Nieren für die reichen Kranken

Rund um den Globus haben sich internationale Netzwerke des Organhandels entwickelt. Die Nachfrage todkranker Menschen aus reichen Industrienationen nach einer Transplantation trifft auf das Angebot von Armen, die sich bescheidenen Wohlstand erhoffen, wenn sie eine Niere verkaufen. Sie tun das häufig freiwillig, sehen sich aber dann um ihre Gesundheit und ihren Lohn betrogen. Zwischenhändler treten oft als altruistische Vermittler auf, die sowohl Gebern als auch Empfängern von Nieren ein besseres Leben versprechen. Die Trennlinien zwischen Geschenk, Verkauf und Diebstahl sind fließend. In der Regel bleiben solche Transaktionen unentdeckt und unbestraft.

Die globalisierte Wirtschaft hat die idealen Voraussetzungen für eine früher unvorstellbare Mobilität geschaffen: Todkranke sowie Anbieter von gesunden Organen reisen rund um die Welt. So entstehen neue Netzwerke des internationalen Organhandels, der wie jedes andere Gewerbe von Angebot und Nachfrage bestimmt ist. Das weltweite Transplantationsgeschäft stützt sich im Wesentlichen auf vier Gruppen: Patienten, die bereit sind, weite Reisen zu unternehmen und sich beträchtlichen Risiken auszusetzen; verelendete, aber mobile Anbieter von Organen; skrupellose Chirurgen, die bereit sind, gegen die Gesetze und die Prinzipien ihrer Berufsethik zu verstoßen; und schließlich Organhändler mit den notwendigen Kontakten zum organisierten Verbrechen, zur Polizei und zu korrupten Ärzten.

Die Mittelsmänner – manchmal sind das die Transplantationschirurgen selbst – organisieren die Reisen, die Dialysepatienten aus Japan, Italien, Israel, Kanada, den USA und Saudi-Arabien mit den Leuten zusammenbringen, von denen sie eine lebensrettende Niere kaufen können. Das sind etwa besitzlose Bauern aus Moldawien und Rumänien, türkische Drogenhändler, palästinensische Flüchtlinge, desertierte Soldaten aus dem Irak und Afghanistan, arbeitslose Hafenarbeiter aus den Slums von Manila und schwarze Brasilianer aus den Favelas im Nordosten des Landes. In vielen Ländern sind Interessenverbände von Transplantationspatienten und religiöse Gruppen entstanden, die freien Zugang zu Transplantationen und zu den lebensrettenden Organen anderer Menschen fordern. Sie tun so, als ob es sich dabei um einen moralischen Kreuzzug handle, und rechtfertigen die Organentnahme bei anonymen „Spendern“ damit, dass auf diese Weise Leben gerettet werden.

Hinter manchen dieser Verbände verbirgt sich jedoch das internationale Netzwerk des illegalen Organhandels. „United Lifeline“ (Kav L’Chaim) in Israel beispielsweise, nach außen hin eine religiöse Wohltätigkeitsorganisation, half nicht nur kranken Israelis, für illegale Transplantationen im Ausland Geld aufzutreiben, sondern war auch mit Geldwäsche befasst. Sie verfügte über Untergruppen in New York City, New Jersey, Philadelphia und Los Angeles. Im Juli 2009 wurde Rabbi Isaac Rosenbaum, einer der Mittelsmänner in Israel, mit Unterstützung der nichtstaatlichen Organisation „Organs Watch“ festgenommen.

Autorin

Nancy Scheper-Hughes

ist Professorin für medizinische Anthropologie an der Universität Kalifornien und Gründerin der Organisation „Organs Watch“, die sich mit den Menschenrechten auf dem Gebiet der Medizin beschäftigt.

Illegale Transplantationen setzen die Zusammenarbeit eingespielter Teams voraus – nicht nur von Medizinern. Auch die Reisen, Pässe und Visa müssen organisiert werden. Für die gesamte Planung und Koordination sind in vielen Teilen der Welt professionell arbeitende kriminelle Organisationen zuständig, zu denen auch „Tranplantations-Reisebüros“ gehören. Sie werden von smarten Geschäftsleuten geleitet, die mit Chirurgen, Krankenhausverwaltern, Krankenversicherungen, Reiseagenturen, Organvermittlern und einheimischen Gangstern zusammenarbeiten.

