Pandemiebekämpfung
Pandemiebekämpfung

Fragwürdiger Booster-Hype

Gemeinsam und solidarisch gegen Corona? Von wegen. Auf globaler Ebene gilt: Ich zuerst. Und wir machen alle mit. Ein Kommentar von Tillmann Elliesen, der seiner dritten Impfung mit gemischten Gefühlen entgegensieht.

 Tillmann Elliesen ist Redakteur bei welt-sichten.welt-sichten
Nächste Woche werde ich mich wohl in die Schlange vor dem nächsten Impfzentrum einreihen und mich boostern lassen. Ich werde das mit gemischten Gefühlen tun. Und ehrlich gesagt nervt mich zunehmend, wenn mir Freunde, Kolleginnen und Verwandte freudestrahlend und erleichtert berichten, sie hätten gerade ihre dritte Spritze bekommen. Und mich nervt, dass uns Politiker und Virologinnen das Impfen, das Boostern (und die gedankliche Vorbereitung auf den Booster-Boost in sechs Monaten) als solidarischen Dienst an der Gemeinschaft und einzigen Ausweg aus der Pandemie verkaufen wollen. 

Denn das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Keine Sorge, ich bin weder Corona-Leugner noch Impfgegner. Aber es ist kein Zeichen von Solidarität, dass die Auffrischungsimpfungen bei uns und in anderen reichen Ländern jetzt richtig Fahrt aufnehmen. Global betrachtet ist es ein Zeichen himmelschreiender Ungerechtigkeit. Die Boosterei bei uns ist nur möglich, weil unsere Regierungen skrupellos alles aufgekauft haben, was sich spritzen lässt. Die Impfstoffhersteller machen gerne mit und verkaufen an die Staaten, die am meisten zahlen können. Die Bundesregierung hat so viel Moderna-Impfstoff gehamstert, dass der Gesundheitsminister den Stoff feilbieten muss wie Sauerbier. Und die internationale People's Vaccine Alliance, zu der unter anderem Oxfam und Unaids gehören, weist darauf hin, dass allein in Großbritannien schon fast so viele Menschen geboostert sind wie in allen Ländern mit niedrigem Einkommen zweimal geimpft. 

Unsolidarisch, dumm und kurzsichtig

Diese ärmeren Länder etwa in Afrika kriegen, was auf dem Markt übrigbleibt. Und sie kriegen Hilfslieferungen unter anderem der COVAX-Initiative, die oft aber auch nicht richtig helfen: Mal liefern die reichen Länder wie zugesagt, mal liefern sie nicht, mal liefern sie viel zu viel auf einmal – eine vernünftige Impfkampagne könne man so nicht durchführen, haben Fachleute aus Afrika unlängst in einer gemeinsamen Stellungnahme beklagt. Zugleich werden ärmere Länder von Konzernen und reichen Staaten behindert, eigene Impfstoffe herzustellen. In Südafrika will das Startup Afrigen jetzt den Moderna-Impfstoff nachbauen. Die Firma muss buchstäblich das Rad neu erfinden, weil der US-Konzern sein Wissen nicht teilen will.

Es stimmt auch nicht, dass die Boosterei uns aus der Pandemie führen wird. Im Gegenteil: Wenn es bei der global ungleichen Verteilung von Impfstoffen bleibt, dann wird das Virus dort, wo die Impfquote niedrig ist, immer weiter mutieren – Omikron lässt grüßen. Darauf weist die Weltgesundheitsorganisation seit einem Jahr hin. Na klar, wir können natürlich versuchen, uns in Deutschland und Europa coronafrei zu boostern und dann den Stacheldrahtzaun um die EU noch etwas höher ziehen, um mögliche Mutanten aus dem Süden von uns fernzuhalten.

Kurz: Der Booster-Hype ist Symbol dafür, wie asozial und unsolidarisch und zugleich dumm und kurzsichtig die Pandemiebekämpfung auf globaler Ebene läuft. Nächste Woche werde ich mich vors Impfzentrum stellen und mich daran beteiligen.

Kommentare

Ich kann dir in allem zustimmen, Tillmann. Global gesehen ist das fleißige Boostern bei uns ungerecht und kurzsichtig. Wenn ich aber "lokal" hinschaue und sehe, wie bei uns gerade das Gesundheitssystem in die Knie geht, dann kommen wir ums Boostern nicht herum, dann ist der dritte Piks ein Akt der Verantwortung. Auch geboostert hindert uns niemand, immer und immer wieder mehr globale Solidarität in der Pandemie einzufordern. Also bitte weiter solche Kommentare!!!

Trifft zu 100% mein aktuelles Gefühlsempfinden zu dieser Thematik. Für mich dieselbe Kategorie wie das Thema Hunger auf diesem Planeten und wie viel man hier mit den Milliarden Corona-Geldern hätte helfen können, wenn die Menschheit auf globaler Ebene mehr Weitsicht und auch Rücksicht aufweisen würde.

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