Pandemie
Die Afrigen Geschäftsführerin Petro TerblanchePetro Terblanche, Afrigen Geschäftsführerin, steht im Labor. Das Biotechnologieunternehmen Afrigen Biologics and Vaccines im südafrikanischen Kapstadt entwickelt Afrikas ersten eigenen Corona-Impfstoff.

picture alliance/dpa/Kristin Palitza

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Afrika will sich selbst mit Impfstoff versorgen

Während die Omikron-Variante die Corona-Infektionszahlen weltweit steigen lässt, setzt ein ganzer Kontinent die Hoffnung auf das Startup Afrigen in Kapstadt. Hier wollen die Wissenschaftler den mRNA-Impfstoff von Moderna nachbauen – und eine lokale Pharmaindustrie errichten.

Montague Gardens, ein Industrieviertel im Norden Kapstadts: Hier reihen sich Milchfabriken an Klempner und Möbelgeschäfte. Doch hinter einer der braunen Backsteinfassaden wird weder gekocht noch gehandelt: Hier wird hochkomplexe Forschung betrieben, die in Afrika bald schon Leben retten könnte.

Afrigen Biologics and Vaccines ist ein junges, aufstrebendes Biotech-Unternehmen. Das Start-Up wurde 2015 mit dem Ziel gegründet, einen Impfstoff gegen Tuberkulose lokal herzustellen. Die Lungenerkrankung zählt, neben HIV/Aids, zu den häufigsten Todesursachen in Südafrika. Schon im Kampf gegen TB setzte Afrigen erfolgreich auf Technologietransfer, denn der Impfstoff stammte von dem US-amerikanischen Infectious Diseases Research Institute (IDRI).

Damals konnten die Virologen und Ingenieure noch nicht ahnen, dass sie in wenigen Jahren an einem Impfstoff gegen eine Krankheit forschen würden, die als Pandemie die Welt zum Stillstand bringt. Und darüber hinaus politische Gräben aufwirft. „Wenn Covid eines gebracht hat, dann die Erkenntnis, wie abhängig wir sind“, sagt Afrigen-Geschäftsführerin Petro Terblanche. Als Südafrikanerin und Wissenschaftlerin ärgert sie sich, dass ihr Heimatkontinent 90 Prozent aller Impfstoffe importieren muss. Das will sie ändern. „Wir haben die Fähigkeiten und das Wissen und zusätzlich eine aufstrebende Wirtschaft“, meint die Professorin. Und sagt mit Blick auf die Infektionswellen: „Es gibt also keinen Grund, weshalb wir diese Tortur erneut durchstehen sollten.“

Südafrikas Präsident spricht von „Vakzin-Apartheid“

Terblanche und ihr Team forschen im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im April verkündete die WHO die Gründung von sogenannten Technologietransfer-Zentren für mRNA-Impfstoffe. Ziel sei es, Länder mit geringem und mittlerem Einkommen so weit zu stärken, dass diese ihre eigenen Impfstoffe herstellen können. So sollen der globale Zugang verbessert und Versorgungsengpässe vermieden werden. Die „mRNA Hubs“ sollen dabei als Knotenpunkte dienen, an denen das gesammelte Wissen zusammenläuft: Wie stellt man Vakzine her, wie garantiert man deren Qualität und wie vermittelt man dieses Wissen an weitere Labors auf dem Kontinent?

Gemeinsam mit anderen Konzernen und Universitäten in Südafrika ist Afrigen Teil des ersten WHO-Hubs. „Das sind großartige Neuigkeiten, vor allem für Afrika, das den geringsten Zugang zu Impfstoffen hat“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Ghebreyesus bei der Verkündung der Hubs. Auf dem Kontinent sind weniger als acht Prozent der Menschen gegen Covid-19 geimpft. Bisher haben nur 6 von 54 afrikanischen Ländern das Etappenziel erreicht, bis Jahresende 40 Prozent ihrer Bürger zu impfen. Während jetzt vermehrt Vakzine aus Spenden reicherer Staaten den Kontinent erreichen, litt Afrika zuvor monatelang unter eingeschränktem Zugang. Einige Aktivisten, Gesundheitspolitiker und Staatschefs machen Industriestaaten verantwortlich, welche Impfstoffe horteten. „Ihre offensichtliche Gier enttäuscht uns sehr, zumal sie behaupten, unsere Partner zu sein“, sagte Anfang Dezember Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa. Er sprach von „Vakzin-Apartheid“.

