„Wir am Golf wollten diesen Krieg nicht“

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Kuwait
Immer wieder attackiert der Iran die Staaten am Persischen Golf. Bader Al Saif von der Universität von Kuwait verurteilt das scharf – genauso wie die Angriffe Israels und der USA auf den Iran. Nötig seien eigene Verhandlungen der Golfstaaten mit Iran.

Bader Al Saif ist Assistenzprofessor für Geschichte an der Universität von Kuwait und assoziiertes Mitglied von Chatham House und des Arab Gulf States Institute in Washington (DC). Sein Fokus sind Politik und Gesellschaft der arabischen Halbinsel.

Wie stark trifft der Krieg Kuwait? 
Wir werden seit fünf Wochen fast täglich vom Iran beschossen. Einige Angriffe kamen auch von mit dem Iran verbundenen Milizen im Irak. Irans Behauptung, dass nur militärische Anlagen der USA das Ziel sind, ist Unsinn. Erstens sind das Anlagen des Staates Kuwait, und wir schließen Verteidigungspartnerschaften mit vielen Ländern, die wir wählen – zum Beispiel mit US-Amerikanern, Kanadiern, Briten, Italienern. Und zweitens hat der Iran in den vergangenen Wochen ganz verschiedene Ziele angegriffen: den Flughafen, Hotels und Wohngebiete, Öl- und Gasanlagen. Ein Angriff hat ein elfjähriges iranisches Kind getötet, und bei einem anderen auf eine Wasserentsalzungsanlage wurde ein Mann getötet. Bei weiteren Angriffen wurden vier Soldaten getötet und zehn verwundet. 

Wie wirken sich die Angriffe auf den Alltag aus?
Die Auswirkungen auf das tägliche Leben sind gering, weil wir dank der erwähnten Partnerschaften eine gute Luftabwehr haben. Natürlich bringt täglicher Bombenalarm den Alltag durcheinander, ich halte meine Universitätskurse seit Anfang März nur online ab. Aber Konflikt und Chaos sind für uns nichts Neues. Kuwait war vor 35 Jahren vom Irak besetzt, im Krieg zwischen Irak und Iran in den 1980er Jahren wurden wir vom Iran angegriffen, es gab Terroranschläge. Wir sind widerstandsfähig und zum Glück reich genug, die Verluste auszugleichen. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind aber noch gar nicht abzusehen. Der Iran blockiert mit der Straße von Hormus den einzigen Weg für uns, Öl zu exportieren. 

Sehen Sie Chancen, eine weitere Eskalation zu verhindern? 
Ich denke, wir müssen die Konfliktstränge voneinander trennen. Die USA und Israel haben völkerrechtswidrig den Iran angegriffen und der Iran reagiert, indem er völkerrechtswidrig die Golfstaaten angreift. Was die USA und Israel tun, ist falsch; politische Führer umzubringen und Hunderte, ja Tausende im Iran und im Libanon zu töten, macht die Lage in der Region nur noch schwieriger. Und die iranische Regierung sieht sich in die Enge gedrängt und greift alle an, die Druck auf die USA ausüben könnten, ihre Angriffe einzustellen. Wir müssen uns zunächst darauf konzentrieren, die Golfstaaten aus diesem Krieg herauszuholen. Wir brauchen direkte Verhandlungen der sechs Golfstaaten mit dem Iran. 

Sind diese Staaten sich einig, auf den Iran zuzugehen? 
Ihre Bedrohungswahrnehmungen sind unterschiedlich, der Iran trifft ja nicht alle gleichermaßen. Am stärksten hat es die VAE und Kuwait getroffen, in zweiter Linie Saudi-Arabien und Katar. Oman wurde kaum angegriffen und ist am stärksten für Verhandlungen. Andere vertreten eine härtere Linie, und mit Recht, denn sie werden angegriffen und schlagen nicht einmal zurück. Wir wissen: Wenn wir in den Krieg eintreten, wird das Chaos noch schlimmer. Allerdings sind alle Optionen auf dem Tisch. Wenn der Iran erfolgreich ein bedeutendes Ziel am Golf angreift oder viele Menschen hier tötet, dann sind wir gezwungen, in den Krieg einzutreten – jedoch in einer auf Verteidigung zielenden Weise und so, dass wir uns nicht an die Kriegführung der USA und Israels binden. Am Ende muss es eine Versöhnung geben, auch wenn das lange dauern wird.

Was sind nach Ihrer Ansicht die Kriegsziele der USA und Israels? 
Israels Haltung ist klar. Benjamin Netanjahu, der Regierungschef, plädiert seit Jahrzehnten für diesen Krieg, denn er will Chaos und Spaltung in der Region und im Iran. Im Idealfall will er einen Regimewechsel in Teheran, aber der ist offensichtlich sehr schwierig zu erreichen. Die Kriegsziele der USA sind hingegen unklar und ändern sich von Tag zu Tag je nachdem, mit wem man spricht und in welcher Stimmung Donald Trump ist: Will man das Kernwaffenprogramm beenden, das Raketenprogramm, die Marine zerstören, Irans Stellvertreter in der Region ausschalten? Oder geht es jetzt vor allem um die Öffnung der Straße von Hormus. Interessanterweise hat der US-Präsident zuletzt auch Regimewandel umdefiniert: Er hat gesagt, wir haben das Regime ja geändert, denn wir haben die alte Führung getötet, es gibt eine neue. Wir am Golf wollten diesen Krieg nicht und haben sehr harte Lobbyarbeit dagegen betrieben. 

