Voll Sympathie für ein schwieriges Land

Voll Sympathie für ein schwieriges Land

Susanne Koelbl / Olaf Ihlau Geliebtes, dunkles Land – Menschen und Mächte in Afghanistan Siedler Verlag, München 2007, 320 Seiten, 22,95 Euro

Das Buch von Susanne Koelbl und Olaf Ihlau kommt gerade rechtzeitig zur Diskussion über das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan. Es ist bestens geeignet, so manche sachferne Behauptung richtig zu stellen. Der Text hebt sich wohltuend ab von der Flut publizistischer Schnellschüsse. Hier haben seriöse Autoren das eindrucksvolle Ergebnis ihrer jahrzehntelangen Beschäftigung mit Afghanistan vorgelegt und halten weder mit ihrer Sympathie für noch mit ihrer tiefen Sorge um dieses schwierige Land hinter dem Berg.

Das Buch liest sich packend, ohne dass Komplexität und Widersprüchlichkeit des Landes verschwiegen und voreilige Schlüsse gezogen werden. Gegen Ende des Textes lesen die Autoren den Verantwortlichen der internationalen Afghanistan-Hilfe – Militärs wie Zivilisten – die Leviten, denn die Helferländer haben auf den wichtigsten Gebieten bisher versagt. Das Autorenpaar empfiehlt jedoch nicht den Rückzug aus Afghanistan, sondern meint im Gegenteil, dass man das Land jetzt nicht im Stich lassen darf. Es gilt, aus den Fehlern der jüngsten Vergangenheit zu lernen, beispielsweise fehle „eine durchdachte, mit den Amerikanern abgestimmte neue Strategie“. Ich möchte hinzufügen, eine solche Strategie kann nur auf der Basis einer umfassenden systematischen Evaluierung der bisherigen deutschen Afghanistan-Hilfe (auch der militärischen) durch unabhängige afghanische und internationale Gutachter entwickelt werden.

Der aufmerksame Leser findet natürlich auch in diesem Buch den einen oder anderen Lapsus, besonders bei Zahlen: drei Millionen Kuchi-Nomaden? Fachleute halten schon eine Million für übertrieben. Es erstaunt, dass Kandahar nur eine „35.000-Einwohner-Siedlung“ sein soll, da ist wohl eine Null verlorengegangen. Folgender Satz befremdet und hat in einem sonst so sachlichen Buch nichts zu suchen: „Jedenfalls muss man nicht Ethnologe sein, um verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Juden und Afghanen ... zu bemerken.“ Die Horrorgeschichte, dass während des Bürgerkriegs Hazaras in Kabul ihren Feinden Nägel in die Köpfe trieben, bezweifle ich, sie gehört zum Repertoire der jahrhundertealten Hasspropaganda gegen die benachteiligte Hazara-Minderheit. Der afghanische Bürgerkrieg war auch ohne dies grausam genug.

Die Stärken des Werks überwiegen jedoch bei weitem. Dazu gehört die sehr differenzierte Darstellung des bewaffneten Widerstands, besonders der sogenannten Neo-Taliban, und der widersprüchlichen Rolle unterschiedlicher pakistanischer Akteure. Auch der Drogenanbau wird in seinem schwierigen internationalen Kontext vorgestellt. Eine Patentlösung ist nicht zu haben, schon gar nicht ohne neue Strategien und wesentlich mehr Mittel.

Die Autorin und der Autor erzählen in den 22 Kapiteln keine durchgehende Geschichte. Historische Vertiefungen  werden eingefügt, wo sie zum Verständnis der Gegenwart nötig sind. So wird beispielsweise die abenteuerliche Geschichte der deutsch-afghanischen Beziehungen seit dem Ersten Weltkrieg  recht spannend erzählt. Man findet eine Reihe von Episoden aus Vergangenheit und Gegenwart sowie Portraits kleiner und großer Beteiligter an den Konflikten in Afghanistan. Es sind in sich geschlossene Miniaturen, die Schlaglichter auf einzelne Aspekte werfen. Zusammen ergeben sie ein zusammenhängendes und stimmiges Bild des Landes.    

Bernt Glatzer

welt-sichten 2/3-2008

 

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2008: Pakistan - Staat in der Dauerkrise
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