Coronavirus in Afghanistan

Corona-Check für Rückkehrer aus dem Iran im afghanisch-japanischen Krankenhaus in Kabul.

Ezzatullah Mehrdad

Coronavirus in Afghanistan

Rückkehrer haben das Virus mitgebracht

Viele Afghanen arbeiten im Iran. Als dort die Corona-Epidemie ausbrach, sind viele von ihnen in die Heimat zurückgekehrt. Das vom Krieg geschüttelte Land mit dem unzureichenden Gesundheitssystem wird die Corona-Pandemie besonders hart treffen.

Im Februar 2020 weigerten sich afghanische Grenzbeamte in der westlichen Provinz Herat, die Leiche einer im Iran verstorbenen afghanischen Frau anzunehmen. Die Beamten vermuteten, dass die Frau sich mit dem neuen Corona-Virus angesteckt hatte. Nicht schließen konnten die Beamten hingegen die Grenze für lebende Afghanen, die vor dem Coronavirus im Iran flohen, dem Epizentrum der Pandemie im Nahen Osten.

Seit dem Ausbruch der Corona-Epidemie  im Iran sind Hunderttausende Afghanen in ihre Heimat zurückgekehrt und haben das Virus in ihre vom Krieg heimgesuchten Geburtsorte gebracht.

Im Distrikt Malistan in der afghanischen Provinz Ghazni zwangen die Bewohner eines Dorfes eine Reihe von Rückkehrern, nach Kabul zurückzureisen. Sie sollten sich dort erst testen lassen, bevor sie sich in ihren Häusern niederlassen. Andere Rückkehrer im selben Distrikt quartierten sich zunächst in einem leeren Haus in ihrem Dorf ein und begaben sich für 14 Tage in Quarantäne, um die Ausbreitung von Corona zu verhindern.

Ohne Test nach Hause gegangen

Die meisten Rückkehrer aus dem Iran hingegen sind ohne Test nach Hause gegangen. Die afghanische Regierung hat es versäumt, in großem Stil Tests durchzuführen und die Rückkehrer zu isolieren. Das afghanische Gesundheitsministerium setzte ein kleines medizinisches Team zur Überprüfung der Temperatur der Rückkehrer ein, ohne großen Erfolg. Das Virus ist jetzt in Afghanistan angekommen und stellt eine ernsthafte Bedrohung dar, mit der das vom Krieg zerstörte Gesundheitssystem nicht umgehen kann.

„Von der iranischen Stadt Mashad sind völlig überfüllte Vans, Minibusse und Busse nach Herat aufgebrochen, der westlichen Provinz Afghanistans, die an den Iran grenzt“, sagt Ali Yaser, der am 3. März aus dem Iran nach Kabul zurückgekehrt ist. „Ein afghanischer Arzt in einem weißen Kittel, aber ohne Schutzausrüstung, hat unsere Temperatur gemessen.“

Autor

Ezzatullah Mehrdad

ist freier Journalist und lebt in Kabul, Afghanistan.
Die Provinz Herat ist eine Drehscheibe an der Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran, dem es nicht gelungen ist, die Ausbreitung des Corona-Virus in einem frühen Stadium einzudämmen. Das hat die Infektion nach Afghanistan gebracht. Das iranische Regime hatte zunächst abgewiegelt und sich geweigert, die heilige Stadt Ghom zu sperren, das Zentrum der Pandemie im Iran. Zum 30. März verzeichnete das Land mehr als 38.300 positive Fälle von COVID-19 und mehr als 2600 Todesopfer.

