Korruption in Südafrika

Stefaans Brümmer, Mitgründer von amaBhungane, im Büro seiner  Organisation in Kapstadt. Er hat mit Kollegen
einen großen Korruptionsskandal auf­gedeckt.

Christian Putsch

Korruption in Südafrika

Die Unbestechlichen

Wie in Südafrika die Journalisten des amaBhungane-Zentrums zum Sturz von Präsident Jacob Zuma beigetragen haben.

Wer jahrzehntelang in Südafrika als investigativer Journalist arbeitet, der lässt sich nicht mehr leicht einschüchtern. So manches Mal gerieten Stefaans Brümmer und seine Kollegen in das Visier des Korruptionsnetzwerks, das der ehemalige Präsident Jacob Zuma aufgebaut hatte. Dessen „Geschäftspartner“, angeführt von der indischen Gupta-Familie, hatten mit Hilfe der britischen PR-Firma Bell Pottinger über 200.000 Tweets abgesetzt. Überwiegend waren sie gegen weiße Unternehmer und politische Gegner gerichtet. Sie sollten besonders in den Jahren 2016 und 2017 von den kriminellen Machenschaften Zumas und der Gupta-Familie ablenken und Aufklärer wie Brümmer diskreditieren. So wurden auch Fotos mit Brümmers Gesicht verbreitet. „Wir werden uns diesen weißen Rassisten zur Brust nehmen“, hieß es auf einem der Bilder.

Brümmer ist einer der profiliertesten Journalisten Südafrikas. Die Recherchen des von ihm mitgegründeten amaBhungane-Zentrums, das zehn hervorragende Journalistinnen und Journalisten in Kapstadt und Johannesburg beschäftigt, hatten Zumas Reich in den Grundfesten erschüttert. Brümmer war ein logisches Ziel der Kampagne. So wie auch sein Partner und amaBhungane-Mitgründer Sam Sole. Von dem besorgten sich Zumas Anwälte sogar Mitschnitte von abgehörten Telefonaten. Belastendes konnten sie nicht präsentieren.

Einmal wurde Brümmer bei einer Podiumsdiskussion mehrfach von Zuma-Anhängern geschubst. Er sagt, er habe wegen so etwas nie Angst gehabt. „Das demokratische Südafrika hat keine Kultur der Gewalt gegen investigative Journalisten.“ Trotz aller Schwächen sei die Pressefreiheit in Südafrika relativ gut geschützt, eine von Zuma vorangetriebene Verschärfung der Mediengesetze wurde wegen der Proteste der Zivilgesellschaft nie Realität.

"Die Mistkäfer"

Der schlanke Journalist sitzt in seinem Büro, ein dunkles, bescheiden eingerichtetes Zimmer im Hinterhof des berühmten Community House in einem Arbeiterviertel Kapstadts. Schon zu Apartheidzeiten organisierte sich hier Widerstand gegen korrupte Mächtige mit Hang zu Menschenrechtsverletzungen. Gewerkschaften und Bürgerrechtsorganisationen hatten und haben hier ihre Räume. Eine Heimat für die Mutigen des Landes.

Und der Rastlosen. Seit Anfang 2018 ist Zumas Präsidentschaft Geschichte. AmaBhungane, was auf Zulu „die Mistkäfer“ bedeutet, hatte Tausende ­E-Mails zugespielt bekommen, in denen deutlich wurde, wie die indischstämmige Gupta-Familie Zumas Regierung und staatliche Firmen unterwandert und sich so umgerechnet mehrere Milliarden Euro gesichert hatte. In das Konzerngeflecht waren mehrere Familienmitglieder Zumas eingewoben, der so zumindest indirekt ordentlich mitverdient haben dürfte. Immer neue Informanten fütterten amaBhungane mit belastendem Material. Am Ende war der Präsident auch für seine Partei, den regierenden African National Congress (ANC), nicht mehr tragbar.

Zuma wurde von den eigenen Leuten zum Rücktritt gezwungen. Selten hatten Journalisten an einem derartigen Vorgang vergleichbaren Anteil. Es waren gelinde gesagt stressige Monate für das amaBhungane-Zentrum. Es ging vor allem darum, die Identität und damit auch die Sicherheit der Informanten zu schützen. Experten berieten die Journalisten, wie sie ihre Daten geschützt sichern – mit Erfolg: Niemand wurde enttarnt.

Die Arbeit muss finanziert werden

Inzwischen sieht die Öffentlichkeit ihren ehemaligen Präsidenten Zuma vor allem vor Gericht, wo er sich zunächst wegen lange zurückliegender Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Waffengeschäften um die Jahrtausendwende rechtfertigen muss. Brümmer empfindet beim Betrachten dieser Bilder keine Genugtuung, obwohl er damals als junger Reporter an der Aufklärung auch dieser Vorfälle mitgewirkt hatte. „Unsere Pflicht ist es, die Öffentlichkeit zu informieren. Nicht mehr und nicht weniger. Wir sind Journalisten und nicht Aktivisten.“

Und er hat gar keine Zeit für derartige Emotionen. Es gilt, die Finanzierung von amaBhungane für das kommende Finanzjahr sicherzustellen, Texte zu redigieren und juristisch wasserdicht zu machen, eigene Recherchen voranzutreiben. „Es gab vor Zuma keinen Mangel an Themen, und es gibt auch jetzt keinen“, sagt Brümmer, „ohne freie Medien hätte dieses Land eine grundlegend andere Entwicklung genommen.“ In jungen Demokratien wie Südafrika hätten diese Kontrollinstanzen besondere Bedeutung.

Er glaubt weiter an den Erfolg Südafrikas, trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise und des verrotteten ANC, der die Aufklärung von Zumas Staatsplünderung nur mit mäßigem Elan angeht. Und er glaubt weiter an die Zukunft investigativer Recherchen, trotz der schwindenden Einnahmen – die Medienkrise hat in Südafrika später eingesetzt als in den Industrienationen, doch seit einigen Jahren gibt es auch hier Sparrunde um Sparrunde.

Im Jahr 2009 gründeten Brümmer und Sole amaBhungane, zunächst zusammen mit der renommierten Zeitung „Mail&Guardian“, die rund 200.000 Euro jährlich investierte. Zusätzlich gingen Brümmer und Sole auf Stiftungen zu, hinter denen oft steinreiche Philanthropen stecken. Mit Erfolg: Im Jahr 2016 konnte sich amaBhungane von der Zeitung unabhängig machen.

Auf journalistische Unabhängigkeit bestehen

Acht dieser Stiftungen machen zusammen inzwischen den größten Anteil der Finanzierung von amaBhungane aus. Mit weitem Abstand folgt Crowdfunding, das in diesem Jahr wohl rund 25 Prozent des Budgets decken wird – etwas weniger als erwartet.
Anton Harber, Professor für Journalismus an der Johannesburger Wits-Universität, sieht in derartigen Finanzierungsmethoden die Zukunft. „Traditionelle Geschäftsmodelle brechen weg, es gibt definitiv eine Verlagerung zu philanthropischer Finanzierung“, sagt Harber, „die herausragende Gupta-Recherche von amaBhungane war ein starkes Argument, diese Arbeit zu unterstützen.“ Wichtig sei es aber gerade bei von Großspendern dominierten Modellen, auf journalistische Unabhängigkeit zu bestehen, sagt der Professor, der Crowdfunding in dieser Hinsicht für deutlich besser hält.

Das sieht auch Brümmer so. Deshalb möchte er den Anteil, der über kleinere Beträge einzelner Bürger zusammenkommt, möglichst bald auf über 50 Prozent steigern und sein Zentrum von den Stiftungen unabhängiger machen. Schon jetzt ist in der amaBhungane-Satzung festgeschrieben, dass kein einzelner Spender mehr als 20 Prozent des Jahresbudgets stellen soll. Unabhängigkeit bleibt das oberste Gut.

Ein Balanceakt, der nicht immer leicht zu bewältigen ist. Vor einiger Zeit berichtete amaBhungane kritisch über einen Unternehmer, der zu den Hauptgeldgebern einer Stiftung zählte, die wiederum zu den wichtigsten Unterstützern des Zentrums gehörte. Ein möglicher Interessenkonflikt lag in der Luft, was zeigt, warum Redaktion und Verlag getrennt arbeiten sollten.

Für das kleine amaBhungane-Team ist das nur begrenzt möglich. Die vielfach preisgekrönten Journalisten Sole und Brümmer sind neben der Recherche auch für die Spendensuche verantwortlich. Brümmer war in diesem Fall der Kontaktmann zur Stiftung und überließ die Recherche schließlich rein redaktionell arbeitenden Kollegen des Zentrums, um nicht den Eindruck der Befangenheit zu erwecken. Dass der Text von amaBhungane ungeschönt veröffentlicht wird, stand dabei nie infrage: „Wenn es eine Geschichte gibt“, sagt Brümmer, „dann muss man sie natürlich machen.“

erschienen in Ausgabe 2 / 2020: Meinungs- und Pressefreiheit

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