Was sind wir wert?

Ob Straßenverkehr, Umweltschutz oder Gesundheitswesen: Immer mehr Entscheidungen für Investitionen werden aufgrund von Kosten-Nutzen-Rechnungen getroffen, in die Annahmen über den monetären Wert von Menschenleben einfließen. Dessen Berechnung trug zum Ende des 19. Jahrhunderts zwar dazu bei, Sozial- und Bildungsausgaben zu rechtfertigen, leistete aber auch der Rassenhygiene Vorschub. Zur Unantastbarkeit der Menschenwürde stehen solche Kalkulationen in tiefem Widerspruch.

Der Wert eines Menschenlebens lässt sich in Geld berechnen. Erste Hinweise auf diesen Gedanken stammen aus der knapp viertausend Jahre zurückliegenden Zeit der Babylonier: Die Bibel spricht im dritten Buch Moses einem Mann den siebzehnfachen Wert eines Mädchens zu. Etwa 2000 Jahre später verriet Judas seinen Herrn für 30 Silberlinge, was damals ungewöhnlich viel Geld für ein Menschenleben gewesen sein soll. Und während ein afrikanischer Sklave in Nordamerika Mitte des 19. Jahrhunderts, auf heutigen Wert umgerechnet, etwa 40.000 Euro gekostet haben soll, werden heute in vielen Entwicklungsländern Kinder für die sprichwörtliche Handvoll Dollar verkauft.

Für die Bewohner der wohlhabenden industrialisierten Welt liegen derartige Handelsplätze in weiter Ferne. Doch auch deutsche Paare bezahlen dubiosen Vermittlern zehntausende Euro für ein Adoptivkind. In fast jedem westlichen Haushalt lassen sich Produkte finden, die in Schwellenländern unter der Sklaverei ähnlichen Bedingungen fabriziert werden. Und längst wird unser monetärer Wert berechnet, um damit beispielsweise Entscheidungen über unsere Lebenschancen zu treffen. Diese Rechnungen werden häufiger, ihr Einfluss wächst.

Der wohl bekannteste Ansatz betrifft das Humankapital, das 2004 zum „Unwort des Jahres“ gewählt wurde. Denn es „degradiert“, so die Jury, „nicht nur Arbeitskräfte in Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu nur noch ökonomisch interessanten Größen“. Seine Berechnung orientiert sich in der Regel an dem Markteinkommen, das ein Mensch in seinem Leben zukünftig erzielen wird, beziehungsweise an den Investitionen in seine Leistungsfähigkeit. Erste Kalkulationen dazu wurden Ende des 17. Jahrhunderts von britischen Ärzten und Ökonomen vorgestellt.

Autor

Jörn Klare

arbeitet als freier Journalist unter anderem für den Deutschlandfunk und „Die Zeit“. Im Suhrkamp-Verlag ist sein Buch „Was bin ich wert? Eine Preisermittlung“ erschienen.

In Deutschland wurde diese Art Menschenbewertung spätestens in der Phase der Hochindustrialisierung populär, als immer mehr leistungsfähige Arbeitskräfte benötigt wurden. Weil man dem Menschen einen monetären Wert zugestand, war es nach ökonomischer Logik opportun, in seine Erhaltung und Entwicklung zu investieren. Gesundheit bekam den Status eines sozialen Gutes, und mit der Etablierung der Sozialhygiene Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Programme zum Gesundheitsschutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Wenig später jedoch hefteten Wissenschaftler bereits bestimmten Menschen oder ganzen Bevölkerungsgruppen einen „Nullwert“ oder gar negativen Wert an. Als fataler Ableger der Sozialhygiene entwickelte sich die Rassenhygiene, die schon lange vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus auf die Zwangssterilisation bestimmter Gruppen oder auf Euthanasiemaßnahmen für „wertloses Leben“ drängte.

Dennoch erlebte der Humankapitalansatz nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in den USA eine Art Renaissance. Sie war in erster Linie von den Wirtschaftswissenschaftlern Gary Becker und Theodore William Schultz geprägt, die 1964 beziehungsweise 1978 den Nobelpreis erhielten. Sie legten die Grundlagen der modernen gesamtwirtschaftlichen Humankapitaltheorie, wobei sie die Bedeutung von Bildung und Wissen für das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft und die Notwendigkeit entsprechender Investitionen auch aus entwicklungspolitischer Perspektive betonten.

Der große Gegenentwurf zum Humankapital- oder auch Produktivitätsansatz ist der so genannte „Wert eines statistischen Lebens“ (WSL). Diese Methode wurde in den 1970er Jahren in den USA entwickelt. Grundsätzlich geht es darum, was ein Mensch zu zahlen bereit ist, um sein Leben zu erhalten. Folgendes Beispiel soll den Grundgedanken zeigen: In einem Fußballstadion sind 10.000 Menschen versammelt. Sie erfahren, dass einer von ihnen ausgelost wird, der sterben soll. Jeder einzelne wird gefragt, wie viel er zahlen würde, um dieses Risiko für sich auszuschließen. Angenommen, der Durchschnittswert der Zahlungsbereitschaft beträgt 500 Euro, dann wird diese Summe durch das Todesrisiko dividiert (500 Euro durch ein Zehntausendstel); das Ergebnis – hier fünf Millionen Euro – ist der WSL.

