Neue DEZA-Chefin
Die Neue an der Spitze der DEZA: Patricia Danzi (links) wird im Dezember 2019 von Außenminister Ignazio Cassis (rechts) in Bern vorgestellt.
Neue DEZA-Chefin

Als Quereinsteigerin an die Spitze

Sie spricht sieben Sprachen und hat 24 Jahre beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz gearbeitet: Patricia Danzi ist die erste Frau an der Spitze der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und scheint geradezu prädestiniert für den Posten. Es gibt aber auch Bedenken. 

Patricia Danzi hat am 1. Mai die Leitung der DEZA angetreten. Die Biografie der 51-Jährigen unterscheidet sich deutlich von denen ihrer acht Vorgänger. Ihr nigerianischer Vater lernte seine Deutschschweizer Frau während des Studiums an der Universität Fribourg kennen. Ihr Großvater wurde in den 1970er Jahren im Biafra-Krieg getötet. Sie wollte schon mit 15 Jahren dem IKRK beitreten, erhielt dann aber auf ihre Bewerbung einen Brief mit der Aufforderung, sie solle zuerst studieren. Das hat sie dann getan: Sie ist Geografin, Agronomin und Umweltwissenschaftlerin.

1996 trat sie schließlich dem IKRK bei und war als Delegierte auf dem Balkan, in Peru, Angola und in der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz. Am IKRK-Sitz in Genf war sie stellvertretende Einsatzleiterin des Bereichs Horn von Afrika und als politische Beraterin des Direktors für internationale Einsätze tätig. Sieben Jahre trug sie für die operative Leitung des amerikanischen Kontinents die Verantwortung. Bis zu ihrem DEZA-Antritt leitete sie fünf Jahre die IKRK-Regionaldirektion Afrika. 

Außenminister Ignazio Cassis nannte bereits im vergangenen Dezember an einer Pressekonferenz ihre „umfassenden Fach- und thematischen Kompetenzen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit“ und ihr „ausgezeichnetes Netzwerk im internationalen Umfeld“ als Grund für ihre Ernennung. Weil Danzi 1996 als Siebenkämpferin an den olympischen Spielen in Atlanta teilnahm, sagte Cassis auch, er habe nun „einen Hauch des Spitzensports“ in seine Departementsleitung geholt. Erstmals seit 1993 wird die DEZA nicht von einer Diplomatin geführt.

Die Schweizer sollen stolz sein auf ihre Entwicklungshilfe

Mit ihren fundierten Kenntnissen der Internationalen Zusammenarbeit (IZA), ihren Erfahrungen in der Praxis und im Management, ihren Wurzeln in Afrika und der Deutsch- und italienischsprachigen Schweiz und ihren sprachlichen Fähigkeiten scheint Patricia Danzi alle Kriterien zu erfüllen, um die DEZA „weiterzuentwickeln“, wie es Cassis ausdrückte. Sie selbst sagte, ihr Wunsch sei es, „dass alle Schweizerinnen und Schweizer stolz sind auf die IZA, dass sie sie verstehen und in ihren Herzen tragen“.

DEZA-Mitarbeitende begrüßen die Ernennung einer Frau mit praktischer Felderfahrung. Einige befürchten aber, dass sie aufgrund ihrer Erfahrung beim Roten Kreuz die humanitäre Arbeit stärker gewichten könnte als die Entwicklungszusammenarbeit. Andere fürchten, dass ihr fehlendes Netzwerk in der Bundesverwaltung und im Auswärtigen Amt Nachteile für die DEZA bringen könnte, beispielsweise bei Verhandlungen um die strategische Ausrichtung der Direktion. 

Auch Danzi bezeichnete ihre Ernennung an der Pressekonferenz als „Quereinstieg“. Sie bringe jedoch eine Sichtweise mit in die DEZA, die eine gute Ergänzung sei: „von denen, die das Geld von Geberländern erhalten“. Sie kenne die Arbeit von humanitären Akteuren und Entwicklungsorganisationen und wisse deshalb, was es brauche, um ein guter Geber zu sein. 

„Meine Arbeit mit betroffenen Menschen, mit bewaffneten Gruppierungen hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Menschen und ihre Bedürfnisse stets ins Zentrum zu setzen. Das ist mir wichtig,“ sagte Danzi an der Medienkonferenz. In einem Interview im April mit dem rechtskonservativen Magazin „Weltwoche“ wurde sie gefragt, wie man mit der Neutralität umgehe, wenn man „mit dem Bösen“ konfrontiert werde. Ihre Antwort: „Es ist eigentlich ganz einfach: Take sides for the people. Man muss der Anwalt der Leute sein, ihre Interessen vertreten, wenn sie es nicht können.“

NGOs hoffen, dass Danzi ihren Überzeugungen treu bleibt

Dieses Motto weckt bei Schweizer NGOs Hoffnungen. Kristina Lanz, zuständig für Entwicklungspolitik bei Alliance Sud, hat die neue DEZA-Direktorin bei einem virtuellen Treffen im Mai mit der außerparlamentarischen Beratenden Kommission für Internationale Zusammenarbeit erlebt, in der Alliance Sud als Arbeitsgemeinschaft von sechs NGOs vertreten ist. „Frau Danzi überzeugt vor allem mit ihrem beruflichen Werdegang und ihrer sympathischen Art“, sagt Kristina Lanz. „Ich hoffe, sie bleibt auch als DEZA-Chefin ihrem Motto treu.“

Die Weichen für die nächsten vier Jahre der Schweizer Internationalen Zusammenarbeit sind weitgehend gestellt, auch wenn das Parlament die IZA-Botschaft 2021–2024 im Herbst noch verabschieden muss. Der Personalwechsel an der DEZA-Spitze sei deshalb nicht per se ein Richtungswechsel, sagt Kristina Lanz. Auch die von NGOs zunehmend kritisierten Partnerschaften mit dem Privatsektor sind seit einigen Jahren Bestandteil des DEZA-Programms. Patricia Danzi sollte diese Form der Zusammenarbeit mitgestalten und sich für strikte Regeln starkmachen, sagt Kristina Lanz. Die Partnerschaften müssten die Lebensbedingungen von armen und marginalisierten Menschen verbessern und „nicht der Subventionierung und Imagepflege privater Firmen“ dienen. Auch hier hofft Lanz, dass sich die neue DEZA-Direktorin vor allem als „Anwältin der ärmsten Menschen dieser Welt“ versteht.

erschienen in Ausgabe 7 / 2020: Der Plan für die Zukunft?

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