Meinungsfreiheit
jo_kirche_karikatur_rtx85l2s.jpgWandbild in Gazastadt gegen Emmanuel Macron. Der französische Präsident hat die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen verteidigt.

Reuters, Mohammed Salem

Meinungsfreiheit

Nahostkirchen verurteilen Mohammed-Karikaturen

Beim Thema religiöse Gefühle sind sich im Nahen Osten christliche und muslimische Religionsvertreter einig: Die Beleidigung religiöser Symbole ist ein absolutes Tabu. 

Während Kirchen in der westlichen Welt sich zurückhaltend zu den Mohammed-Karikaturen äußern, stellen sich christliche Religionsvertreter im Nahen Osten auf die muslimische Seite, die sich in ihren religiösen Gefühlen beleidigt fühlt. Der anglikanische Bischof in Kairo, Munir Hanna Anis, schrieb Ende Oktober auf Twitter. „Das Verspotten religiöser Symbole wird nicht als Meinungsfreiheit angesehen, sondern als Anstiftung zu Hass, der Gesellschaften spaltet und zerstört.“ Er stelle sich hinter den Großimam der Kairoer Al-Azhar-Moschee, Scheich Ahmad Mohammad Al-Tayyeb, der die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ verklagen wolle, schrieb Anis. 

Kurz zuvor hatte Al-Tayyeb, der höchste Vertreter des sunnitischen Islams, bei einem Treffen des Muslimischen Ältestenrats angekündigt, Rechtsanwälte zu beauftragen, gegen weitere Veröffentlichungen der Karikaturen Klage einzureichen. Der Muslimische Ältestenrat ist ein unabhängiges internationales Gremium mit Sitz in Abu Dhabi.

Kein Recht auf Beleidigung

Ähnlich wie Munir äußerte sich auch der kürzlich ernannte katholische Patriarch von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa. Das legitime Recht auf Meinungsäußerung sollte nicht zum Recht auf Beleidigung werden, sagte er. Und der Rat der Kirchenführer in Jordanien verurteilte in einer Erklärung Ende Oktober zwar alle Gewalttaten im Namen einer Religion. Genauso dürfe es aber auch keine Formen der Beleidigung von religiösen Symbolen geben. „Wir sind Brüder und beten den einen Gott an. Wir leben im gleichen Land.“ Alle Religionen forderten Toleranz, Liebe, Harmonie, Respekt für andere und die Respektierung ihres religiösen Glaubens. Die islamistischen Morde in Paris und Nizza bezeichnete die Erklärung als „unglückliche Ereignisse“.

Auch der Patriarch der mit Rom unierten chaldäischen Kirche, Kardinal Louis Raphaël I. Sako, verurteilte in einer Stellungnahme „alle Formen der Beleidigung von Religionen und der Verletzung religiöser Überzeugungen unter jedem Vorwand“. Gleichzeitig prangerte er Gewaltakte im Namen der Religion an. „Wir alle hoffen, dass die Religionen eine Quelle des Segens und der Liebe, des Friedens, der Zusammenarbeit und des Vertrauensaufbaus unter den Menschen bleiben und nicht eine Quelle des Fundamentalismus und der Verbreitung von Hass, Gewalt und Ausgrenzung.“

Christen und Muslime kulturell näher als in Europa

Christen sind im Nahen Osten eine kleine, schrumpfende Minderheit. Die Kirchenführer wissen, dass die Existenz ihrer Kirchen vom friedlichen Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheit abhängt. Deswegen rief der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem, Theophilos III., im Zusammenhang mit den Morden von Paris und Nizza zum Dialog auf. Auch der maronitische Patriarch, Kardinal Bechara Boutros Rai, betonte Ende Oktober zum Abschluss der Synode der maronitischen Kirche im Libanon, dass es angesichts der Morde an unschuldigen Menschen unter der beleidigenden Berufung auf den Namen Gottes dringend nötig sei, ein Klima des Konflikts zu vermeiden und „mit noch mehr Entschlossenheit den Weg der Zusammenarbeit zwischen Christen und Muslimen einzuschlagen“. Für die Taten in Frankreich gebe es „keine menschliche oder religiöse Rechtfertigung“. 

Doch die Einmütigkeit, mit der Kirchenführer im Nahen Osten die Beleidigung islamischer Symbole verurteilen, ist nicht allein dem Wunsch geschuldet, mit der muslimischen Mehrheit in Frieden zu leben. Es ist auch Ausdruck einer gemeinsamen Überzeugung, dass das säkulare Recht auf Meinungsfreiheit nicht über Religion und Glauben gestellt werden darf. Im Nahen Osten sind sich Christen und Muslime kulturell näher als in Europa. So erklärte der israelische Jesuit David Neuhaus in einem Interview mit einer katholischen Nachrichtenagentur: „Viele im Nahen Osten, Muslime wie Christen, sind beunruhigt, wenn die Ausübung von freier Rede zur Beleidigung dessen genutzt wird, was heilig ist.“ Die schreckliche Gewalt, die solche Provokationen auslösen können, sei nicht zu rechtfertigen. Doch die Frage bleibe, ob es notwendig sei, beleidigende Bemerkungen und Karikaturen zu wiederholen, die bereits einen hohen Preis gekostet hätten. 

erschienen in Ausgabe 12 / 2020: Auf die Heißzeit vorbereiten

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