In einem großen Teil der ökonomischen Literatur wird er als ein sinnvolles Instrument für Kosten- Nutzen-Rechnungen im öffentlichen Finanzwesen beschrieben. Das US-amerikanische Office of Management and Budget empfiehlt beispielsweise allen Regierungsbehörden, den WSL bei Entscheidungen zu nutzen, die Einfluss auf die Gesundheit oder das Sterberisiko der Bevölkerung haben. Wenn mit einem WSL von sechs Millionen Dollar kalkuliert wird, würde das eine so hohe Investition in eine Ampel rechtfertigen, wenn sich dadurch mit statistischer Wahrscheinlichkeit ein Menschenleben retten ließe. Die Installation einer Ampel für sieben Millionen Euro würde sich dagegen nicht „lohnen“.

Laut Berechnungen von 2008 schwankt der Wert des statistischen Lebens im internationalen Vergleich zwischen 9,7 Millionen Dollar (Japan), 7 Millionen Dollar (USA) und 1,2 bis 1,5 Millionen Dollar (Indien). Die jüngste für Deutschland ermittelte Zahl liegt bei knapp zwei Millionen Euro. Die Unterschiede werden mit unterschiedlichen Anwendungen der Methode, kulturellen Differenzen, vor allem aber abweichender wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit erklärt. Nicht zuletzt deswegen sind der WSL-Ansatz und seine Weiterentwicklungen umstritten und selbst nach Aussage seiner Befürworter alles andere als ausgereift. Schließlich scheint es höchst fragwürdig, die Zahlungsbereitschaft für eine Risikominderung mittels einer einfachen Rechnung zum „Wert eines statistischen Lebens“ zu bestimmen.

Als Ergebnis aber bleibt: Wer weniger hat, kann weniger zahlen. Nach der Logik des WSL hat ein Leben in einem Industriestaat somit einen höheren Wert als in einem Entwicklungsland. Dazu gab es 1995 in einem Bericht des Weltklimarats (IPCC), bei dem es auch um die „ökonomischen und sozialen Kosten des Klimawandels“ ging, eine Fußnote, die für Aufsehen sorgte. Es ging um die Bereitschaft, klimabedingte Umweltschäden mittels Investitionen zu vermeiden. Sie lag laut einer Untersuchung in den westlichen Industrieländern im Durchschnitt 15 Mal so hoch wie etwa in Bangladesch. Der Umweltökonom David Pearce vom University College London zog daraus den Schluss, ein Menschenleben in den westlichen Industrieländern entspreche dem Leben von 15 Bangladeschis.

Was sich monetär bewerten lässt, kann miteinander verglichen, gegeneinander aufgerechnet und auch ausgetauscht werden. Dass das bei entsprechenden Rechnungen und Vorgaben auch für den Wert des Menschen gelten kann, belegt ein weiteres Beispiel, das mit dem Namen des von Barack Obama ernannten Direktors des Nationalen Wirtschaftsrates der USA, Lawrence Summers, verbunden ist. Vor der UN-Konferenz in Rio im Jahr 1992, auf der es um nachhaltige Entwicklung ging, hatte Summers, damals Chefökonom der Weltbank, sich Gedanken über die in­ternationale Giftmüllentsorgung gemacht. Wörtlich hieß es da: „Die Kosten gesundheitsschädigender Verschmutzung bemessen sich nach den entgangenen Einnahmen durch erhöhte Krankheit und Sterblichkeit. So gesehen sollte die Verschmutzung in dem Land mit den geringsten Kosten stattfinden.“

Nach Summers Logik sollte die Umweltbelastung nicht einem wohlhabenden Land zugemutet werden, weil dort die Wahrscheinlichkeit, an einer Langzeitfolge der Verschmutzung zu erkranken und zu sterben, wesentlich höher ist als in einem Entwicklungsland. Schließlich erwirtschaften die Menschen dort nicht nur weniger, sie sterben in der Regel auch viel jünger an irgendetwas anderem – zum Beispiel Mangelernährung oder banalen Krankheiten. Deswegen gehen in den Entwicklungsländern wesentlich weniger gesunde Lebensjahre und die entsprechenden volkswirtschaftlichen Gewinne verloren. Summers’ Erkenntnis: „Die ökonomische Logik, eine Ladung Giftmüll in dem Land mit den niedrigsten Löhnen loszuwerden, ist untadelig.“

