Monokulturen und viel Chemie

Ecuadors Landwirtschaft ist auf den Export ausgerichtet, zum Beispiel von Bananen, Blumen oder Kaffee. Viele Kleinbauern dagegen können kaum von dem leben, was ihre Böden hergeben oder die Exportbetriebe ihnen an Löhnen zahlen. Laut der Verfassung soll Ecuador zwar auf eine ökologische Landwirtschaft setzen und sich selbst versorgen können. Doch die Regierung fördert vor allem die Agrarindustrie.

„Die dem Äquator nahe Gebirgsgegend ist der Teil der Oberfläche unseres Planeten, wo im engsten Raume die Mannigfaltigkeit der Natureindrücke ihr Maximum erreicht“, notierte Alexander von Humboldt während seiner Südamerika-Expedition um 1800. Mehr als 200 Jahre später gilt das in manchen Gegenden Ecuadors noch heute. Gute Böden bringen reiche Ernten und lassen den Anbau vieler Sorten zu. Allerdings gibt es auch immer mehr Menschen, die von jener Mannigfaltigkeit leben müssen. Und in den fruchtbaren Gegenden weicht die Vielfalt zunehmend der Monokultur.

Ermelinda Gualavisi hatte Glück. Vor 20 Jahren kauften die 55-Jährige und ihr Mann in der Nähe der Stadt Cayambe im Norden Ecuadors auf 1800 Metern Höhe vier Hektar Land. Seitdem hat sich der Wert des Grundstücks vervielfacht. Das liegt nicht daran, dass Familie Gualavisi ihren Boden mit Mischanbau und sechs Kühen gut bewirtschaftet und mittlerweile den Überschuss an Milch, Obst und Gemüse verkaufen kann. Der Grund für die steigenden Flächenpreise ist zu sehen, wenn man vom Hang der Gualavisis auf die andere Talseite schaut. Dort wurden seit den 1980er Jahren immer mehr Gewächshäuser aufgestellt, in denen Schnittblumen für den Export angebaut werden. Das hat Jobs gebracht und die Armut in der Gegend reduziert. Aus anderen Landesteilen zogen Menschen zu, um unter den Plastikdächern Geld zu verdienen. Auch die Gualavisis begannen für einen Blumenproduzenten zu arbeiten. Doch während Politiker und Blumen-Unternehmen die Einkommenschancen für die Menschen betonen, wächst bei nichtstaatlichen Organisationen der Unmut über die Industrie.

„Der Chemikalien-Einsatz schädigt Böden und Arbeiter und vergiftet das Grundwasser. Pestizide, Herbizide, Fungizide – die Blumen werden mit toxischen Cocktails gepäppelt“, beklagt Patricia Yaselga, Leiterin der Organisation SEDAL, die sich für Bauern und Frauen einsetzt. Atemwegsbeschwerden seien verbreitet unter den Arbeitern, auch Krebserkrankungen nähmen zu. Dazu kommt, dass infolge der Wirtschaftskrise in den Industrieländern der Blumenexport um 30 Prozent eingebrochen ist. Einige Treibhäuser in Cayambe liegen seitdem brach, viele Arbeiter wurden entlassen. Auch die Gualavisis hat es getroffen: Wenn sie sich auf ihre Jobs verlassen und das eigene Land verkauft hätten, ständen sie heute vor dem Nichts. Denn neues Land könnten sie nicht mehr bezahlen. Und die brachliegenden Blumen-Gewächshäuser sind für den Anbau von Gemüse und Obst nicht mehr nutzbar; der Boden ist zu stark verseucht. „Nie würde ich unser Land verkaufen“, sagt Ermelinda Gualavisi.

Das ist weitsichtig, denn fruchtbarer Boden bedeutet im agrarisch geprägten Ecuador wirtschaftliche Sicherheit. Jeder vierte Ecuadorianer lebt von der Landwirtschaft. Doch der Besitz ist selbst für lateinamerikanische Verhältnisse extrem ungleich verteilt. Zwar wurden 1964 und 1973 im Zuge von Landreformen mehrere 100.000 Hektar an Kleinbauern verteilt. Allerdings gelang es den Großgrundbesitzern in der Regel, die besten Flächen zu behalten. Das meiste Land wurde im Hochland vergeben, oft in Höhen, in denen nicht mehr viel wächst. Laut dem letzten Agrarzensus aus dem Jahr 2000 sind knapp zwei Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe oder Bauernhöfe in Ecuador kleiner als fünf Hektar. Die Kleinbauern verfügen nur über gut sechs Prozent des gesamten landwirtschaftlich nutzbaren Landes in Ecuador. Im Gegensatz dazu besitzen die Großbetriebe, die nicht einmal ein Prozent der Landbesitzer ausmachen, knapp ein Drittel des Nutzlandes.

