„Wir fordern einen Waffenstillstand“

Zum Thema
Bürgerkrieg im Sudan
Viele Menschen und behelfsmäßige Zelte im Transitcenter der Grenzstadt Renk im Südsudan.
Plan International / Peter Caton
Im Transitcenter in der Grenzstadt Renk sind laut der Hilfsorganisation Plan International rund 20.000 Menschen untergebracht, davon 6.000 im Transitzentrum und 14.000 an drei Orten außerhalb des Zentrums. Weil das Camp völlig überfüllt ist, und jeden Tag neue Flüchtlinge aus dem Sudan dazu kommen, haben die Bewohner selbst behelfsmäßige Zelte gebaut.
Südsudan
Seit einem Jahr herrscht im Sudan Bürgerkrieg, viele Menschen sind in die Nachbarländer geflohen. Mohamed Kamal, Länderdirektor von Plan International im Südsudan, berichtet, wie dramatisch die Lage vor Ort ist und was er von der Weltgemeinschaft erwartet.

Mohamed Kamal ist Länderdirektor von Plan International Südsudan mit Sitz in Juba. Er ist ägyptischer Staatsbürger.

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan vor einem Jahr sind mehr als 500.000 Menschen aus dem Sudan in den Südsudan geflohen. Viele von ihnen waren seit 2013, als im Südsudan Bürgerkrieg herrschte, ins Nachbarland geflohen und kehren jetzt zurück. Doch die humanitäre Lage im Südsudan ist immer noch schlecht, oder? 
Mohamed Kamal: Ja, seit der Unabhängigkeit im Jahr 2011 hat der Südsudan eine langwierige Krise auf vielen Ebenen erlebt. Diese mündete in einen Bürgerkrieg, der 2020 mit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens beendet wurde. Allerdings hat sich seitdem die Lage nicht wesentlich verbessert. Laut dem UN-Plan für humanitäre Hilfe sind neun Millionen Menschen im Südsudan in einer kritischen Notlage. Im Südsudan gibt es 2,2 Millionen Binnenvertriebene, weitere zwei Millionen Südsudanesen waren während des Bürgerkrieges in den Sudan oder nach Äthiopien geflohen. Viele von ihnen kehren jetzt wegen des Krieges im Sudan wieder zurück. Schätzungsweise 7,1 Millionen Menschen werden in der mageren Jahreszeit von April bis Juli 2024 Nahrungsmittelhilfe benötigen, 2,5 Millionen Kinder und Frauen sind von akuter Unterernährung bedroht.

Sie haben mehrmals die Grenzübergänge besucht. Wie ist die Lage dort? 
Ich war vor Kurzem in Malakal, einem der Brennpunkte, und habe mit Regierungsbeamten gesprochen. Sie sagten mir, dass täglich 600 bis 700 Menschen die Grenze überqueren. Die Situation ist erschreckend und setzt die Regierung und die internationalen Organisationen, die ohnehin nur über sehr begrenzte Ressourcen verfügen, stark unter Druck. 

Die meisten Flüchtlinge kommen im Transitzentrum in der Grenzstadt Renk an. Wie ist die Situation dort?
Seit Anfang Mai 2023, einen Monat nach Beginn des Krieges, war Plan International an der Front und hat in Renk begonnen, Unterkünfte, Nahrungsmittel und Notdienste bereitzustellen. Der Bedarf wird jedoch immer größer, weil die Zahl der Flüchtlinge steigt. Die größten Probleme sind Unterernährung und unzureichender Zugang zu Nahrungsmitteln und Gesundheitsdiensten. Ich habe zum Beispiel eine 25-jährige Frau getroffen, die ihr Baby unter extrem schwierigen Bedingungen zur Welt bringen musste, und jetzt erhält sie nicht einmal postnatale Betreuung. Im Transitzentrum besteht ein extremer Bedarf an Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene. Und schon vor der Krise im Sudan mussten zwei Drittel der Mädchen im Südsudan vor Abschluss der Grundschule die Schule abbrechen. Stellen Sie sich vor, wie viel schlimmer die Situation jetzt nach dem Zustrom von Hunderttausenden von Flüchtlingen ist. Die Kinder benötigen dringend Kinderschutz- und Bildungsdienste. 