Kriminelle Chirurgen nehmen ihre illegalen Eingriffe in angemieteten Klinikabteilungen vor, oft aber auch in den Operationssälen der besten öffentlichen oder privaten Krankenhäuser. Und sie tun das unter den Augen von regionalen und nationalen Regierungen, Gesundheitsministerien, Aufsichtsgremien und Ärztekammern. Der illegale Transplantationstourismus ist ein offenes Geheimnis, und doch bleiben diese gesetzwidrigen Operationen oft unentdeckt und ungeahndet.

Da Organhandel nicht öffentlich stattfindet, lässt sich nicht mit Gewissheit angeben, wie viele Menschen jedes Jahr ihrer Nieren wegen zum Handelsobjekt werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass jährlich etwa 70.000 Nieren verpflanzt werden. Mindestens 20.000 davon stammen von Lebendspendern, die ihre Organe teils aus altruistischen und teils aus finanziellen Motiven zur Verfügung stellen. Nach einer vorsichtigen Schätzung von „Organs Watch“ werden jedes Jahr zwischen 7000 und 10.000 Nieren über kommerzielle Vermittler verkauft. Demnach handelt es sich um ein relativ überschaubares Problem; es ließe sich bewältigen, wenn der politische Willen dazu vorhanden wäre.

Wir haben viele Geschichten über die schmutzigen Tricks, Drohungen und Misshandlungen dokumentiert, mit denen Vermittler in Osteuropa, Israel und selbst in den USA ihre Geschäfte betreiben. Der Anthropologe Lawrence Cohen ist bei seinen Recherchen in Indien und bei Gesprächen mit indischen Gastarbeitern im Ausland auf Geschichten von bewusster Täuschung und „Nierendiebstahl“ gestoßen. Trotzdem scheint bei der Organvermittlung in Indien, Pakistan und anderen asiatischen Ländern überwiegend eine Mischung aus aktiver Anwerbung und Drohungen benutzt zu werden. Dabei gehen die letzteren weniger von den Mittelsmännern selbst aus als von Geldverleihern: „Haben Sie keine Niere? Dann verkaufen Sie sie und zahlen Ihre Schulden!“ In den vergangenen Jahren sind an die Stelle brutaler Praktiken etwas humanere Methoden getreten, bei denen mehr Rücksicht auf das Wohlergehen der Nierenverkäufer genommen wird.

40 Männer aus der moldawischen Hauptstadt Chisinau und verschiedenen Dörfern, die eine Niere verkauft hatten, erzählten uns vor einigen Jahren, sie seien getäuscht, körperlich bedroht und in ihren Unterkünften zwangsweise festgehalten worden. Sie hätten nicht genug zu essen bekommen, man habe sie geschlagen und ihnen die Ausweise weggenommen. Als wir 2009 noch einmal nach Moldawien reisten, erfuhren wir, dass mehrere unserer damaligen Gesprächspartner gestorben oder verschwunden waren. Manche hatten Selbstmord begangen, bei anderen hatte die verbleibende Niere versagt, und manche wurden gar von aufgebrachten Nachbarn erschlagen, weil sie ihrer Meinung nach den Ruf des Dorfes ruiniert hatten.

In Moldawien nutzten Mittelsmänner dieselben Taktiken, mit denen sie zuvor Frauen aus den gleichen verarmten Dörfern für die Prostitution angeworben hatten. Sie wandten sich an arbeitslose Jugendliche oder Familienväter, die Schulden hatten oder dringend Geld für die aufwändige Behandlung kranker Angehöriger brauchten, und boten ihnen Arbeitsmöglichkeiten im Ausland an, besonders in der Türkei und in geringerem Umfang auch in Estland, Georgien oder in Russland. Bei den Jobs handelte es sich angeblich um Arbeit im Baugewerbe, um Anstreicher- und Gipserarbeiten oder um Tätigkeiten in Hotels, Lebensmittelgeschäften, Restaurants und Reinigungen.

Die jungen Männer wurden, wenn sie an ihrem Bestimmungsort ankamen, in geheime Unterkünfte gebracht. Ihre Ausweispapiere wurden konfisziert, so dass sie vollständig von den Mittelsmännern abhängig waren. Erst ein paar Tage später teilten einheimische Kontaktpersonen ihnen mit, dass sie keine Häuser streichen oder Hosen bügeln sollten, sondern eine Niere hergeben. Wer darüber schockiert war und sich weigerte, wurde mit Drohungen unter Druck gesetzt: Wenn sie Schwierigkeiten machten, würden sie ihre Dörfer möglicherweise niemals wiedersehen. Das wirkte. „Ja, ich habe mitgemacht“, sagte mir ein junger Mann, der nach Istanbul gebracht worden war. „Wenn dieser krumme Hund von einem Chirurgen meine Niere nicht bekommen hätte, würde meine Leiche inzwischen irgendwo im Bosporus schwimmen.“

