Südafrika
Mindestens eine Armlänge Abstand: Ein Polizist versucht vor einem Supermarkt in Yeoville, Johannesburg, bei den Leuten in der langen Schlange die Regeln zur sozialen Distanz durchzusetzen. 
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Die quälende Wahl zwischen Seife und Brot

Während des Corona-Lockdowns in Südafrika sind die Nahrungsmittelpreise deutlich gestiegen. Das haben Studien des Schweizer Hilfswerks Fastenopfer ergeben. Die steigenden Preise bringen vor allem die Frauen in Not, die zu Hause mehr hungrige Familienmitglieder versorgen müssen.

"Wir haben keine Zeit, um schlechte Entscheidungen zu treffen. Die Menschen sind hungriger, als wir glauben.“ Mit diesen eindringlichen Worten appelliert Mervyn Abrahams, der Koordinator von Fastenopfer in Südafrika, an die Regierung. Der Grund: Die steigenden Lebensmittelpreise machen es vor allem Frauen immer schwerer, täglich Essen auf den Tisch zu bringen.

Julie Smith und Mervyn Abrahams von der Pietermaritzburg Economic Justice & Dignity Group (PMBEJD) haben sich für ihre beiden Studien mit vielen Frauen in Johannesburg und Durban, in Pietermaritzburg, der Hauptstadt der Provinz KwaZulu-Natal, und einigen kleineren ländlicheren Städten am Northern Cape unterhalten: Auf deren Gedanken und Ängste wegen der steigenden Ausgaben trifft man auch in anderen Teilen Südafrikas. 

Zwischen dem 2. März und dem 23. April 2020 sind die Preise für Grundnahrungsmittel um 7,8 Prozent gestiegen. Anfang Mai schätzen die Forschenden bereits einen Anstieg der finanziellen Belastung pro Haushalt um 30 Prozent – wegen der Mehrausgaben und der erschwerten Einkaufsbedingungen. Am 4. Mai betrugen die Kosten für einen durchschnittlichen Warenkorb 3471 südafrikanische Rand (179 Euro). Das ist mehr als der nationale Mindestlohn von 172 Euro. Auch die Preise für Haushalts- und Körperpflegeprodukte sind in den vergangenen zwei Monaten um 7,4 Prozent gestiegen. Um sich und ihre Familien vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen, müssen die Frauen nun größere Mengen an Desinfektions- und Reinigungsmitteln einkaufen. Fatalerweise werden diese zusätzlichen Ausgaben aus dem Budget für Nahrungsmittel finanziert. So geraten die Frauen in eine Zwickmühle, in der sie sich entscheiden müssen, ob sie ihre Familie ausreichend schützen oder genügend ernähren sollen. 

Stundenlang in der Schlange vor dem Supermarkt stehen

Doch nicht nur die Preisentwicklung bereitet den Frauen schlaflose Nächte: Durch den Lockdown ist ihre bewährte Strategie, in drei bis vier Supermärkten und zwei bis drei Metzgereien einzukaufen, um ein Produkt möglichst günstig zu bekommen, nicht mehr praktikabel. Heute sind sie gezwungen, ihren gesamten Einkauf in einem einzigen Supermarkt und einer Metzgerei zu erledigen. In einigen Supermärkten haben die Konsumentinnen zudem nur 20 Minuten Zeit, um einzukaufen.

Gemeinsame Nutzung von Gemüsekörben und Lebensmittelpaketen für bedürftige Menschen. In den Körben befinden sich Pakete mit lokalem Saatgut von Kleinbauern und Bäuerinnen, das sie gespart haben und nun mit anderen Haushalten teilen Fastenopfer
Durch die aktuellen Transportbestimmungen dürfen Sammeltaxis oder Minibusse nur von 4 Uhr morgens bis um 10 Uhr und erst wieder am späteren Nachmittag fahren. Für die meisten Frauen aus den Townships bedeutet das, dass sie ihre Einkäufe vor 10 Uhr erledigen müssen, wenn sie noch das letzte Sammeltaxi nach Hause kriegen wollen. Wer es verpasst, muss mit den verderblichen Lebensmitteln auf die nächste Transportgelegenheit bis zum Nachmittag warten. 

Nicht nur die Sammeltaxis oder Minibusse sind voll, auch die Schlangen vor den Supermärkten sind sehr lang. Die befragten Frauen aus verschiedenen Teilen Südafrikas sagten, dass sie teilweise bis zu sechs Stunden anstehen müssen, um in die Geschäfte zu gelangen. Zudem würden die Distanzregeln innerhalb der Schlangen nicht eingehalten. Erschwerend kommt hinzu, dass Straßenhändlerinnen zu Zeiten von Corona nicht mehr auf der Straße anzutreffen sind. Normalerweise kaufen Frauen bei ihnen Gemüse, Obst und Eier sowie Haushalts- und Körperpflegeprodukte. Auf dem Straßenmarkt kann man feilschen und die Qualität der Nahrungsmittel überprüfen. Im Supermarkt geht das nicht. 

