Frauen in Uganda
 Scovia Nakayibale, Emily Nahurira, Hellen Baleke, Moreen Ajambo, ­Lydia Nantale und Joy ­Namabiro (von links) trainieren regelmäßig im Rhino Boxclub in Ugandas Hauptstadt Kampala.

Sofi Lundin

Frauen in Uganda

Boxen für ein besseres Leben

In Ugandas Hauptstadt Kampala trainieren Mädchen und Frauen im Rhino Boxclub. Manche haben schon bei Weltmeisterschaften gekämpft. 

Über dem Lehmboden hängt eine Staubwolke, durch die Löcher im Blechdach bahnen sich Sonnenstrahlen ihren Weg. Ein junges Mädchen bearbeitet einen von der Decke hängenden Sack mit den Fäusten, zwei andere machen auf einem alten Autoreifen Sit-ups. In der Mitte des Raums schnellt Moreen Ajambo (34) mit ein paar Schritten vor und versetzt ihrer Gegnerin mit gestrecktem Arm einen Schlag. Moreen ist eine der Frauen, die hier hart trainieren mit dem Ziel, eine berühmte Boxerin zu werden. „Als kleines Mädchen habe ich viele Actionfilme angeschaut und davon geträumt, Actionheldin zu werden“, sagt Moreen. „,Warum sind eigentlich nur Männer stark und in der Lage, sich zu verteidigen?‘, dachte ich damals.“

Von der Hauptstraße aus geht man ein gutes Stück durch die engen Gassen, ehe man beim Rhino Boxclub ankommt. Hier im Slum Katanga in Ugandas Hauptstadt Kampala leben und trainieren einige der besten Boxerinnen des Landes. Braunes, nach Verwesung riechendes Abwasser fließt offen durch die dicht bebaute Siedlung, in der rund 20.000 Menschen leben. Eine hohe Kriminalitätsrate, hohe Arbeitslosigkeit, Prostitution und Krankheiten wie Ruhr, Cholera und HIV machen den Slumbewohnern das Leben schwer. 

 Der Boxclub liegt im Slum Katanga in Ugandas Hauptstadt Kampala. Hier mussten sich viele der Mädchen und Frauen schon gegen Angreifer verteidigen.Sofi Lundin

Diese Bedingungen prägten Moreens Kindheit und Jugend. Die Notwendigkeit, sich als Frau selbst verteidigen zu können, hat sie motiviert, eine gute Boxerin zu werden. „Schon in jungen Jahren wurde mir klar, dass Frauen imstande sein müssen, sich zu verteidigen. Meine Boxfähigkeiten haben mich schon so manches Mal gerettet. Ich wurde mehrfach von Männern angegriffen, und einmal musste ich meinen Sohn verteidigen, als er in unserem Viertel verprügelt wurde“, erzählt Moreen. Seit fast 13 Jahren trainiert sie hier im Club und hat an einer Reihe von Meisterschaften teilgenommen – darunter die Frauenboxweltmeisterschaft in Südkorea 2014. Vier Jahre später gewann sie Gold bei den ostafrikanischen Meisterschaften.

 Moreen Ajambo zeigt ihrer 14-jährigen Tochter Olivia, wie sie die Bänder richtig anlegt, um ihre Handgelenke zu schützen.Sofi Lundin

Ein ganzes Stück vom Boxclub entfernt in einer Gegend mit einigen kleinen Kneipen, Restaurants und Friseursalons lebt Hellen Baleke mit ihrer Familie. Im Fernseher laufen ugandische Musikvideos in voller Lautstärke, während die Kinder durch den vollgestopften Raum toben. Die Wände des Zimmers nebenan sind mit Fotos und Medaillen von verschiedenen Boxwettkämpfen übersät. Hartes Training, Disziplin und der sehnliche Wunsch, der Armut zu entkommen, haben Hellen und ihrer Schwester Diana die Teilnahme an einer Reihe von Meisterschaften eingebracht. Ebenso wie Moreen waren die beiden bei der Frauenboxweltmeisterschaft in Südkorea dabei. Im Jahr 2019 nahm Hellen an den All African Games in Marokko teil, wo sie für ihr Land eine Bronzemedaille gewann.