Der iranische Präsident Hassan Rohani trat am 26. März in einem Online- Gespräch mit einem afghanischen Dichter auf, der sich mit dem Virus infiziert hatte. Rohani begrüßte den Dichter und dankte dem medizinischen Personal seines Landes für seine Arbeit. Allerdings waren andere an COVID-19 erkrankte afghanische Patienten im Iran nicht behandelt worden. Die Behandlung des afghanischen Dichters ist die seltene Ausnahme, die zur Propaganda dient. Hussain Rahyab Balkhi, ein Afghane, der im Iran lebt, schrieb in einem wütenden Kommentar für eine lokale Zeitung in Kabul, die rund zwei Millionen Afghanen im Iran seien von der Regierung in Teheran allein gelassen worden.

Nur 800 Afghanen wurden bislang getestet

Omaid Nasir Mujadadi, Vertreter der Provinz Herat im afghanischen Parlament, sagt, dem Land fehle die Grundausstattung, um die Rückkehrer unter Quarantäne zu stellen: „Es fehlen Kapazitäten und Ressourcen, um Toiletten für fünftausend Menschen zu bauen – und schon gar nicht für 100.000 Rückkehrer in Quarantäne.“ Laut Schätzungen sind bislang 200.000 Afghaninnen und Afghanen aus dem Iran zurückgekehrt.

Afghanistan hat 35 Millionen Einwohner. Das Zentrallabor des Gesundheitsministeriums war bis vor Kurzem das einzige Testzentrum für die Prüfung von Verdachtsfällen. Inzwischen wurden weitere Labors in Jalalabad und Herat eingerichtet. Getestet und unter Quarantäne gestellt wurden zunächst diejenigen Afghanen mit Symptomen. Viele Afghanen besuchen das für COVID-19-Patienten bestimmte afghanisch-japanische Krankenhaus in Kabul, um sich dort testen zu lassen. Wer keine Symptome zeigte, wurde aber nicht getestet, die meisten wurden abgewiesen. Bis zum 30. März wurden rund 800 Afghanen getestet, 170 von ihnen positiv.

Selbst für Länder mit starken Gesundheitssystemen stellt COVID-19 eine große Bedrohung dar, heißt es in einer Erklärung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. „Aber die Bedrohung ist noch größer an Orten, an denen die Gesundheitssysteme vom Krieg heimgesucht wurden, an denen Menschen, die von Konflikten entwurzelt wurden, nahe beieinander leben und an denen lebensrettende Ressourcen wie sauberes Wasser, Seife und Medikamente Mangelware sind.“

Infizierte Patienten verlassen Krankenhaus

Afghanistan steht ganz oben auf der Liste der Länder mit unzureichender Gesundheitsversorgung. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren im Jahr 2018 nur gut 3000 Gesundheitseinrichtungen für 35 Millionen Afghanen in Betrieb; ein Fünftel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu medizinischen Dienstleistungen.

Die Schwäche des Gesundheitssystems des Landes zeigt sich im Kampf gegen COVID-19. In der Provinz Herat sind zu Beginn der Pandemie 16 Beschäftigte im Gesundheitswesen erkrankt, weil sie laut dem Gesundheitsministerium Patienten ohne Schutzausrüstung, Handschuhe und Gesichtsmaske behandelt hatten. Berichten zufolge starben drei Patienten an COVID-19, weil ihnen keine Beatmungsgeräte zur Verfügung gestellt wurden.

Anfang März verließen 38 Patienten mit COVID-19-Symptomen und eine Frau, die positiv getestet worden war, das Krankenhaus in Herat. Die Wachen trauten sich nicht, sie aufzuhalten, weil sie befürchteten, sie könnten infiziert werden. Die Patienten waren frustriert, weil sie so lange auf ihre Testergebnisse warten mussten und die Versorgung in der Quarantäne schlecht war. „Ich wurde wie ein Schaf behandelt“, sagte eine Patientin in einem Video, das sich in den sozialen Netzwerken viral verbreitet hat. Fotos von vielen COVID-19-Patienten zeigen, dass sie wirkungslose Medikamente erhalten, die zur Behandlung der saisonalen Grippe verwendet werden.

Aus dem Englischen von Tillmann Elliesen.

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

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