Kenia
 In Kakuma haben Geflohene über die Jahrzehnte kleine Geschäfte aufgebaut wie dieses Hotel. Beschränkungen wegen der Pandemie haben sie hart getroffen.

Sally Hayden/SOPA/LightRocket via Getty Images

Kenia

Und jetzt auch noch die Delta-Variante

Im Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia leben mehr als 200.000 Menschen. Die Pandemie trifft viele hart – vor allem weil Hilfsorganisationen ihnen ihre Jobs gekündigt haben.

Als Geflüchteter aus Äthiopien lebe ich seit dem Jahr 2010 im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia. Das Lager liegt in einem semiariden Gebiet im Landkreis Turkana, etwa 40 Kilometer von der Grenze zu Uganda entfernt. Es besteht seit 30 Jahren. Die meisten Leute in Kakuma kommen aus dem Südsudan, aus Somalia, der Republik Kongo, Äthiopien, Burundi, Ruanda und Uganda. Sie alle sind vor Kriegen oder der Verfolgung aus ethnischen oder religiösen Gründen geflüchtet.

Die Geflüchteten werden vom UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR in Zusammenarbeit mit der kenianischen Regierung sowie lokalen und internationalen Hilfsorganisationen versorgt. Sie bekommen Nahrungsmittel, Zugang zu Trinkwasser, eine kostenlose medizinische Grundversorgung sowie Bildung und die Möglichkeit, an Umsiedlungsprogrammen teilzunehmen, falls sich Aufnahmeländer finden. Allerdings ist die gesamte Grundversorgung in jeder Hinsicht mangelhaft. Zudem ist unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt, wir haben kaum Verdienstmöglichkeiten außerhalb des Lagers und fast keinen Zugang zu höherer Bildung. Deshalb ist Kakuma anfällig für Krankheitsausbrüche – die häufigsten sind Cholera und Malaria. Und jetzt kommt Covid-19 dazu.

Spannungen im Camp stiegen an

Anfang April 2020 hörten wir über CNN und Al Jazeera zum ersten Mal von der Corona-Pandemie. Dann verbreitete sich die Nachricht schnell über die sozialen Medien, lokale Radiostationen sowie dank der Aufklärung des UNHCR und von Hilfsorganisationen. Kurz darauf verfügte die kenianische Regierung einen strikten Lockdown für die großen Städte und verbot es, Kakuma zu verlassen. Die Folge: Hilfsorganisationen durften nicht mehr ins Camp, wir mussten zu Hause bleiben und konnten die wenigen Jobs, die wir im Lager hatten, nicht mehr ausüben. Auch ich habe damals meine Arbeit als Übersetzer bei einer NGO verloren. Die Spannungen im Camp stiegen merklich an.

Vor allem die Polizeikontrollen im Lager verschlimmerten die Situation deutlich. Willkürlich wurden Leute verhaftet, die zum Beispiel in Cafés keine Maske aufhatten oder zu nahe beieinandersaßen. Die Verhaftungen wurden von Leuten des Gesundheitsamtes des Kreises vorgenommen, die eine entsprechende Uniform trugen. Für die Eindämmung der Pandemie war das nutzlos, denn wer verhaftet wurde, bekam ein Angebot: Bezahl mich und du kannst wieder gehen.

Der erste Covid-Fall im Camp

Mitte Mai 2020 saß ich mit gebührendem Abstand zu anderen in einem Café bei einer Tasse Macchiato, als wir vom ersten Covid-Fall im Camp hörten. Wir sind sofort hin und bekamen mit, wie ein junger somalischer Geschäftsmann in Gewahrsam genommen und in eine Klinik des Lagers in Quarantäne gebracht wurde. Ich sprach damals mit den Nachbarn und Freunden des Geschäftsmanns. Sie berichteten mir, der Mann sei während des Lockdowns in die kenianische Hauptstadt Nairobi gefahren. Bevor er in Quarantäne genommen worden sei, habe er bereits Kontakt mit seiner Frau und seinen Kindern gehabt. 

Die Reaktionen der Leute im Camp auf die Isolierung des Geschäftsmanns waren unterschiedlich. Manche sahen das als unverhältnismäßig und übertrieben an. Dann musste auch die Familie des Geschäftsmanns in Quarantäne. Der Vorfall löste bei uns eine gewisse Besorgnis aus. Der Mann wurde zwar positiv auf Covid-19 getestet, seine Familie sowie die anderen Leute in der Quarantänestation hingegen negativ. Allerdings zeigte auch der Geschäftsmann keinerlei Symptome. Ich vermute, dass dieser erste Covid-Fall konstruiert war: Die kenianische Regierung hatte klipp und klar gesagt, wenn es keine Covid-Fälle gebe, dann gebe es auch kein Budget für die Tests und Behandlungen. 

UNHCR und NGOs klären über das Virus auf

Seit Ausbruch der Pandemie werden neu ankommende Geflüchtete automatisch für 14 Tage in Quarantäne geschickt. Bis zum Mai 2021 waren das fast 7500 Menschen. Das gleiche gilt für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Die tatsächlichen Zahlen über das Ausmaß der Pandemie in Kakuma sind schwer zu ermitteln. Seit dem ersten Covid-Fall im Mai 2020 wurden laut UNHCR bis zum Mai 2021 gut 10.400 Covid Tests durchgeführt. Allerdings schlüsselt der UNHCR nicht auf, wer getestet wurde. Es heißt nur, es würden mehrheitlich Camp-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sowie NGO-Personal getestet und nicht die Bewohnerinnen und Bewohner. Von den bis Mai durchgeführten Tests waren 1006 positiv. Davon entfielen jeweils die Hälfte auf Geflüchtete und auf Personal des UNHCR und von NGOs. Zwölf Covid-Infizierte sind bislang gestorben.

Der UNHCR und Hilfsorganisationen klären über das Virus auf. Das Internationale und Nationale Rote Kreuz sowie andere NGOs kümmern sich um öffentlich zugängliche Hygienestationen in den Schulen, bei den Ausgabezentren für die Essensrationen oder bei den zahlreichen kleinen Garküchen in Kakuma. Der UNHCR verteilte zu Beginn der Pandemie ein paar Hundert Masken an die nationale Polizei sowie 10.000 Masken und Desinfektionsmittel an die Verwaltung des Landkreises Turkana, auf dessen Gebiet Kakuma liegt. Die Masken und das Desinfektionsmittel waren für die Angestellten, die direkt mit der Pandemiebekämpfung zu tun haben. Die Schneiderwerkstätten von Don Bosco sowie der Organisation Action Africa Help International bekamen vom UNHCR den Auftrag, wiederverwendbare Masken für besonders gefährdete Flüchtlingsgruppen zu schneidern.

Die Pandemie hat Auswirkungen auf fast alle im Lager

Die Pandemie betrifft nahezu alle in Kakuma in der einen oder anderen Weise. Balik kommt aus dem Sudan und war im letzten Jahr seines höheren Schulabschlusses im Camp, als die kenia­nische Regierung den Lockdown verhängte. „Das war wirklich ein harter Einschnitt, denn wir waren kurz vor unseren Abschlussprüfungen, die dann natürlich verschoben wurden. Hoffentlich können wir sie bald nachholen. Darüber hinaus haben wir alle unsere Nebenjobs verloren. Die meisten Organisationen, für die wir gearbeitet haben, meiden uns jetzt.“

Auch Henry, ein Filmemacher aus dem Kongo, hat jetzt keine Aufträge von örtlichen und ausländischen NGOs mehr, weil die nicht mehr ins Camp kommen. Lual kommt aus dem Sudan und ist Elektriker. Er hat keine Arbeit mehr, weil er wegen des Lockdowns kein Material mehr aus Nairobi nach Kakuma bringen kann. Kedija, der als Geflüchteter für das Internationale Rote Kreuz arbeitet, weist darauf hin, dass selbst Routinevorgänge wie das Anstehen für die Lebensmittelrationen jetzt riskant werden, weil die Leute dicht gedrängt stehen und keine Masken tragen. Und Kesis, ein orthodoxer Priester, beklagt, Covid habe die Gläubigen von der Kirche entfremdet; es bereite ihm Mühe, seine kirchlichen Aufgaben noch zu erledigen.

Im März hat die Impfaktion des kenianischen Gesundheitsministeriums im Landkreis Turkana begonnen. Bis zum 20. Juni waren in Kakuma 1742 Menschen einmal geimpft und 378 zweimal; ein Drittel aller Geimpften waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lagers und der NGOs, zwei Drittel Geflüchtete. Allerdings haben laut dem UNHCR etliche Geflüchtete Vorbehalte gegen eine Impfung, insbesondere Frauen. Dieser Skepsis will der UNHCR mit vermehrten Aufklärungsaktionen begegnen.

Ich mache mir große Sorgen wegen Covid-19. Ich habe meine Arbeit bei einer NGO verloren und das erschwert mir mein Fernstudium. Ich kann mich nicht frei bewegen, meine sozialen Kontakte sind eingeschränkt. Das Schlimmste aber ist, dass mir jetzt klar wird, wie anfällig ich in diesem Lager bin, wo alle so dicht aufeinandersitzen. Und jetzt breitet sich weltweit die Delta-Variante aus. Ich kann nur appellieren, mehr Geflüchtete zu testen, auf die Einhaltung der Covid-Regeln zu drängen und aufzuklären. Ich bin zuversichtlich, dass die Geflüchteten sich impfen lassen, denn wir wissen selbst, was uns am besten schützen kann.

Aus dem Englischen von Peter Wingert.

erschienen in Ausgabe 9 / 2021: Die langen Schatten der Gewalt

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