Bleiben die Flüchtlinge in den Lagern oder finden sie irgendwo anders im Südsudan eine Unterkunft? 
Die Glücklichsten schaffen es nach Juba, entweder mit Unterstützung der Internationalen Organisation für Migration oder anderer internationaler Organisationen. Aber überraschenderweise bleiben die meisten Flüchtlinge aus dem Sudan lieber in den Lagern oder Transitzentren, weil sie wissen, dass der Südsudan bereits in einer Krise steckt. Oder sie leben immer noch mit der Hoffnung, in den Sudan zurückkehren zu können, sobald sich die Lage verbessert. Ich glaube aber, dass der Krieg nicht aufhören wird, wenn die internationale Gemeinschaft nicht aktiv eingreift. Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand im Sudan.

Was sollte die internationale Gemeinschaft jetzt tun? 
Zuallererst bitten wir die Geber, Regierungen und die internationale Gemeinschaft, die Mittel für humanitäre Hilfe nicht zu kürzen und den Krisen im Sudan und in den Nachbarländern neue Priorität einzuräumen. Anfang 2024 haben wir die bedauerliche Nachricht erhalten, dass die Mittel für den Südsudan um fast 50 Prozent gekürzt werden könnten. Ich höre viel von Gebermüdigkeit: Es heißt, sie hätten in den letzten 12 bis 15 Jahren in den Südsudan investiert und haben nun das Gefühl, dass sich nichts verändert habe. Aber die Dinge sind ganz anders als 2011, als wir unsere Arbeit begonnen haben. Nach der Unabhängigkeit des Südsudans und während des Bürgerkriegs von 2013 bis 2018 bestand unsere Aufgabe darin, Leben zu retten, aber jetzt müssen wir Leben verändern. Wir müssen lokale Entwicklung in Angriff nehmen, wir müssen mit der Regierung zusammenarbeiten, um soziale und wirtschaftliche Reformen umzusetzen – alles mit der Vision, dass der Südsudan und Sudan in Zukunft selbstständig werden und nicht mehr auf Hilfe angewiesen sind.

Haben Sie das Gefühl, dass die westliche Welt sich nur auf die Kriege in der Ukraine und in Gaza konzentriert und dabei den Krieg im Sudan vergisst?
Wir wissen, dass es weltweit viele Krisen gibt. Wir wissen, dass die Weltwirtschaft nicht in bester Verfassung ist, aber wir müssen uns auch selbst hinterfragen: Stellen wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund oder die Menschenrechte? Ich denke, dass Regierungen weltweit, insbesondere diejenigen, die sich rechtlich, ethisch und moralisch den Menschenrechten verpflichtet fühlen wie etwa die deutsche, dem Krieg im Sudan Priorität einräumen müssen. Und damit meine ich nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Parteien und Institutionen, um sicherzustellen, dass es eine friedliche Lösung im Sudan gibt, die auch den Südsudan, Äthiopien, Zentralafrika und alle Nachbarländer betreffen wird. Glauben Sie mir: Wenn dieser Konflikt nicht dauerhaft gelöst wird, werden alle schwer davon betroffen sein. Das haben wir bei der Krise in Syrien erlebt, der zu Beginn nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Am Ende haben alle den Preis dafür gezahlt.

Was sollten andere afrikanische Länder und die Afrikanische Union tun, um zu helfen und den Krieg zu beenden? 
Ich verfolge die Nachrichten sehr genau, aber in den letzten drei bis vier Monaten habe ich nichts von echten Bemühungen gehört, dem Sudan zumindest einen Waffenstillstand aufzuzwingen. Die Welt war sehr mit dem Konflikt zwischen Israel und Gaza beschäftigt, der eine weitere humanitäre Katastrophe darstellt. Aber ich habe das Gefühl, dass die anfängliche Aufmerksamkeit für den Krieg im Sudan ohne Grund erloschen ist. In der Vergangenheit haben wir viel über die Verhandlungsbemühungen der Nachbarländer gehört, aber die beiden Parteien im Sudan hören einfach nicht auf sie. Deswegen müssen die internationalen und regionalen Mächte, einschließlich der Regierungen und der EU, ihre Bemühungen verstärken und enger mit der Afrikanischen Union und den Nachbarländern zusammenarbeiten. Ziel muss sein, einen sofortigen Waffenstillstand zu erreichen, damit Leben gerettet werden können. Sie müssen die beiden Parteien im Sudan ermutigen und irgendwann zwingen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen. Dieser Krieg muss jetzt aufhören. Andernfalls werden die Menschen im Sudan und im Südsudan ohne Hoffnung, ohne Bildung, ohne Gesundheitseinrichtungen und ohne Heimat aufwachsen.

Das Interview führte Melanie Kräuter. 

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