Fast doppelt so viele einkaufen wie vor dem Lockdown

Bereits vor der Corona-Pandemie ging in den meisten Haushalten das Essen zwischen der zweiten und dritten Woche eines jeden Monats zur Neige. Mit der Sperre wird das dramatischer: „Unsere Kinder werden hungrig; und bei jedem hungrigen Kind wissen wir, dass seine Mutter noch hungriger ist, weil sie ihre eigenen Ernährungsbedürfnisse zugunsten der Kinder opfert“, heißt es in der Studie. Einige Frauen berichten, dass sie seit dem Lockdown fast die doppelte Menge an Nahrungsmitteln kaufen müssen. Denn „wenn Kinder nicht spielen, dann essen sie“. Dazu kommt, dass auch die meisten Arbeitenden jetzt zu Hause sitzen und mehr hungrige Münder gestopft werden müssen. Ein Großeinkauf – hauptsächlich Grundnahrungsmittel – reicht heute nur noch für zwei statt für drei Wochen. Darum werden vor allem preiswerte Lebensmittel in größeren Mengen eingekauft, wie etwa Kohl. Zwar lässt die Regierung seit dem Lockdown auch Lebensmittelpakete verteilen. Aber die Hilfsorganisationen vor Ort beklagen, dass es zu wenige sind und sie auch längst nicht in alle Siedlungen und Dörfer gelangen.

Autorin

Romana Büchel

ist Fachverantwortliche für Religion, Kultur und Gender beim katholischen Hilfswerk Fastenopfer in Luzern (Schweiz).
Da die meisten Haushalte keine Ersparnisse haben, bleibt oft nur der Weg zum Wucherer. In den letzten Monaten haben sich die Schulden vieler Familien deutlich erhöht. In Pietermaritzburg haben Frauen in der Regel eine oder mehrere der drei wichtigsten Geldquellen in Anspruch genommen: Kredite von Omashonisa, informellen Kreditgebern; Einkäufe anschreiben lassen oder Barkredite in von Migranten betriebenen Spaza-Läden aufnehmen sowie Darlehen von Sparvereinigungen (Stokvel).

Frauen müssen Geld bei "Kredithaien" leihen

Obwohl Kreditgeber inzwischen 40 Prozent Zinsen statt vorher 30 Prozent verlangen, sind sie die häufigste Geldquelle für die befragten Frauen. Solche „Kredithaie“ nehmen als Sicherheit SASSA-Grant-Karten – eine Art Kreditkarte, auf welche der Inhaber von der Regierungsbehörde, der South African Social Security Agency, direkt seine Rente überwiesen bekommt – und ziehen den geschuldeten Betrag ab und behalten obendrein Karte. Wer keine solche Karte als Sicherheit aushändigen und den Kredit nicht zurückzahlen kann, den besuchen die Kreditgeber zu Hause und nehmen Fernseher, Ofen oder Kühlschrank mit. Oder sie bedrohen ihre Schuldner: Das Einschlagen von Kniescheiben mit einem Hammer oder ein leichter Messerhieb gegen den Hals sind beliebte Einschüchterungsmethoden. 

Die Daten und Forschungsergebnisse werfen ernste Fragen auf, ob die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung der Südafrikaner während der Covid-19-Pandemie angemessen sind. Eher nicht, meinen die Forscher. Denn der nationale Mindestlohn sei in Realität ein Armutslohn, wurde er dieses Jahr doch nur um 3,8 Prozent erhöht. Der Kindergeldzuschuss wurde im Mai um 300 Rand aufgestockt. Das hat zwar etwas geholfen, aber es reicht nicht aus, um die Preiserhöhungen und die Notwendigkeit aufzufangen, mehr Lebensmittel und Hygieneprodukte zu kaufen. 25 bis 30 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind mangel- oder unterernährt. 26 Jahre nach Abschaffung der Apartheid leben fast zwei Drittel der Bevölkerung unterhalb der oberen Armutsgrenze, das sind rund 30 Millionen schwarze Südafrikaner. Die Arbeitslosenquote für diese Bevölkerungsgruppe beträgt 43 Prozent. Durch Covid-19 könnten Millionen weitere Arbeitsplätze verloren gehen. 

Armut und Ungleichheit wurde ignoriert

Abrahams und Smith ziehen ein kritisches Fazit: „Die Entscheidungen der Regierung lassen vermuten, dass sie die Tragweite der Krise für Millionen von Südafrikanern nicht versteht. Ebenso wenig scheint sie unsere Armut und Ungleichheit zu verstehen. Die Regierung hat die Realität der meisten Menschen in Südafrika stets nur ignoriert.“ Deshalb appellieren sie an die politisch Verantwortlichen: „Wir brauchen Führungspersonen, die für all unsere Kinder das wollen, was sie auch für ihre eigenen Kinder möchten. “ 

Die beiden Studien von Mervyn Abrahams und Julie Smith werden inzwischen als Referenzgröße in den südafrikanischen Medien verwendet und selbst die UN sind an einer Publikation der Ergebnisse interessiert. Denn sie zeigen eindrücklich, wie breit die Risse sind, die Covid-19 in der südafrikanischen Gesellschaft und Wirtschaft offenlegt. 

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier

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