Ein Hochtal westlich der Stadt Latacunga ist so eine Gegend, in der viele Bauern auf kargen Böden kaum mehr als fünf widerstandsfähige Feldfrüchte anbauen können und Familien mit sechs oder acht Kindern oft nur einen halben Hektar besitzen – weniger als ein halbes Fußballfeld. Die Kleinbauern müssen darauf hoffen, dass in den drei bis fünf Monaten mit Niederschlägen genug wächst, um Vorräte anzulegen. Die meisten Leute wissen nicht, wie man eine effektive Fruchtfolge betreibt. Auch natürliches Düngen und Kompostwirtschaft sind wenig verbreitet, obwohl die Kleinbauern seit Generationen auf dem Land leben. Wie kann das sein? Experten erklären, dass die Eltern jener Bauern noch auf den Haciendas gearbeitet und gewohnt haben. Dort wurde nicht nach nachhaltigen und ökologischen Kriterien angebaut. Zudem sei in den vergangenen Jahrzehnten wertvolles Wissen verloren gegangen, weil viele die eigenen Felder brach liegen ließen.

Viele Männer folgen den Verlockungen der Lohnarbeit und pendeln in niedriger gelegene Gegenden, um in der Blumenindustrie oder in Steinbrüchen zu arbeiten. Rund zwei Drittel der Männer im Hochtal von Pujilí kommen nur gelegentlich am Wochenende zu ihrer Familie. Sie bringen etwas Geld mit, aber auch Alkoholprobleme oder übertragbare Krankheiten. Den bescheidenen Verdienst investieren manche in Fertigprodukte wie Dosenthunfisch oder Suppenpulver. Solche Lebensmittel gelten als modern und schick und sollen Wohlstand suggerieren. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Das Geld reicht in kaum einer Familie bis zum Monatsende.

Laut der neuen Verfassung, der die Ecuadorianer 2008 mit großer Mehrheit zugestimmt haben, soll der Staat die Unabhängigkeit von Nahrungsmittelimporten fördern. In der Verfassung ist ein indigenes Konzept verankert – das „Buen Vivir“ oder „sumak kawsay“ –, das den Ausgleich von Mensch und Natur vorsieht. Es umfasst das Recht der Ecuadorianer auf gesunde Nahrungsmittel, die hauptsächlich lokal produziert werden. Doch nach wie vor muss Ecuador das Gros der Grundnahrungsmittel im Ausland kaufen.

Dabei könnten importierte Güter wie Mais, Hafer, Weizen und Linsen auch im eigenen Land produziert werden, kritisiert FENOCIN, ein landesweiter Verband von Kleinbauern, Indigenen und Schwarzen. Doch dafür müsse in die ländliche Infrastruktur für Kleinbauern und mittelgroße Betriebe investiert werden. Es fehle an Bewässerung, Silos und Kleinkrediten. Die Organisation erkennt zwar an, dass die Regierung bemüht ist, die ländliche Entwicklung voranzutreiben und lokale Vertriebsstrukturen aufzubauen. Trotzdem werfen sie ihr vor, die neue Verfassung nicht umzusetzen wie versprochen. FENOCIN und andere große Indigenen- und Bauernorganisationen wie CONAIE sind mittlerweile von Präsident Rafael Correa enttäuscht und haben erklärt, ihn nicht mehr unterstützen zu wollen. Correa zog Unmut auf sich, als er mit seinem Veto einen Passus in der Verfassung verhinderte, dem zufolge Nahrungspflanzen nicht zu Kraftstoffen verarbeitet werden dürfen. Zudem werfen die Organisationen dem Präsidenten vor, die Privatisierung von Wasser ermöglichen zu wollen und damit ein Prinzip des „Buen Vivir“ zu verletzen. Correa bestreitet das, doch die Organisationen bezeichnen ihn dennoch als „neoliberal“ – in Lateinamerika ein besonders schlimmes Schimpfwort.

Der Ärger von FENOCIN und anderen Organisationen ist zum Teil verständlich, schließlich hatte Präsident Rafael Correa ihnen vor den Wahlen 2006 schriftlich zugesichert, die Kleinbauern zu stärken. Allerdings müssen sich auch die Kritiker Kritik gefallen lassen. Ihre Forderungen sind zum Teil überzogen. So hatte Correa vorgeschlagen, ein Gremium zur Wassernutzung zur Hälfte mit Vertretern der Zivilgesellschaft zu besetzen. Den Organisationen reichte das nicht, sie lehnten den Vorschlag ab. Frank Braßel vom Agrarforschungszentrum SIPAE in Quito sagt, die Organisationen hätten außerdem keine Konzepte, wie die Agrarindustrie des Landes für die Arbeiter und Kleinbauern verträglicher gestaltet werden könnte. Auch die Wertschöpfung in der Landwirtschaft wird von den Bauernorganisationen bislang kaum gefördert. Dabei wäre es nicht schwierig, etwa aus Früchten Marmelade herzustellen und damit mehr zu verdienen als mit dem Verkauf der Früchte.

