Die USA haben im Sommer 2025 ihre Entwicklungsagentur USAID geschlossen und Hilfszahlungen für Gesundheitsvorhaben in Afrika beendet – nach eigenen Angaben auch, um die Eigenständigkeit afrikanischer Länder fördern. Weniger Abhängigkeit ist doch etwas Gutes, oder?
In den vergangenen 25 Jahren ist sehr viel Geld in Gesundheit geflossen, gerade in wirtschaftlich armen Ländern. Die USA hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet und entsprechend haben sich die Lebenserwartung und viele Gesundheitsindikatoren wie Mütter- oder Kindersterblichkeit stark verbessert. Aber es sind auch große Abhängigkeiten entstanden. Natürlich ist es wünschenswert, die abzubauen. Und sicher ist es nicht die Aufgabe der USA, die Gesundheitsversorgung von Ländern in Afrika langfristig zu gewährleisten. Aber so, wie die US-Regierung vorgegangen ist, wird genau das Gegenteil erzielt. Man hat innerhalb von wenigen Tagen alle Gelder gestrichen, wohlwissend, dass davon Menschenleben abhängen und ganze Organisationen vor Ort in ihrer Existenz bedroht sind. Tausende von Mitarbeitenden wurden von heute auf morgen entlassen, weil kein Geld mehr für ihre Gehälter da war.
Die USA ziehen sich nicht ganz aus der Entwicklungshilfe zurück. Über die America First Global Health Strategy wollen sie sich weiter einbringen. Ist das eine Alternative?
Das Programm sieht auf den ersten Blick nicht schlecht aus, aber es ist ein Programm zur Ausbeutung von Schwachen. Alles ist darauf ausgerichtet, dass es am Ende Amerika zugutekommt. Man lässt multilaterale Akteure außen vor und nutzt die Verletzlichkeit der afrikanischen Staaten aus. Sie sollen Amerika langfristig ihre Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen. Die höchste Priorität in diesem Programm hat die Absicherung Amerikas gegen potenzielle neue Pandemien. Außerdem müssen die Länder ein Drittel der Kosten selbst übernehmen – Geld, das dann für lokale Prioritäten nicht mehr zur Verfügung steht.
Aber wie kann das Gesundheitswesen in Afrika weniger abhängig von äußerer Hilfe werden?
Der Abbau von Abhängigkeiten ist ein guter Weg. Aber dies mit Disruption und einem plötzlichen Ende der Unterstützung zu machen, ist sehr fragwürdig. Dennoch hat es positive Reaktionen gegeben. Im Mai letzten Jahres, nachdem bekannt wurde, dass USAID geschlossen wird, war bei der Weltgesundheitsversammlung der Weltgesundheitsorganisation WHO neben dem Schock auch ein neuer Geist zu spüren. Dass man in der Krise eine Chance sehen will und jetzt versucht, es selbst hinzukriegen.
Ist das Wunschdenken oder ändert sich tatsächlich etwas?
Einerseits ist ein neues Bewusstsein entstanden für die Notwendigkeit, lokal für eine solide Finanzierung zu sorgen. Andererseits gibt es noch immer den Hang, Gelder anzunehmen, die einem angeboten werden. So gab es beispielsweise bei der Konferenz der christlichen Gesundheitsnetzwerke in Afrika Ende Februar in Madagaskar eine direkte Schalte ins US State Department, bei der das neue Programm der US-Regierung vorgestellt wurde. Die US-Regierung will ja besonders mit religionsgebundenen Gruppen, Faith-Based-Organisationen, zusammenarbeiten. Für die christliche Gesundheitsarbeit, die ganz besonders auf äußere Geldgeber angewiesen ist, klingt das erst einmal verlockend. Die Frage ist, wie viel Energie weiterhin in die Akquise von Geld nach dem alten Muster gesteckt wird und wie viel Energie in die Suche nach neuen, unabhängigen Wegen. In jedem Fall sind wir mitten in einer großen Transformation, die nun sehr viel schneller umgesetzt werden muss als gedacht.