Häufiger als der erzwungene Verkauf von Organen sind jedoch Geschichten von Zwischenhändlern, die als altruistische Vermittler auftreten und sowohl Gebern wie Empfängern der Nieren ein besseres Leben versprechen. Weltweit werden vor allem Personen, die sich in einer besonderen Notlage befinden, für diesen Handel gewonnen. Wenn Druck ausgeübt wird, geschieht das auf subtile und kaum wahrnehmbare Weise. Viele der jungen Spender stammen etwa aus Manilas Stadtteil Baseco, der als Bezugsquelle für Nieren berüchtigt ist und deshalb auch als „Stadt der Nieren“ bezeichnet wird. In dem sumpfigen, am Hafen aufgeschütteten Gebiet leben dicht gedrängt mehr als hunderttausend Menschen in unvorstellbarer Armut. Hier werden Männer und vereinzelt auch Frauen von Vermittlern angeworben, die zu ihrer eigenen Sippe gehören und ihnen durch Verwandtschaft oder Heirat verbunden sind. Manchmal sind sie ihnen auch als Pflegekinder anvertraut worden.

Ray Arcella, einen bekannten Mittelsmann aus Baseco, sah man häufig den Arm um einen oder mehrere seiner jungen Spender-Kandidaten legen, von denen manche ihn als ihren Onkel oder Paten bezeichneten. Früher hatten die Menschen in den Slums am Hafen von Manila mit dem Be- und Entladen der Schiffe ihren Lebensunterhalt verdient, aber seit der Transport auf Container umgestellt worden war, fanden sie keine Arbeit mehr. Deshalb erklärte der „liebe Onkel“ Ray seinen zahlreichen „Cousins“ und „Neffen“, der Verkauf einer Niere sei die beste Art, ihre Familien zu unterstützen. Bei solchen scheinbar einvernehmlichen Transaktionen wirken Zwang, Betrug und Manipulation im Verborgenen.

Tatsächlich nehmen die meisten Nierenspender weltweit zunächst freiwillig an dieser Form des Menschenhandels teil. Dass sie entgegen den – stets mündlich getroffenen – Absprachen getäuscht und betrogen wurden, erkennen sie erst später. Wenige sind so gut informiert, dass man von einer wirklichen Zustimmung sprechen könnte. Die meisten verstehen nicht, wie schwerwiegend der Eingriff ist, unter welchen Bedingungen sie vor und nach der Operation untergebracht werden und welche Unannehmlichkeiten sie dabei auf sich nehmen müssen. Und sie wissen auch nicht, dass sie ihrer meist körperlich belastenden regulären Arbeit danach zunächst nicht mehr nachgehen können.

In wie vielen Fällen man dabei von Menschenhandel sprechen muss, hängt davon ab, wie man die Lebensumstände der Nierenspender, den indirekt ausgeübten Zwang und die unfairen Konditionen der Transaktion bewertet. Im Oktober 2003 führten verdeckte Ermittlungen der brasilianischen Bundespolizei zur Verhaftung von elf Mitgliedern einer Nieren-Gang in Recife. Das Gericht wandte ihnen gegenüber die Definition für Menschenhandel der entsprechenden UN-Konvention an, des sogenannten Palermo-Protokolls. Demnach gilt als Menschenhandel die Vermittlung von Menschen „zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Zwangsarbeit, Sklaverei, Leibeigenschaft oder der Entnahme von Körperorganen“. Ferner umfasst Menschenhandel „die Anwerbung von Personen mit kriminellen Methoden oder durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit“. Nach dieser Definition fällt fast jede Anwerbung von Nierenspendern unter die Kategorie Menschenhandel.

