Auslaufmodell Klimakompensation

Klimaschutz
Einige Anbieter von CO2-Zertifikaten wollen ihren Kunden nicht mehr bescheinigen, dass Investitionen in Klimaschutzprojekte die eigenen Emissionen ausgleichen. Gut so, findet Tillmann Elliesen.

Tillmann Elliesen ist Redakteur bei "welt-sichten".

Ende Juli fliege ich in den Urlaub. Ich könnte auch über Land und über Wasser reisen, aber das dauert mir zu lange. Ich könnte den Flug kompensieren – mir also von einem Anbieter wie Atmosfair ausrechnen lassen, wie viel CO2 meine Reise verursacht und dann Geld in Klimaschutzprojekte investieren, die dieselbe Menge Treibhausgas einsparen helfen. Meine CO2-Bilanz wäre wieder ausgeglichen und mein Gewissen beruhigt. 

Allerdings habe ich dieser Art Klimakompensation noch nie getraut. Denn seit vor rund einem Vierteljahrhundert die ersten Kompensationsgeschäfte auf dem sogenannten freiwilligen Markt getätigt wurden, stehen sie in der Kritik. So gab es von Beginn an Zweifel, dass sich hinreichend genau ausrechnen lässt, wie viel CO2 etwa ein Forstprojekt in Kamerun oder die Ausstattung von Familien im ländlichen Bangladesch mit effizienten Kochöfen einspart – ob also tatsächlich die eigenen Emissionen in voller Höhe ausgeglichen werden.

Die Bedenken, ob Kompensation zum Klimaschutz beiträgt, sind mittlerweile so groß, dass sich Anbieter von Emissionszertifikaten wie MyClimate oder die von kirchlichen Organisationen getragene Klima-Kollekte von diesem Geschäftsmodell verabschieden. Sie werden ihren Kunden – vor allem Unternehmen, die ihre Klimabilanz verbessern wollen – bald nicht mehr so wie bisher bescheinigen, dass ihre Investition in ein Klimaschutzprojekt irgendwo auf der Welt die eigenen Emissionen ausgleicht.

Skandale um fragwürdige Projekte

Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind da die vielen Skandale um fragwürdige Projekte auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt – etwa die Enthüllung Anfang 2023, dass neun von zehn Waldschutzzertifikaten des Marktführers Verra wertlos waren, weil die Projekte viel weniger CO2 eingespart haben als behauptet. Zum anderen hat sich der internationale Klimaschutz mit dem Paris-Abkommen von 2015 völlig verändert: Seitdem müssen nicht mehr nur die alten Industrieländer ihre Emissionen reduzieren und darüber Buch führen, sondern alle Staaten. Kamerun und Bangladesch etwa rechnen sich die eingesparte Menge CO2 aus der Aufforstung oder aus verbesserten Kochöfen nun selbst an. Auf dem freiwilligen Markt kann sie deshalb nicht mehr gehandelt werden, weil sie sonst doppelt gezählt würde. 

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Hinzu kommen politische Initiativen etwa der Europäischen Union sowie Gerichtsurteile wie unlängst das gegen den Süßigkeitenhersteller Katjes, die es Unternehmen schwerer machen zu behaupten, sie seien „klimaneutral“, bloß weil sie anderswo CO2-Zertifikate gekauft haben. Die Klimakompensation bekommt dadurch auch in der Geschäftswelt einen zweifelhaften Ruf.

Die Anbieter der Zertifikate betonen seit jeher, Kompensation sei keine Alternative zur Reduzierung von Treibhausgasen, sondern nur für eine Übergangszeit akzeptabel, um sogenannte „nicht vermeidbare“ Emissionen auszugleichen. Allerdings erlaubt es die Kompensation, diese Übergangszeit mit gutem Gewissen beliebig auszudehnen. Es ist höchste Zeit, dass das künftig nicht mehr möglich ist, denn der Treibhausgasausstoß muss jetzt und überall reduziert werden, wenn die Erderhitzung nicht außer Kontrolle geraten soll. Es gibt keinen Spielraum mehr für Kompensation.

Den freiwilligen Markt ehrlicher machen

Statt einen angeblichen CO2-Ausgleich wollen Anbieter wie die Klima-Kollekte und MyClimate ihren Investoren deshalb demnächst nur noch bescheinigen, dass sie ein Klimaschutzprojekt unterstützt haben. Ein Unternehmen oder ein Flugreisender kann sich das dann nicht mehr auf die individuelle CO2-Bilanz anrechnen, hat aber zum globalen Netto-Null-Ziel beigetragen. Das würde den freiwilligen Markt ehrlicher machen. Denn es würde nicht mehr wie bisher darum gehen, dem Kunden eine möglichst hohe und möglichst kurzfristige CO2-Einsparung anzubieten, die er sich dann selbst anrechnet. Fragwürdige Berechnungen zu diesem Zweck wären nicht mehr nötig. Das böte zudem die Chance, dass anspruchsvollere Projekte mit längerfristiger Wirkung, etwa der Umbau der Energieversorgung in einem Land, mehr Geld aus freiwilligem Klimaschutz abbekommen. 

Der Abschied von der Kompensation könnte den Markt unattraktiver machen, fürchten einige Anbieter von Emissionszertifikaten. Investoren, die lediglich ihre eigene Klimabilanz aufhübschen wollen, könnten tatsächlich das Interesse verlieren. Seriöse Anbieter sind indes zuversichtlich, dass weiterhin Geld für sinnvolle Projekte fließen wird. Wer wie ich in den Urlaub fliegt, obwohl er das klimapolitisch fragwürdig findet, dem bleibt ohne Kompensation zwar nur noch, sich ordentlich zu schämen. Aber für den Klimaschutz kann man ja trotzdem weiter spenden.

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"Wer wie ich in den Urlaub fliegt, obwohl er das klimapolitisch fragwürdig findet, dem bleibt ohne Kompensation zwar nur noch, sich ordentlich zu schämen. Aber für den Klimaschutz kann man ja trotzdem weiter spenden."
Und: Werden Sie es tun? Ich hoffe es. Denn jeder und jede ist aufgerufen, seinen Lebensstil zu ändern oder zumindest einen halbwegs angemessenen Preis dafür zu zahlen. Denn die Schäden entstehen und werden der Allgemeinheit einfach aufgezwungen.

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