Was heißt das für die christliche Gesundheitsarbeit?
Für die sehe ich gute Chancen, weil sie dort präsent ist, wo andere nicht hingehen: in ländlichen Regionen, in Slums und bei marginalisierten Gruppen. In den Ländern südlich der Sahara tragen Kirchen zwischen 30 und 40 Prozent der gesamten Gesundheitsversorgung. Kirchen sind vor allem auf der Ebene der Gemeinden stark. Dort bestehen Vertrauen und die Möglichkeit, vor Ort Dinge zu verändern. Das macht Kirchen zu wichtigen Beteiligten an der Umsetzung der Basisgesundheitsprogramme, eines wichtigen Pfeilers für jedes Gesundheitssystem. Außerdem hat die christliche Gesundheitsarbeit Strukturen auf allen Ebenen. Es gibt nationale Verbände, die gegenüber den Regierungen auftreten können, und es gibt die African Christian Health Associations Platform (ACHAP), zu der mehr als 40 Verbände in 32 Ländern gehören. Auf internationaler Ebene spielt der Ökumenische Rat der Kirchen mit seiner Kommission Health and Healing eine Rolle als Ansprechpartner. Über diese Strukturen hat die christliche Gesundheitsarbeit Einfluss auf die Politik und kann Themen voranbringen.
Welche zum Beispiel?
Neben dem Zugang zu Gesundheitsversorgung für alle, der auch mentale Gesundheit oder die nicht übertragbaren Krankheiten einschließt, spielt die Gesundheitsfinanzierung eine ganz wichtige Rolle. In den meisten Ländern Afrikas wurde hier bisher viel über externe Unterstützung finanziert. Dazu kommen die staatlichen Gelder. Aber am Ende muss der Patient aus seinem Budget – im Jargon „out of pocket“ – für seine Versorgung bezahlen, weil es in den meisten Ländern keine flächendeckenden Krankenversicherungen gibt. Für afrikanische Familien ist das oft eine große Armutsfalle. Was sie für Gesundheit ausgeben müssen, kann bis zu 40 Prozent ihres Einkommens ausmachen. Dieses Geld fehlt dann zum Beispiel für Bildung. Auch für kirchliche Krankenhäuser ist diese Finanzierung ein Problem: Wenn sie von dem leben müssen, was Patienten zahlen können, fehlt das Geld für gute Gehälter. Und entsprechend schwer ist es dann, gute Fachkräfte zu bekommen. Das ist oft ein Teufelskreis, den wir durchbrechen müssen.
Welche anderen Modelle zur Finanzierung gibt es?
Krankenversicherungen für alle können einen wichtigen Beitrag leisten. In Ländern wie Tansania, Ghana, Nigeria oder Südafrika gibt es da schon gute Programme. Im Kongo wird versucht, über kleine „Mutuelles“ – Versicherungen auf Gegenseitigkeit – eine Abdeckung zu schaffen, was aber nur schwer möglich ist. Daher sind wir weit entfernt von einer vollständigen Abdeckung. Eine Ausnahme ist Ruanda, wo es inzwischen eine Basisversicherung für bis zu 95 Prozent der Bevölkerung gibt. Krankenversicherungen müssen in jedem Fall weiter ausgebaut werden. Und kirchliche Krankenhäuser müssen neue Wege finden, wie sie neben der Versorgung der armen Bevölkerung Spezialversorgung anbieten, die sich eine besserverdienende Gruppe leisten kann. Auf der Konferenz der christlichen Gesundheitsnetzwerke wurde das Tenwek Hospital vorgestellt, eines der größten Missionskrankenhäuser in Kenia. Durch eine Großinvestition in moderne Thorax-Chirurgie und eine kardiologische Abteilung können andere Abteilungen mitfinanziert werden. Hier arbeiten inzwischen gut ausgebildete kenianische Spezialisten, die so dem Land erhalten bleiben.
Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck.
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