Selbstverteidigung statt Medaillenträume

Es war jedoch nicht der Traum vom Medaillengewinn, der Hellen dazu veranlasste, die Boxhandschuhe anzuziehen. Es waren eher die vielen Herausforderungen, vor denen sie als Frau stand, die den Entschluss in ihr reifen ließen, Selbstverteidigung zu lernen. Als der Vater der Mädchen viele Jahre zuvor gestorben war, hatte ihre Mutter Hellen, Diana und ihre Schwester Moureen vom Land mit in die Stadt genommen. Hier in Katanga begannen sie ein neues Leben. Ihre Mutter hat ein großes Herz und im Laufe der Jahre zahllose Waisenkinder aufgenommen. Während ihrer gesamten Kindheit teilten Hellen und ihre Schwestern ihr Elternhaus mit 20 anderen Kindern, und das ist bis heute so.

 Hellen Bakele hat vor 15 Jahren als erste Frau angefangen, im Rhino Boxclub zu trainieren.Sofi Lundin

Als Siebzehnjährige war Hellen 2007 die erste Boxerin im Rhino Boxclub, inzwischen sind einige aus der Familie in ihre Fußstapfen getreten. Während ihre Schwester Diana vor ein paar Jahren die Möglichkeit erhielt, zu einer Krankenpflegeausbildung in die Niederlande zu gehen, lebt Hellen immer noch in Katanga, wo sie andere Mädchen trainiert, darunter Scovia (17) und Joy (23), die beide bei internationalen Boxwettkämpfen bereits Medaillen gewonnen haben. Die jungen Frauen sind zwei der zahlreichen Waisenkinder, denen Hellens Mutter geholfen hat, und kamen vor vielen Jahren in ihre Familie. „Die Anregung, mit dem Boxen anzufangen, verdanke ich Hellen. Ich mag das Kämpfen an sich nicht, aber beim Boxen geht es um so viel mehr als das. Seit meinen Anfängen hier im Club habe ich mich als Person weiterentwickelt, und ich hoffe, eines Tages die Spitze zu erreichen“, sagt Scovia. 

Idi Amin war einst ein erfolgreicher Boxer

In Uganda blickt der Boxsport auf eine lange Geschichte zurück, in deren Verlauf sich viele Kämpfer im Ring einen Namen gemacht haben. Einer davon war Idi Amin. Bevor er ein gefürchteter Diktator wurde, war Amin ein beliebter Boxer, der Uganda 1951 an die Spitze des Halbschwergewichtsboxens brachte. Thomas Kawere, der viele große Boxer trainiert hat, darunter auch Idi Amin, war unter dem Spitznamen „Afrikas König der Löwen im Ring“ bekannt. Als erster Boxer aus Uganda und Ostafrika gewann er 1958 bei den Cardiff City Commonwealth Games in Großbritannien eine Medaille bei einer internationalen Meisterschaft. Ein anderer bekannter Name ist der des ehemaligen Kindersoldaten Ouma Kassim, der 2004 IBF-Weltmeister im Juniormittelgewicht wurde. 

Das Frauenboxen in Uganda hingegen ist ein jüngeres Phänomen. Viele der Frauen, die bereits im Ring gekämpft haben, haben im Club in Katanga trainiert, der vor 25 Jahren seine Tore öffnete. Heute boxen hier 26 Frauen und Mädchen. In Uganda als Profiboxerin zu arbeiten, ist außerordentlich schwierig, und viele Frauen geben das Boxen irgendwann auf. Der nationale Boxverband von Uganda räumt Frauen keine Priorität ein, finanzielle Unterstützung für Profiboxerinnen gibt es nicht. 

Sorge, wie es nach der Pandemie weitergeht

Nachdem er wegen Corona fast ein Jahr lang geschlossen war, ist der Rhino Boxclub an einem Tag im Januar 2021 wieder voll. Innocent Kapalata ist seit vielen Jahren Trainer hier und hat viele junge Talente zu Wettkämpfen ins Ausland geschickt. „In Uganda ist mit dem Boxsport so gut wie kein Geld zu machen. Deshalb orientieren die Mädchen und Jungen, die ich trainiere, sich an Boxerinnen und Boxern, die ins Ausland gegangen sind. Die meisten hier blicken zu Diana auf, die es nach Europa geschafft hat“, sagt Kapalata.

