„Den Großgrundbesitzern ist nur schwer etwas nachzuweisen“

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten in Brasilien zwischen 25.000 und 40.000 Menschen unter Bedingungen, die als Sklaverei bezeichnet werden können. Die meisten Fälle gibt es in der ­Viehwirtschaft, bei der Herstellung von Holzkohle und auf den Zuckerrohrplantagen, die den Grundstoff für die Ethanolproduktion liefern. Thomas Bauer von der brasilianischen Landpastoralkommission erläutert, wie die Arbeiter in die Sklaverei geraten und was dagegen unternommen werden müsste.

Wie viele Menschen arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen auf Brasiliens Zuckerrohrplantagen?

Im vergangenen Jahr gab es 238 Anzeigen wegen Sklaverei, in 170 Fällen wurde dem nachgegangen. Als Folge wurden 4234 Arbeiter befreit, wobei das allerdings nicht die Gesamtzahl ist. Im Jahr davor wurden 5266 Arbeiter befreit.

Wie geraten die Arbeiter in die Sklaverei?

Die Leute werden in ihren Heimatregionen angeheuert, vor allem im armen Nordosten und Osten Brasiliens. Das erledigt ein Mittelsmann, der so genannte „gato“, auf Deutsch „Katze“. Der verspricht den Leuten gute Arbeit und gute Bezahlung. Die Leute werden dann per Bus oder LKW in weit entfernte Gegenden gebracht, wo sie sich überhaupt nicht auskennen und wo es keinerlei Infrastruktur gibt. Sie sind kaum angekommen, da wird ihnen schon vorgerechnet, was sie der Transport gekostet hat und wie viel Geld sie brauchen, um sich Arbeitsgeräte wie Buschmesser oder Motorsägen zu kaufen und ihr Lager aufzubauen. Auch ihr Essen müssen sie sich selbst kaufen, in der Regel zu völlig überhöhten Preisen. Das heißt, schon bei ihrer Ankunft sind die Arbeiter hochverschuldet. Fluchtversuche werden mit Gewalt beantwortet, und zudem sind die Leute auf den riesigen Plantagen völlig desorientiert.

Der Verband der brasilianischen Zuckerrohrindustrie sagt, Fälle von Ausbeutung seien die Ausnahme. Die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert.

Dass sich die Situation allgemein leicht verbessert hat, ist durchaus möglich. Trotzdem werden die Anforderungen an die Arbeiter ständig erhöht. Um heute einen Arbeitsplatz auf einer Plantage zu bekommen, müssen Sie 12 bis 14 Tonnen Zuckerrohr pro Tag von Hand schneiden. Das führt zu totaler Erschöpfung, oft bis zum Tod. Statistisch überlebt ein Plantagenarbeiter diese Schufterei nur 12 Jahre. Als die Sklaverei in Brasilien noch offiziell erlaubt war, lag der Vergleichswert bei 16 Jahren.

Ist diese Form der Ausbeutung industrieweit organisiert oder macht das jede Plantage auf eigene Faust?

Von einer Organisation der Industrie würde ich nicht sprechen. Die Großgrundbesitzer sowie die in- und ausländischen Investoren schicken die „gatos“ vor, um sich die Hände nicht schmutzig zu machen. So können sie später sagen, sie hätten die Mittelsmänner nur damit beauftragt, Arbeiter anzuheuern, aber von der Situation auf den Plantagen hätten sie nichts gewusst. Wir von der Landpastoralkommission haben es in der Regel nur mit den „gatos“ zu tun, und es ist sehr schwer, die Plantagenbesitzer zur Rechenschaft zu ziehen, wenn Arbeiter befreit worden sind.

Gibt es Initiativen der Industrie gegen die Ausbeutung?

Ich weiß nur von wenigen. Es gibt eine mobile Gruppe des Arbeitsministeriums, die den Anzeigen nachgeht. Die Großgrundbesitzer müssen den befreiten Arbeitern in der Regel zumindest den Mindestlohn erstatten und ihren Rücktransport bezahlen. Die Regierung führt außerdem eine schwarze Liste von Konzernen, denen nachgewiesen wurde, dass sie ihre Arbeiter unter sklavenähnlichen Bedingungen beschäftigt haben. Teilweise bekommen diese Konzerne keine Kredite mehr.

Tut die Regierung genug?

Sie hat das Problem erkannt, ist aber noch weit entfernt von einem systematischen Kampf gegen Sklavenarbeit. Die Einsatzgruppe im Arbeitsministerium ist zu klein und erhält zu wenig Mittel. Die Landpastoralkommission ist der Ansicht, dass jede Plantage, auf der nachweislich Sklavenarbeit stattgefunden hat, sofort enteignet und den betroffenen Arbeitern zugesprochen werden sollte, so dass die sich dort eine neue Existenz aufbauen können. Von derlei radikalen Schritten sind wir natürlich weit entfernt. Wir kennen viele Leute, die befreit wurden und ein Jahr später wieder in der gleichen Situation sind – aus der Not heraus.

Die brasilianische Regierung fördert die Ethanolproduktion stark. Heizt das die Ausbeutung und die Sklaverei auf den Plantagen zusätzlich an?

Einerseits ja: Die Regierung unterstützt die Industrie mit Steuervergünstigungen und billigen Krediten, und das fördert die Ausbeutung. Andererseits geht mit der Ausweitung der Ethanolproduktion auch die Mechanisierung der Zuckerrohrernte einher. Auf immer mehr Plantagen werden heute Maschinen eingesetzt mit der Folge, dass die Leute ihre – wenn auch unwürdige – Arbeit verlieren.

Das heißt, die Mechanisierung ist eine zweischneidige Sache, weil die Arbeiter auf den Plantagen letztlich keine Alternativen haben?

Es gäbe ja Alternativen, aber die will die Regierung nicht wahrhaben. Die größte Alternative wäre eine Agrarreform, so wie sie in der Verfassung vorgesehen ist: Danach können Ländereien enteignet werden, die brach liegen, auf denen Sklaverei herrscht oder auf denen nicht umweltverträglich produziert wird. Eine solche Umstrukturierung der brasilianischen Landwirtschaft würde die Lage der Arbeiter deutlich verbessern.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen.

 

Thomas Bauer lebt seit mehr als zehn Jahren im brasilianischen Bundesstaat Bahia im Nordosten des Landes. Der 36-jährige gebürtige Österreicher arbeitet für die katholische Landpastoralkommission, die für eine Agrarreform und für bessere Lebensbedingungen der Landbevölkerung eintritt.

 

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware