Förderung einstellen oder sensibilisieren?

Jedes Jahr werden Millionen Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung. Nun sind Vorwürfe laut geworden, Hilfsorganisationen, die mit Kinderpatenschaften um Spenden werben, sähen über diese Menschenrechtsverletzung hinweg. Die angegriffenen Organisationen weisen das zurück und betonen, mit Druck und Zwang sei der Praxis nicht beizukommen.

Praktiziert wird die weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) vor allem in afrikanischen Ländern sowie in einigen Ländern Asiens und des Mittleren Ostens und als Folge weltweiter Migration auch in Europa. Die Folgen sind oft schwere physische und psychische Leiden. Viele Mütter, deren Genitalien verstümmelt wurden, sterben bei der Geburt ihrer Kinder.

Ein neues Bündnis von Kritikern, vertreten unter anderem durch die „TaskForce für effektive Prävention von Genitalverstümmlung“ in Hamburg, hat nun mit einer Kampagne gezielt die Patenkind-Organisationen ins Visier genommen. Bis zu 400.000 Patenmädchen, die auf den Listen von Plan International, World Vision, der Kindernothilfe und des Child Fund Deutschland stehen, würden vor dieser Art von Gewalt „nicht konsequent geschützt“. Die Organisationen vermittelten Patenschaften selbst in Länder, wo bis zu 95 Prozent der Mädchen und Frauen verstümmelt seien, etwa nach Ägypten oder Indonesien, und verzichteten darauf, den Stopp dieser Praxis als Voraussetzung für Patenschaftsprogramme zu fordern.

Das Bündnis verlangt, Patenkind-Organisationen sollten nur mit Partnern zusammenzuarbeiten, die FGM ablehnen. Das von den betroffenen Organisationen angeführte Argument, das kulturell oft tief verankerte Ritual lasse sich nicht durch Verbote und Zwangsmaßnahmen aus der Welt schaffen, will das Bündnis nicht gelten lassen. Der Ansatz, vor allem durch beharrlichen Dialog und Aufklärungsarbeit vorankommen zu wollen, sei wenig wirksam. Wo Dorfoberhäupter und staatliche Stellen nicht auf die Verstümmelungen verzichten wollen, dürfe kein Euro mehr hin fließen, fordert das Bündnis. Die Kampagne mündet schließlich in den schweren Vorwurf, die Patenkind-Organisationen duldeten die weibliche Genitalverstümmelung. Paten und Patinnen werden aufgerufen, ihre Patenschaften „auf Eis zu legen“, bis der Schutz der Mädchen sichergestellt sei.

Die Patenkind-Organisationen weisen die Vorwürfe zurück. Selbstverständlich betrachte man die FGM als schwerwiegende Kinder- und Menschenrechtsverletzung, der entschieden begegnet werden müsse. An Aufklärungsarbeit und konstruktivem Dialog führe jedoch kein Weg vorbei, heißt es etwa bei der Kindernothilfe. Und laut der Organisation ChildFund ist es kontraproduktiv, afrikanische Eltern als Verbrecher zu brandmarken, die ihre Töchter dem Initiationsritus aussetzen. Wer sich in den Dörfern dem archaischen Brauch verschließe, riskiere soziale Ausgrenzung. Es gelte, auch denen mit Respekt zu begegnen, die den Brauch pflegen.

Die Organisationen machen geltend, mit ihrer Herangehensweise durchaus Erfolg zu haben. So gibt die Kindernothilfe an, in den von ihr kofinanzierten Projekten in Äthiopien sei die Zahl verstümmelter Mädchen laut Befragungen von 62 auf 25 Prozent reduziert worden. Plan International hält sich zugute, in Guinea ganze Gemeinden dazu bewegt zu haben, auf die Beschneidung von Mädchen zu verzichten. Die TaskForce und die anderen Kritiker müssten erst einmal beweisen, dass ihre Strategien erfolgreicher seien, heißt es bei Plan International.

Auch bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Auftrag des Entwicklungsministeriums ein „Sektorvorhaben Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung“ aufgelegt hat, heißt es, es gebe keine vernünftige Alternative zu Aufklärung und Sensibilisierung. So sieht man es auch beim Netzwerk Integra, in dem sich rund 20 weitere Organisationen zusammengefunden haben, die sich mit dem Thema beschäftigen, darunter der Deutsche Entwicklungsdienst und Misereor.

Derweil ist das Kritiker-Bündnis mit dem Versuch gescheitert, den vier in Deutschland um Spenden werbenden Patenkind-Organisationen das Spenden-Siegel streitig zu machen. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das über die zweckgerechte Verwendung von Spendengeldern wacht und das Siegel vergibt, konnte kein Fehlverhalten ausmachen. Die vier Organisationen hätten klar belegt, dass sie die Genitalverstümmelung nicht als „unabänderlich gegeben hinnehmen“, sondern sich darum bemühten, gegen große traditionelle und auch religiöse Widerstände Beschneidungen zu verhindern, heißt es in einem Schreiben an die TaskForce. Das DZI fordert die zerstrittenen Parteien zu „wechselseitigem Lernen“ auf.  

Danach sieht es allerdings derzeit nichts aus, zu tiefe Gräben haben sich aufgetan. Nicht wenige Patinnen und Paten sind indes stark verunsichert, weil in vielen Ländern eine Beschneidung ihres Patenmädchens zu befürchten ist oder bereits durchgeführt wurde. Allerdings würde eine Rückgabe der Patenschaft diesen Mädchen auch nicht helfen – im Gegenteil. Wenn sie als Folge beispielsweise nicht mehr in die Schule gehen könnten, wäre das eine doppelte Bürde für sie, sagen die angegriffenen Organisationen.

erschienen in Ausgabe 11 / 2009: Anders wirtschaften