn eine Seite die Menschenrechte verletzt hat, sollte das untersucht werden. Auch jetzt in den Lagern werden die Menschenrechte verletzt, etwa durch die Bedingungen, unter denen die Kinder leben müssen. Ob die Untersuchung international oder national ist, ist nebensächlich. Aber wir sollen wissen, was passiert ist. Wenn aber etwas von außen aufgedrückt wird, ist das nicht so gut.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard.

Vinya Ariyaratne ist Direktor der nichtstaatlichen Organisation Sarvodaya in Sri Lanka, die seit über 50 Jahren nach den buddhistischen Prinzipien von Gewaltfreiheit und Spiritualität in Bildung, Versöhnung und Friedensarbeit tätig ist.

 

erschienen in Ausgabe 10 / 2009: Homosexualität: Akzeptiert, verdrängt, verboten
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