 Joy trainiert mit Innocent Kapalata. Der Trainer hat schon viele Mädchen und Frauen für Wettkämpfe im Ausland fit gemacht.Sofi Lundin

Das vergangene Jahr, in dem wegen der Pandemie niemand trainieren konnte, war das härteste überhaupt, und Kapalata fragt sich besorgt, wie es mit dem Club weitergeht. Die nächsten Olympischen Spiele sind zwar für den kommenden Sommer angesetzt, aber mit der Pandemie weiß niemand, ob sie tatsächlich stattfinden werden. „Wir mussten für lange Zeit schließen, und jetzt hat uns der Präsident der Uganda National Sport Federation gesagt, wir dürften erst wieder im Normalbetrieb öffnen, wenn er mit Präsident Museveni gesprochen hat. Alle größeren Veranstaltungen wurden wegen Covid-19 abgesagt“, erklärt Kapalata. 

Autorin

Sofi Lundin

ist freie Journalistin und Fotografin in Uganda.
Durch die Corona-Krise wurde das ohnehin schon beschwerliche Leben der Bewohner von Katanga noch härter. Moreen zum Beispiel hat sieben Kinder und einen mühevollen Alltag. Die Pandemie hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt noch verschärft, so dass Moreen heute Gelegenheitsjobs als Friseurin annimmt, um zu überleben. Zudem hatte die Präsidentschaftswahl vom 14. Januar Auswirkungen auf Kapalata und die anderen Boxer. Bei Protesten im November wurden mindestens 54 Menschen getötet; Auseinandersetzungen zwischen der Regierungspartei National Resistance Movement (NRM) und dem Lager des beliebten Oppositionspolitikers Bobi Wine gipfelten in blutigen Kämpfen, Verhaftungen und Entführungen.

Ein Boxer aus dem Club wurde verhaftet

Im Dezember wurde in Kampala der Profiboxer Zebra Ssenyange erschossen. Was genau das Mordmotiv war, ist noch unklar, sicher ist aber, dass es mit seinem politischen Engagement zusammenhing. „Er war mein guter Freund, und es ist so traurig, dass er sterben musste. Ich war mit vielen anderen auf seiner Beerdigung, und niemand versteht, warum er sein Leben verloren hat“, sagt Kapalata. Zebra war eine wertvolle Stütze für junge Boxer. Die 17-jährige Scovia sagt: „Zebra war einer der wenigen, die uns nach Kräften unterstützt haben. Wenn er zum Trainieren in seinen Club kam, steckte er uns immer ein bisschen Geld zu, und er gab Mädchen den Vorrang. Jetzt ist er tot, und alle machen sich Sorgen, wie es weitergehen soll.“ Innocent Kapalata erwähnt einen weiteren tragischen Vorfall, der sich unlängst ereignet hat: Ein Boxer aus dem Rhino Club wurde während des Wahlkampfs verhaftet. „Mudde Ntambi war ein Oppositionspolitiker, der in Kalangala verhaftet wurde. Seitdem sitzt er im Gefängnis und wir haben keine Ahnung, wann er wieder rauskommt“, sagt Kapalata.

„Bewegung!“, ruft der Trainer und beginnt in Kreisen im Boxring umherzugehen, den er in der Mitte des Clubs abgeteilt hat. Hellen und Moreen nehmen zusammen mit einer Reihe junger Mädchen am heutigen Training teil. Unter ihnen ist Moreens Tochter Olivia. „Ich bin so stolz auf meine Mutter und möchte werden wie sie. Sie hat mich dazu ermuntert, mit dem Boxen anzufangen“, sagt die Vierzehnjährige. In einer Ecke des Raums ziehen sich Scovia und Joy die Boxhandschuhe an. Kapalata trainiert die meisten der Mädchen. Mit dem Training habe er keinen einzigen Cent verdient, sagt er. „Der einzige Grund, warum ich das hier überhaupt mache, ist der, dass ich meine Schützlinge als Profiboxerinnen draußen in der Welt sehen möchte. Erst wenn eine von ihnen als Weltmeisterin vor mir steht, werde ich damit aufhören.“ Und Moreen ergänzt: „Ich war immer davon überzeugt, dass man schaffen kann, was man schaffen will. Der Traum einer olympischen Medaille besteht nach wie vor. Wer weiß, vielleicht wird er ja eines Tages Wirklichkeit.“

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 3 / 2021: Sport im Süden

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