Neuer Ansatz im Klimaschutz vorgeschlagen

Einen neuen Ansatz, der drohenden Klimakatastrophe noch Herr zu werden, hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung vorgeschlagen: ein Globalbudget für die Summe aller CO2-Emissionen bis 2050, das nach der Bevölkerungszahl auf die Länder verteilt wird. Das kann nur funktionieren, wenn die Entwicklungsländer in großem Umfang dabei unterstützt werden, Emissionen zu vermeiden.

Dass ein Klimakollaps unvermeidlich ist, wenn nicht wesentlich entschiedener als bisher die weltweiten CO2-Emissionen reduziert werden, ist für die Autoren des neuen WBGU-Sondergutachtens „Kassensturz für den Weltklimavertrag – der Budgetansatz“ ausgemacht. Nach der Studie dürfen weltweit bis 2050 höchstens noch insgesamt 750 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden (und danach nur noch sehr kleine Mengen), wenn das Schlimmste, ein Temperaturanstieg von mehr als zwei Grad, mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel verhindert werden soll. Derzeit werden rund 30 Milliarden Tonnen jährlich emittiert, und der Nachholbedarf beim Energieverbrauch ist in den Schwellen- und Entwicklungsländern anhaltend groß.

In dem Gutachten wird deshalb vorgeschlagen, für jedes Land ein „Kohlendioxid-Konto“ einzurichten. Das gesamte Budget an noch zulässigen Emissionen soll im Verhältnis der Bevölkerungszahl in einem Stichjahr auf die Konten der einzelnen Länder verteilt werden. Von den so berechneten Guthaben werden für jedes Land die seit 1990 freigesetzten CO2-Mengen abgebucht.

Das Budget der Industrieländer wäre dann schon sehr bald überzogen. Nach der Studie wäre beispielsweise das Kohlendioxid-Budget Deutschlands bereits in 10 Jahren komplett aufgebraucht, das der USA schon in 6 Jahren. Indien hätte noch ein Budget von 88, China von 24 und Burkina Faso von fast 2900 Jahren. Länder, die mehr emittieren als ihr Konto hergibt, könnten ungenutzte Emiss­ionsrechte anderer Länder kaufen. Die Industrieländer wären dann zu drastischen CO2-Einsparungen und zugleich zu hohen Transferleistungen an Entwicklungsländer im Rahmen des Emissionshandels gezwungen. Dort könnten so Dekarbonisierungsprogramme finanziert werden. Ohne diese würden die Schwellenländer und selbst Entwicklungsländer wie Peru mittelfristig ihr Budget ebenfalls überziehen – auch sie müssen also Emissionen mindern. Die WBGU-Autoren plädieren für einen entsprechenden  „Kassensturz“ noch vor den Klimaverhandlungen in Kopenhagen im Dezember.

Zu der neuen WBGU-Studie passt ein Papier, das in Berlin fast zeitgleich von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Vertretern von EU und UN vorgestellt wurde. Unter dem Titel „Das Klimaschutzpotenzial der globalen Ökosysteme mobilisieren“ fordert das von ihnen geförderte Projekt „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB), nicht nur neue Technologien zur Beherrschung des Klimawandels einzusetzen, sondern auch die CO2-Minderungs- und -speicherungspotenziale der Natur viel stärker in den Blick zu nehmen. Investitionen zum Schutz der Tropenwälder oder Korallenriffe mit ihrem hohen Kohlendioxid-Ausgleichs­potenzial könnten den Klimawandel bewältigen helfen und gleichzeitig wirksam zur Armutsbekämpfung in den Entwicklungsländern beitragen, heißt es in dem Papier.

Das TEEB will den Geldwert der Leistungen abschätzen, den Ökosysteme für die Menschheit erbringen, und damit zugleich auch den Verlust, der durch ihre Zerstörung entsteht. Schon mit einer Investition von 45 Milliarden USDollar in Schutzgebiete könnten  „Ökosystemleistungen“ im Wert von fünf Billionen Dollar „gesichert“ werden, rechnet die neue TEEB-Studie vor. UNEP-Exekutivdirektor Achim Steiner sagte, es sei an der Zeit, einen Kosten-Nutzen-Vergleich zwischen der Absorption von CO2 einerseits mittels Erhalt natürlicher Systeme wie Wälder, andererseits mittels technischer Möglichkeiten wie Koh­lenstoffabscheidung aus Kraftwerksgasen anzustellen. (Johannes Schradi/bl)

 

erschienen in Ausgabe 10 / 2009: Homosexualität: Akzeptiert, verdrängt, verboten
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