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Rafiqul Islam Montu
Hasan Parvez (links) liefert seine Zeitung gern persönlich aus.
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Damit die entlegenen Dörfer des Unterdistrikts Sonatala im Süden Bangladeschs nicht auch von Informationen abgeschieden sind, gibt es die handgeschriebene, nach einem örtlichen Fluss benannte Zeitung „Andharmanik“. Unsere neue Folge der Serie "Was tut sich...in?".

Über viele Jahre schien West Sonatala ein Dorf am Ende der Welt zu sein. Seine Bewohnerinnen und Bewohner waren es gewohnt, weder von der überregionalen, erst recht nicht von der nationalen Regierung beachtet zu werden, ebenso wenig von den Medien. Auch Online-Nachrichten von außen drangen kaum in das Dorf, denn das Internet funktioniert in der Region nur langsam und störanfällig. 

Vor knapp vier Jahren aber ergriff Hasan Parvez die Initiative: Zusammen mit einigen Bekannten begann der Landarbeiter neben seiner normalen Arbeit aufzuschreiben, was die Menschen im Dorf bewegt. Hat sich unter den Anwohnern eine besonders glückliche oder auch traurige Geschichte zugetragen? Gibt es interessante Neuigkeiten aus der örtlichen Landwirtschaft? Wann verteilt die Regierung in der Region zum nächsten Mal Reis? Welche Covid-19-Einschränkungen gelten noch wie lange?

Dazu recherchiert Parvez‘ inzwischen zwölfköpfiges Team Informationen und schreibt sie von Hand nieder. Wann immer die Berichte vier A3-Seiten füllen, scannt Parvez sie auf dem Computer ein und druckt sie rund 1000 Mal aus. Eine Ausgabe kostet zehn Taka, was in etwa 10 US-amerikanischen Cent entspricht. Wohlhabende Förderer des Projekts geben aber zuweilen auch das 10- bis 100-fache. 

Zum Redaktionsteam gehören Landarbeiter, Kleinhändlerinnen, Fischer, Schülerinnen und auch Hausfrauen. Sie besuchen die Dörfer der Region und schreiben – auf Bengali – beispielsweise über den Zustand des Andharmanik-Flusses oder wie die Einführung neuer Landmaschinen die Arbeit der Landarbeiter erleichtert, teilweise aber auch überflüssig macht.  Ebenso geht es auch mal um einen besonders erfolgreich arbeitenden Landwirt im Dorf West Sonatala. Die Mitglieder des Redaktionsteams tun das ehrenamtlich für die Gemeinschaft – das Geld, das sie für die Zeitung bekommen, deckt gerade so die Materialkosten. 

„Seit es ,Andharmanik‘ gibt, kriege ich zum ersten Mal mit, was in unserer Gegend passiert“, erzählt der 70-jährige Abdul Hamid, der vor seinem Haus sitzt und sich die Zeitung von seiner Enkelin vorlesen lässt. Auch Sana Ullah, der seinen Lebensunterhalt mit dem Zapfen von Palmsaft verdient, und der Kleinbauer Sams Uddin blättern mit großem Interesse durch die Seiten der handgeschriebenen Zeitung. Andere, wie etwa der Landarbeiter Yusuf Ali, können das Blatt zwar selbst nicht lesen, freuen sich aber, wenn andere ihnen daraus vorlesen. 

Autor

Rafiqul Islam Montu

ist freier Journalist in Bangladesch. Er befasst sich vor allem mit Umweltthemen.

Die handgeschriebene Zeitung hilft nicht nur den Menschen der Region, sich zu informieren. Sie macht auch die Außenwelt auf die Situation der Menschen in West Sonatala aufmerksam – über Exemplare, die den Weg in die Bezirksregierung finden, und auch über die sozialen Medien, in denen immer wieder Artikel aus der Zeitung gepostet werden. Auch nichtstaatliche Organisationen erfahren auf diesem Wege von Notsituationen in West Sonatala und versuchen zu helfen. So haben einige Familien im Dorf über eine Spendenaktion von NGOs Nähmaschinen bekommen, nachdem die Zeitung über ihre finanzielle Not berichtet hatte, und können heute von ihren Näharbeiten leben. 

Seit ihrer ersten Ausgabe im Mai 2019 hat die handgeschriebene Dorfzeitung auch zahlreiche Leserinnen und Leser in den rund 50 umliegenden Dörfern der abgeschiedenen Region gefunden. „Ich hoffe, dass unser Modell im In- und Ausland Nachahmer findet und dabei hilft, Dorfgemeinschaften zu entwickeln und zu stärken“, sagt Hasan Parvez. 

Aus dem Englischen von Barbara Erbe.

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