Pharmakonzerne teilen ihr Wissen nicht

Autor

Markus Schönherr

ist freier Korrespondent in Kapstadt und berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus dem südlichen Afrika.
Doch nicht nur der Westen habe Afrika im Stich gelassen, wie zwei Tage später der Direktor der African Centres for Disease Control and Prevention Africa (CDC), John Nkengasong, betonte: Auch das Serum Institute of India (SII) habe „unprofessionell“ gehandelt, als es vergangenes Jahr als einer der wichtigsten Impfstofflieferanten Afrikas die Verhandlungen mit den kontinentalen Behörden abbrach. Der Geschäftsführer des SII hatte den afrikanischen Ländern vor Kurzem vorgeworfen, nicht genug Impfstoffe direkt beim Institut zu bestellen, obwohl für die Bestellungen Covax zuständig ist. Für Präsident Ramaphosa steht jedenfalls fest: „Wir können nicht länger warten, bis uns Vakzine zugeteilt werden.“

Bei Afrigen entschloss man sich bereits 2020, eine „mRNA-Plattform“ zu schaffen. Geschäftsführerin Terblanche lobt die Energie und Hingabe, mit denen an einem lokal entwickelten Impfstoff gegen Covid-19 geforscht werde. Politiker und Wissenschaftler arbeiteten mit vereinten Kräften. Allerdings gebe es einen Spielverderber: die Pharmakonzerne. Weder Moderna noch Biontech als Hersteller von mRNA-Impfstoffen wollten ihr Wissen mit der WHO-Allianz teilen. „Ich denke, das war der entscheidende Moment, an dem die Konzerne uns die Hand hätten reichen sollen“, klagt Terblanche. Die Pharmakonzerne hätten Lizenzen vergeben und dafür angemessen entschädigt werden sollen. Außerdem hätten sie Studienerkenntnisse aus Entwicklungsregionen gewinnen und damit ihre eigene Forschung vorantreiben können, sagt die Afrigen-Chefin. „Wir wollten keine Almosen von ihnen, sondern eine gleichberechtigte Partnerschaft.“

Chance für neue öffentliche Gesundheitsordnung in Afrika

Für sie und ihr Team aus 22 Wissenschaftlern hieß es also: Zurück an den Start.  „Wir gingen dorthin, wo jede Forschung beginnt: in die Bibliothek.“ Mithilfe von öffentlich zugänglichen Forschungsberichten und Webinaren fanden die Afrigen-Mitarbeitenden mehr über Modernas Vakzin heraus. Dieses soll kopiert werden, da es stabiler ist als der Wirkstoff von Pfizer und damit besser geeignet für den langen Transport und hohe Temperaturen. „Allerdings gibt es oft Wissenslücken darüber, wie genau etwas behandelt werden oder welches Gerät man einsetzen muss. Es sind feine technische Komponenten, die die Rezeptur bestimmen“, erklärt Terblanche, deren Forscher und Biotech-Ingenieure nach dem fehlenden Teilen suchen. Ihr erster mRNA-Wirkstoff soll gegen Ende 2022 produziert werden. Das Auftauchen der Omikron-Variante hat die Covid-Forschung auf den Kopf gestellt. Terblanche schließt daher nicht aus, dass ihre Impfung der „zweiten Generation“ angehört, also eine spezielle Booster-Impfung wird oder gezielt gegen eine Variante wirken werde. Zunächst brauche es aber eine „Mutterimpfung“, die später angepasst werden kann.

Moderna musste für seine Weigerung, zu kooperieren, Kritik einstecken. Weil das Wissen bereits vorhanden sei, sei die Forschung in Kapstadt „komplett unnötig“ und „Zeitverschwendung“, kritisierte Ärzte ohne Grenzen (MSF). Aber Terblanche sieht das anders. Mit Blick auf die angestoßene Forschung betont sie: „Das ist für einen jungen Biotech-Konzern natürlich fantastisch.“ Die Krisenbewältigung eröffne neue Chancen nicht nur für die Wissenschaft am Kontinent, auch für die Zusammenarbeit zwischen Forschern, Unternehmen und Politik. „Ich hoffe, dass wir darauf aufbauen können, wenn die Pandemie erstmal vorüber ist.“

„Vier bis fünf Jahre“ brauche es, um eine Fabrik für Covid-Impfstoffe von Grund auf hochzuziehen, betont Morena Makhoana. Er ist Geschäftsführer von Biovac. Der Impfstoffproduzent, ebenfalls in Kapstadt ansässig, soll künftig das von Afrigen entwickelte Vakzin herstellen. Laut Makhoana gebe es noch große Unterschiede, was die Impfstoffindustrie am Kontinent betreffe. „Einige Länder sind weiter als andere, doch wir begrüßen, dass immer mehr Akteure daran teilnehmen.“

Die Afrikanische Union (AU) will bis 2040 60 Prozent ihrer Impfstoffe in Afrika herstellen. Dazu hat sie im April die Partnerships for African Vaccine Manufacturing (PAVM) gegründet. Die Initiative bringt erstmals Regierungen, Geldgeber und die Pharmaunternehmen an einen Tisch. „Afrika hat nun eine historische Gelegenheit, eine neue öffentliche Gesundheitsordnung zu schaffen“, sagt Nkengasong. Erstmals könne dadurch eine Versorgung für jeden am Kontinent zur Realität werden.

erschienen in Ausgabe 2 / 2022: Riskante Geschäfte mit der Chemie

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