Alexander Schneider, der für das Hilfswerk „Brot für die Welt“ für Projekte zur Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft in Ecuador zuständig ist, sieht wie die Bauernorganisationen vor allem die Regierung in der Pflicht: „Die Verfassung ist ein partizipatives Machwerk mit wohlklingenden Absichtserklärungen. Wenn die Regierung aber bei der Umsetzung nicht noch die Kurve kriegt, hat das mit großen Erwartungen begonnene Projekt der Reformen wenig Aussicht auf Erfolg.“ Dann nähmen die wirtschaftlichen Nachteile für die Kleinbauern und Umweltschäden durch die Ausbreitung von Monokulturen weiter zu, befürchtet Schneider. Das dringlichste Problem bleibe die ländliche Armut, die zum Beispiel an Ecuadors Küste nicht zu übersehen ist. Dort betreiben die großen, oft ausländischen Firmen ihre Plantagen. Angebaut werden Cash Crops für den Export: Kakao, Kaffee und natürlich Bananen, denn Ecuador ist der größte Bananen-Exporteur der Welt.

Wer ins Umland der Küstenstadt Machala reist, kann sich davon überzeugen. Auf einer Fläche, die fast so groß ist wie das Saarland, erstrecken sich die Bananenplantagen entlang der Küste. Ein knappes Drittel der Bananen auf dem Weltmarkt kommt von hier. Rund 400.000 Familien oder zwei Millionen Ecuadorianer leben vom Anbau der Frucht. Wer auf den Plantagen von Obst-Multis wie Del Monte oder Chiquita arbeitet, verdient jedoch kaum genug, um die Familie zu ernähren. In der Regel zahlen die Firmen zwar den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 240 US-Dollar im Monat. Allerdings braucht man für ein würdiges Leben in Ecuador ungefähr das Doppelte, monieren Kritiker.

Immerhin wird noch mehr als die Hälfte der ecuadorianischen Bananen von Kleinbauern produziert. Doch der Bananenpreis wird von den großen Exportbetrieben bestimmt, und zu deren Kosten können die Kleinbauern einfach nicht arbeiten. Zudem schöpfen Zwischenhändler einen Teil des Umsatzes ab. Die Kleinproduzenten stehen am Ende dieser Kette und kehren die finanziellen Krumen des Geschäfts zusammen. Sie haben oft nicht einmal das Geld, um ihren Nachwuchs länger als fünf Jahre zur Schule zu schicken. Viele Kinder und Jugendliche schuften stattdessen täglich auf Märkten oder auf den großen Bananenplantagen, weil sie zum Einkommen der Familien beitragen müssen – ein Kreislauf der Armut. Zwei Drittel der Bevölkerung in der Küstenprovinz El Oro gelten als arm, in manchen Gegenden sind es vier von fünf Menschen. Ein Ausweg sind biologisch hergestellte und fair gehandelte Bananen, die den Bauern zu einem konstanten Preis abgenommen werden. Bisher profitieren allerdings nur wenige davon.

Auch Familie Cerezo bekommt für ihre Bananen einen fairen Preis, ist davon allein aber nicht mehr abhängig. Ihre immerhin acht Hektar haben die Cerezos konsequent auf biologischen Anbau umgestellt. So könnte das aussehen, was die Verfassung als „Buen Vivir“ bezeichnet. Es gibt Felder mit Bananen und Kakao. Schädlinge verscheucht die Familie mit einem Gemisch aus Chilis und Knoblauch. Ein Komposthaufen und Gülletanks liefern Nährstoffe für den Boden. Und der dankt es den Cerezos, denn es gibt kaum eine Frucht, die nicht gedeiht in der feucht-heißen Gegend. Die Familie erntet Mangos, Papayas, Ananas, Guaven, Orangen, Limetten, Zitronen und Kokosnüsse. Dazu kommt Gemüse. Hühner picken mit ihrem Nachwuchs zwischen zwei Bächen, Enten schnattern im Freigehege. „Und da hinten ist unsere Lebensversicherung“, lacht Hugo Cerezo und präsentiert die Schweine. „Das hier ist mehr als 300 US-Dollar wert“, schätzt der 63-Jährige und zeigt auf ein hüfthohes Tier, das gut fünf Zentner auf die Waage bringt.

Im Vergleich zu vielen anderen Familien in der Region haben es die Cerezos zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Und sie zeigen, was sich aus einer Landwirtschaft machen lässt, die nicht nur auf Monokulturen und Exportprodukte setzt, sondern auf die „Mannigfaltigkeit der Natureindrücke“, von der Alexander von Humboldt schon vor 200 Jahren bei seiner Südamerika-Reise geschwärmt hat.

 

erschienen in Ausgabe 7 / 2010: Andenländer, alte Kulturen neue Politik