Laut manchen Berichten hat aber der Kronprinz von Saudi-Arabien sich hinter den Kulissen für den Krieg ausgesprochen. 
Das sind Falschmeldungen, die sämtlich auf Quellen im Weißen Haus zurückgehen. In keinem dieser Berichte taucht eine saudische Quelle auf. 

Gibt es auch in den Golfstaaten Stimmen für einen Regimewechsel im Iran? 
Nein. Dagegen spricht schon eine kühle und rationale Betrachtung: Was sind die Alternativen zum heutigen Regime? Wir sehen keine, warum sollten wir uns also dafür einsetzen? Außerdem sind die Golfstaaten gegen Einmischungen in ihre eigenen inneren Angelegenheiten und wollen das deshalb nicht anderen Staaten gegenüber tun. Sogar am Krieg zum Sturz von Saddam Hussein 2003 hat sich von allen Golfstaaten nur Kuwait beteiligt und nur, weil unser Territorium bedroht war. 

Für die Golfstaaten sollte lange das Bündnis mit den USA Sicherheit gewährleisten, in jüngerer Zeit zusammen mit einer Entspannung des Verhältnisses zu Israel und zum Iran. Ist das gescheitert und jetzt eine neue Strategie nötig? 
Gegenüber dem Iran müssen wir über Entspannung hinausgehen und klarstellen, was wir gegenseitig voneinander erwarten. Ein Nichtangriffspakt ist denkbar. Wenn der Iran die Anwesenheit von US-Truppen am Golf destabilisierend findet, müssen wir ihnen klar machen, dass das falsch ist. Es ist ja auch die innere Angelegenheit des Iran, dass sie eine militärische Partnerschaft mit Russland haben. Auch in Deutschland gibt es US-Basen, ohne dass Deutschland deshalb zum Satellitenstaat der USA wird. Das gleiche gilt für uns. 

Verändert der Krieg grundlegend die Haltung der Golfstaaten zu Israel und den USA? 
Es ist zu früh, das zu sagen, solange der Krieg anhält und wir nicht wissen, ob er nicht doch noch eskaliert, etwa die USA Bodentruppen einsetzen. Grundsätzlich wollen die Golfstaaten in der Lage sein, mit allen Seiten pragmatisch umzugehen. Die USA sind unbestreitbar die stärkste Militärmacht der Welt und das größte Innovationszentrum für Künstliche Intelligenz. An beidem sind wir sehr interessiert. Ich kann heute trotz Bombardierungen von meiner komfortablen Wohnung aus mit Ihnen sprechen, weil wir all diese US-Technik übernommen haben, etwa in der Luftabwehr. Das werden wir nicht aufgeben, um den Iranern zu gefallen. Wir sind souveräne Staaten. 

Die USA und Israel haben einen Krieg begonnen, den die Golfstaaten nicht wollten, wie Sie sagen. Das ändert die Haltung zu den USA nicht? 
Wir haben in vielen Punkten ganz andere Vorstellungen als Israel und setzen uns damit gegenüber den USA manchmal durch, manchmal nicht. Beim Thema Syrien zum Beispiel haben wir gegen die Bestrebungen Israels erreicht, dass Donald Trump die Sanktionen aufgehoben und die Beziehungen zum neuen syrischen Präsidenten Al-Scharaa normalisiert hat. Beim Thema Iran hat sich aber die Lobbyarbeit Israels durchgesetzt, obwohl wir dagegengehalten haben, auch mit der Vermittlung des Oman zwischen den USA und dem Iran. 

Und die Haltung zu Israel? 
Israel behauptet, es wolle ein normales Land sein und sich in die Region integrieren. Es verhält sich aber nicht so, sondern übt Druck aus, geht von einem Krieg zum nächsten und beansprucht Überlegenheit und eine Vormachtstellung. 

Sie deuten Israels Verhalten als Vormachtstreben? 
Natürlich. Das hat Netanjahu doch auf vielen Pressekonferenzen selbst gesagt: „Wir ändern das Gesicht des Nahen Ostens und werden zu einer Supermacht.“ Wir können aber nicht einem Staat erlauben, die Entscheidungen für uns zu fällen – besonders da er eine Vormachtstellung nicht einmal mit Wirtschaftsentwicklung und Technologietransfer erreichen will, sondern mit militärischer Gewalt. Das ist sehr destabilisierend. Unsere Region kommt zu Wohlstand im Rahmen eines Machtgleichgewichts.

Tragen Golfstaaten und ihre Rivalität auch zu Instabilität und Gewalt bei, etwa indem sie zum Beispiel im Jemen und im Sudan gegensätzliche Parteien unterstützten?
Ja, das muss gelöst werden. Die Golfstaaten sind sich einig, dass Regime geschützt und Staaten stabilisiert werden müssen, aber sie sind sich nicht einig darüber, wie man das schafft. Die VAE sind aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Islamisten sehr besorgt, wenn irgendwo welche an die Macht kommen, und wollen das überall in der Region verhindern. 

Deshalb unterstützen sie im Sudan die Gegner des Militärrats, auf dessen Seite Islamisten kämpfen? 
Genau. Andere Golfländer sehen darin aber keine direkte Bedrohung. Diese Differenzen kann man nicht über Nacht beilegen. Aber der Krieg gegen den Iran befördert das. Über die Politik gegenüber dem Jemen konnten die Golfstaaten vorher nicht miteinander reden. Als der Irankrieg begann, öffneten die Emiratis und die Saudis Gesprächskanäle untereinander. Ende März war der Emir von Katar in den VAE und in Saudi-Arabien. Das ist der richtige Weg: Zusammenarbeit. Der Einsatz für Frieden und Stabilität muss Vorrang vor allen anderen Nebenzielen haben.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

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