Reife Leistung
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Der gemeine Russe und die Autos

Dass Starbucks und Mc Donalds in Russland schließen, ist zu verkraften. Aber nicht, dass die Autoindustrie schwächelt. Wie gut, dass sich Wladimir Putin ein paar Ideen zu deren Stärkung bei den Westeuropäern abgucken kann. Unsere Glosse.

 Wolfgang Ammer
An sich ist das bekannt: Wenn in Wirtschaftskrisen niemand mehr Autos kauft und Arbeitsplätze bei den Herstellern auf dem Spiel stehen, dann greift der Staat tief in die Tasche – notfalls in die der Steuerzahler – und schenkt den Leuten Geld für einen Neuwagen. Bemerkenswert ist allerdings, dass dies sich jetzt auch in Russland abspielt. Mit über 20 Milliarden Rubel sollen dort dieses Jahr Autokäufe subventioniert werden, weil der Absatz drastisch eingebrochen ist. Präsident Wladimir Putin selbst hat von der Regierung ultimativ einen Plan zur Rettung der heimischen Autobauer gefordert.

Der bemerkenswerte Vorgang gibt Anlass, ein paar Vorurteile zu überprüfen. Die Theorie vom Wandel durch Annäherung zum Beispiel ist verständlicherweise in jüngster Zeit schwer in Verruf geraten. Hier aber wird sie bestätigt: Die Staatenlenker in Moskau nehmen sich ein Beispiel daran, wie wir unsere Krisen bewältigen. In Deutschland hatten wir nach der Finanzkrise von 2008 die Abwrackprämie, in Frankreich gibt es seit der Corona-Krise Kaufprämien auch für Verbrenner, nun folgen die Russen unserem bewährten Rezept. Vielleicht böte der Austausch zwischen Fachleuten für Steuergeschenke sogar einen Ansatz, wieder erste zarte Gesprächsfäden nach Moskau zu knüpfen.

Festzuhalten ist auch: Der gemeine Russe – beim Auto geben überall Männer den Ton an –, der Russe also verhält sich offenbar doch nicht so ganz anders als der Westeuropäer. Die Inflation steigt, Starbucks und McDonalds schließen, mit visafreien Reisen nach Paris ist es vorbei – das ist alles verkraftbar. Doch wenn keine neuen Autos mehr gekauft werden, hört auch hier der Spaß auf. Merke: Auch in Russland ist offenbar nicht alles anders, zumindest nicht das Verhältnis zum Automobil. Ob man das tröstlich finden soll oder eher deprimierend, ist eine andere Frage. 

erschienen in Ausgabe 7 / 2022: Das Zeug für den grünen Aufbruch

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