In Deutschland arbeiten bisher zwei Behörden mit monetarisierten Werten für ein Menschenleben: Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) und das Umweltbundesamt (UBA). Die BASt geht davon aus, dass der deutschen Volkswirtschaft durchschnittlich knapp 1,2 Millionen Euro durch jeden Unfalltod verloren gehen. Dieser Wert spielt eine mitentscheidende Rolle bei der Kosten-Nutzen-Kalkulation von Verkehrssicherheitsmaßnahmen. Und das UBA kalkuliert bei seiner ökonomischen Bewertung von Umweltschäden mit einer Summe zwischen 50.000 und 75.000 Euro für ein Lebensjahr, das etwa infolge langfristiger Staubbelastung verloren geht. Wenn eine bestimmte Art von Luftfiltern die Staubbelastung senkt, wodurch die Lebenserwartung steigt, kann der monetäre Wert dieser „gewonnenen“ Lebensjahre mit den Aufwendungen für die Luftfilter verglichen werden. Am Ende weiß man auch hier, ob sich die Investition und damit der Lebenszeitgewinn „rechnet“.

Während die BASt und das UBA im noch eher abstrakten Rahmen kalkulieren, werden im britischen Gesundheitswesen bereits Lebenschancen konkret berechnet. Ein gesundes Lebensjahr besitzt einen Wert von etwa 30.000 Pfund. Mit Hilfe dieser Orientierungsmarke wird entschieden, ob einem Patienten bestimmte kostspielige Behandlungen gewährt werden. Eine Operation, die – so ein stark vereinfachtes Beispiel – statistisch ein gesundes Lebensjahr garantiert, sollte also nicht mehr als 30.000 Pfund kosten, sonst besteht die Gefahr, dass sie nicht genehmigt wird. Deutsche Gesundheitsökonomen plädieren für eine Übernahme des Modells.

Aber darf man den Wert eines Menschen überhaupt berechnen? Schließlich heißt es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, dass die Würde des Menschen „unantastbar“ und somit auch nicht verrechenbar ist. Nach dem Philosophen Immanuel Kant wohnt die Würde jedem Menschen prinzipiell inne, ohne eine Ausschlussklausel hinsichtlich einer ökonomischen Zumutbarkeit. Wer das in Frage stellt, rüttelt an den Grundwerten unserer Gesellschaftsordnung, die auf Freiheit, grundsätzliche Gleichheit und die Achtung der menschlichen Würde setzt.

Das muss nun nicht die monetäre Bewertung unserer Arbeitskraft beziehungsweise unseres Potentials durch einen Arbeitgeber im Rahmen des Humankapitalansatzes betreffen. Die ist vielleicht unangenehm, scheint im Sinne der Würde nach dem Verständnis Kants aber grundsätzlich legitim. Höchst zweifelhaft wird es allerdings, wenn der Staat die Leben seiner Bürger aufgrund ihrer potentiellen Produktivität, also ihres Nutzens bewertet und entsprechend schützt.

Der Staat hat nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen zu fragen, was ihm ein Mensch nutzt oder noch einbringt, ob fiktive Eurosummen auf der volkswirtschaftlichen Verlustseite auftauchen könnten. Der Staat muss seine Bürger schützen. Natürlich hat das Grenzen. Gewisse Risiken lassen sich nicht vermeiden und sind zumutbar. Das Risiko sollte aber, soweit möglich, unbedingt für alle gleich sein. Da die Schlussfolgerungen aus den Kalkulationen der Bundesanstalt für das Straßenwesen oder des Umweltbundesamtes letztlich für alle gleich sind (womit sie im Grunde einer strengen ökonomischen Logik widersprechen), sind die praktischen Auswirkungen grundsätzlich legitim. Doch die Grundlage, das heißt die ökonomische Bewertung von Menschenleben, auf denen die Entscheidungen getroffen werden, ist kaum zu rechtfertigen, zumal auf dieser Basis – wie die Geschichte lehrt – fatale Entwicklungen nicht auszuschließen sind.

Zum Schluss noch ein anderer, durchaus faszinierender Gedanke. Er stammt von dem seiner Zunft kritisch gegenüberstehenden Wirtschaftsprofessor Josef Nussbaumer aus Innsbruck. Wenn schon entgegen aller ethischen Bedenken der Wert eines Lebens berechnet wird, müsste – so seine Forderung – allen Menschen ein einheitlicher Durchschnitts- oder auch Mindestwert zugestanden werden. Dahinter verbirgt sich nichts anders als eine ökonomisch fundierte Anleitung zur Weltrevolution. Denn entsprechend der ermittelten Summe stünde dann jedem Erdbewohner die gleiche Mindestinvestition zum Schutz und zur Erhaltung seiner Existenz zu. Das heißt keine neuen Ampeln oder Herztransplantationen mehr in den Industriestaaten, dafür aber viele, viele Brunnen, Krankenstationen und Schulen in den Entwicklungsländern.

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware