Herausgeberkolumne
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Klimawandel als Gerechtigkeitsfrage

Nur durch einen tiefgreifenden Umbau der Wirtschaft ist es möglich, der Zerstörung unseres Planeten Einhalt zu gebieten. Das Bewusstsein dafür ist vor der Bundestagswahl gestiegen.

 Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer von Misereor.Hermann Bredehorst/Brot fuer die Welt
Timor-Leste liegt gut 12.500 Kilometer von Deutschland entfernt. Und doch wird dort aufmerksam verfolgt, wie es in Deutschland nach der Bundestagswahl politisch weitergeht. „Ich hoffe, dass die neue Regierung in ihrem Herzen einen Raum hat, den Menschen in Ländern mit hoher Armutsquote mehr zuzuhören, mehr zu teilen und unser gemeinsames Haus Erde stärker zu respektieren“, schreibt uns Schwester Dulce Magno dos Santos vom Orden der Canossianerinnen in Timor-Leste. 

„Der Klimawandel zeigt Ungerechtigkeiten des Zusammenlebens auf “, argumentiert Ricardo Navarro von der Misereor-Partnerorganisation Cesta aus El Salvador. „Vor allem die wohlhabenden Minderheiten haben ihn verursacht, die am meisten konsumieren, während vor allem die arme Bevölkerung dieser Welt die schädlichen Auswirkungen des Konsums zu spüren bekommt. So wird Solidarität zu einem ethischen Auftrag. Deutschland könnte gut dazu beitragen, diese globale Ungerechtigkeit zu lindern – sowohl durch seine technische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Unterstützung als auch durch seine Fähigkeit, Emissionen im eigenen Land zu reduzieren.“

Der Planet hat Lungenentzündung

Papst Franziskus hat Ende 2020 in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ auf den Punkt gebracht, worauf es ankommt: „Entweder wir retten uns alle gemeinsam, oder niemand wird gerettet.“ Das Handeln der Menschheit destabilisiert das Erdsystem auf eine Art und Weise, die die Existenz und die Chancen der Verletzlichsten sowie die Vielfalt des Lebens auf der Erde bedroht. Um irreversible Verluste und Schäden zu minimieren, muss die Beziehung des Menschen zum Planeten neu bestimmt werden. Unser Planet hat Lungenentzündung, und die Fieberkurve steigt. Beides verdeutlicht, wie dringlich ein tiefgreifender Umbau der Wirtschaft ist, um den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermeiden und Menschen und Gesellschaften zu ermöglichen, sich an sich verändernde Lebensbedingungen anzupassen. 

Der Umbau wird nicht konfliktfrei sein. Ein zügiger Ausstieg aus der Stromproduktion durch Verbrennung betrifft wirtschaftliche Existenzen und soziale Lebensentwürfe zum Beispiel in Bergbauregionen; er muss partizipativ und sozial gerecht sein. Die Wochen vor der Bundestagswahl ermöglichen, diese Themen immer wieder in die Diskussion einzubringen. Parteien sollten sich nicht in kleinlichen Debatten, etwa über die Anhebung der Benzinpreise, aufreiben, sondern ambitioniert vorgehen. Denn ein Stimmungswandel zugunsten einer aktiven Klimapolitik sind spürbar. Deutlich ist, dass Sozial- und Klimapolitik nicht im Widerspruch zueinanderstehen, sondern zusammen gedacht und gestaltet werden müssen – als Teil eines ganzheitlichen Politikansatzes. 

Keine Angst vor den Bürgerinnen und Bürgern

Alle diejenigen, die vor vermeintlich unzumutbaren Rahmenbedingungen und Gesetzen zur Umsetzung der sozial-ökologischen Transformation zurückschrecken, können darauf vertrauen, dass viele Wählende eine gerechte Klimapolitik erwarten und selbst dafür eintreten. „Es gibt nachweislich keinen Grund, in Klimafragen pauschale ‚Angst‘ vor den [Bürgerinnen und] Bürgern zu haben“, heißt es in einer Studie des Vereins „More in Common“ zu Klimaschutz und gesellschaftlichem Zusammenhalt in Deutschland. „Im Gegenteil: Die Menschen warten auf Lösungen. Nicht-Handeln oder allzu kleinschrittige Ansätze sind dagegen für die meisten kein attraktives Angebot mehr.“

„Gerecht ist klüger“ nennt Misereor seine derzeitige Kampagne, mit der das Werk Menschen zu Wegen aus der Klimakrise bestärken und ermutigen will. Die Herausforderungen sind vielfältig und global. Wir können aus Krisen Lehren ziehen und unser gesellschaftliches System sozial gerechter, an unsere planetaren Grenzen angepasst, gemeinwohlorientiert und widerstandsfähig gestalten. Ein Wort unseres Misereor-Partners Johan Viljoen vom Denis Hurley Peace Institute in Südafrika zum Ende: „In einer globalisierten Welt betrifft das, was woanders passiert, uns alle.“ Und weiter: „Es liegt im Interesse jedes deutschen Bürgers, dass sich seine Regierung und seine Wirtschaft für eine faire Entwicklung Afrikas einsetzt.“ 

erschienen in Ausgabe 9 / 2021: Die langen Schatten der Gewalt

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