Laut unseren Untersuchungen sind die Nierenspender in der Regel arm und wehrlos, oft auch entwurzelt wie Flüchtlinge, Arbeitsmigranten und Einwanderer und marginalisiert wie Schuldner, ehemalige Strafgefangene oder Psychiatriepatienten. Manche Spender aus den Slums von Manila waren Teenager, die von ihren Mittelsmännern dazu angehalten wurden, falsche Namen anzugeben und sich ein paar Jahre älter zu machen, damit sie von den interessierten Medizinern nicht abgelehnt würden. Junge Schulabgänger ohne Zukunftsaussichten waren auch in den moldawischen Dörfern eine bevorzugte Zielgruppe der Nierenhändler. Mehrere Nierenspender, die ich in der Türkei, in Israel, Manila und Brasilien befragte, waren geistig behindert und verstanden nicht richtig, worauf sie sich eingelassen hatten. „Wissen Sie eigentlich, wofür die Niere da ist?“, fragte ich einen Neunzehnjährigen in Baseco, der soeben in den Verkauf eingewilligt hatte. „Nein“, antwortete er, „aber Onkel Ray hat mir erklärt, dass ich zwei davon habe und dass es für meine Gesundheit besser ist, wenn ich eine davon loswerde.“

Aus gutem Grund zählt das Palermo-Protokoll auch diejenigen zu den Opfern des Menschenhandels, die sich freiwillig an diesen illegalen Geschäften beteiligen. Tatsächlich werden die meisten Opfer nicht mit Drohungen oder Gewalt dazu gezwungen, sondern durch die Notlage, in der sie sich befinden, und durch verlockende Angebote, die sie in ihrer Situation nicht ablehnen können. Manche zahlen sogar beträchtliche Summen dafür, dass sie an dem Geschäft teilnehmen dürfen.

Dennoch unterscheiden sich die Organhändler im Hinblick auf ihre Ziele von anderen Menschenhändlern, die Sex oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse vermitteln. Die meisten Formen des Menschenhandels fallen unter die Kategorie, die der Wirtschaftswissenschaftler Jagdish Bhagwati als „verwerflichen Handel“ bezeichnet, weil dabei etwas Schlechtes angeboten wird – so bei Kokain, Waffen oder Prostitution. Beim Handel mit Nieren geht es dagegen um Höheres, um die Rettung von Menschenleben durch Organverpflanzung. Und im Unterschied zu anderen Formen des Menschenhandels, bei denen nur Leute aus kriminellen Milieus zusammenwirken, sind die Beteiligten am Organhandel zum Teil seriös und gut situiert.

Der höhere Zweck der Transaktion trägt vielfach dazu bei, die Menschenhändler zu rechtfertigen, zu decken und zu schützen. Weil der Organhandel der Rettung von Leben dient und nicht dem „Bösen“ wie der Handel mit Drogen oder Waffen, wollen selbst Juristen nicht unbedingt zugeben, dass damit ein gewaltiger Schaden für benachteiligte Bevölkerungsgruppen, für den Berufsstand der Mediziner und für die Gesellschaft insgesamt einhergeht.

Problematisch ist zudem, dass viele Spender den Verkauf leugnen. Sie sagen, dass sie zwar ohne eine finanzielle Entschädigung für einen Fremden nie eine Niere geopfert hätten. Doch da es sich bei einem nicht erneuerbaren Teil des Körpers um etwas Unbezahlbares handle, könne man bei dem geringen Betrag, den sie bekommen haben, nicht von einem Verkauf sprechen. So lässt sich bei diesen informellen Transplantationsgeschäften nicht mehr ohne weiteres zwischen Geschenk, Ware und Diebstahl unterscheiden.

Häufig spielen die Nierenspender das Trauma, das sie erlebt haben, um ihrer Mannesehre willen herunter. Manche Spender aus Moldawien bestreiten, dass es sich um einen Verkauf gehandelt habe, weil die Terminologie des Menschenhandels sie allzu sehr mit weiblichen Prostituierten gleichsetzt, und ein solches Stigma könnten diese Männer nicht ertragen. Andere Spender dagegen sind völlig auf den Nierenverkauf fixiert, und alles Negative, das ihnen davor oder danach zugestoßen ist, erklären sie damit, dass sie diese eine „Dummheit“ begangen haben und dass sie von den „Gangstern“, wie manche Leute in den moldawischen Dörfern die Nierenjäger nennen, missbraucht wurden.

Doch gibt es auch Gegenden wie die Arbeiterviertel in der Nähe des internationalen Flughafens von Recife, in denen die Nierenspender auf ihr Abenteuer stolz sind, obwohl sie es nicht zu Wohlstand gebracht haben. Sie sind dankbar für die Reise, die sie aus den öden Slums und der chronischen Unterbeschäftigung herausgeführt hat. Sie freuen sich, dass sie mit dem Flugzeug bis nach Durban in Südafrika gekommen sind und die Welt sehen durften – zumindest aus dem Fenster ihres kleinen Zimmers im St. Augustin-Krankenhaus, wo sie um eine Niere erleichtert wurden. 

Aus dem Englischen von Anna Latz.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware